Es grenzt an ein Wunder

Verstrickung Syrische Fronten drohen auch dem Nachbarland, das mit einer fragilen inneren Machtbalance leben muss. Ein militärischer Konflikt käme vor allem dem Iran ungelegen
Straßenkrawalle nach der Trauerfeier für Geheimdienstchef al-Hassan
Straßenkrawalle nach der Trauerfeier für Geheimdienstchef al-Hassan

Foto: Florian Choblet /AFP/Getty Images

Ob Bashar al-Assads Arme noch so lang sind, dass sie augenblicklich bis in den Libanon reichen, kann bezweifelt werden. Und wenn doch, warum sollte er sie gebrauchen? Um das christlich-maronitische und sunnitische Establishment der Zedern-Republik gegen sich und seine libanesischen Alliierten aufzubringen? Fehlt es ihm etwa an Feinden? Braucht er zu all den inneren noch die eine oder andere äußere Front? Doch wohl kaum.

Wann immer der Libanon mit seiner fragilen Machttektonik seit der Staatsgründung von 1943 in innere Zerreißproben geriet, konnte man darauf warten, dass von syrischer Schuld und Verstrickung die Rede war. Der Verdacht lag nahe und schien historisch grundiert. Die französische Kolonialmacht hatte das syrische Mandatsgebiet Anfang der vierziger Jahre um den Libanon verkleinert. Auch wenn einem die Worte wie Asche im Munde zu zerfallen drohen – das Teile und Herrsche hat auch in diesem Fall Konflikte geschürt, die bis heute nachwirken. Als der Assad-Clan 1970 in Damaskus die Macht übernahm, stimulierte die syrisch-libanesische Zweistaatlichkeit panarabische Träume und lieferte Vorwände, beim Nachbarn notfalls per Einmarsch vorstellig zu werden. Besonders dann, wenn dortige Zustände eigenen Interessen zuwider liefen. Insofern grenzt es an ein Wunder, dass der syrischer Bürgerkrieg mit seinen vielen regionalen Paten nicht längst den Libanon eingemeindet hat. Schließlich wäre davon nicht zuletzt die in Beirut mitregierende Hisbollah betroffen, ein enger Verbündeter der iranischen Theokratie. Würden die Milizen und der schiitische Anhang von Scheich Nasrallah geschwächt, wäre für Teheran ein wichtiger Brückenkopf in Mitleidenschaft gezogen. Was der militärisch wert sein kann, wurde im Sommer 2006 offenbar. Hisbollah-Einheiten parierten damals eine israelische Libanon-Intervention mit energischer und wirksamer Gegenwehr. Seither gehört Hisbollah zur iranischen Drohkulisse, wenn Israels Premier Netanjahu stets von Neuem seine Angriffspläne beschwört. Nichts käme daher der Islamischen Republik weniger gelegen als ein libanesischer Aufguss der syrischen Katastrophe.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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