Euro-Requiem

Finanzjahr 2012 An der Schwelle zum Neuen Jahr ist offen, wie viel am 31. Dezember 2012 von der Eurozone übrig sein wird. Sicher ist nur: der Rettungsfonds braucht den nächsten Schub

Es war kaum anzunehmen, dass sich der Deutsche Aktienindex (DAX) kurz vor Jahresende noch einmal erholt und vielleicht über die 6.000-Punkte-Grenze klettert. Zu sehr gärt die Angst vor einer Rezession im kommenden Jahr und einem Vordringen der Eurokrise in den Kern der Eurozone – sprich: nach Deutschland und Frankreich, denen Szenarien drohen, die in diesem Jahr anderen widerfuhren.

2011 wurden die Großschuldner im EU-Verbund auf den Finanzmärkten schnörkel- und skrupellos nach unten durchgereicht. Aufgefangen hat sie allein die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) mit Bürgschaften und Krediten, sofern im Gegenzug haushaltspolitische Souveränität geopfert wurde. 59 Milliarden Euro gingen an Portugal und Irland, 109 Milliarden umfasst ein zweites, nur stufenweise ausgezahltes Hilfspaket für Griechenland. Manchmal zu Recht, oft zu Unrecht sahen sich diese Staaten (ebenso wie inzwischen Italien und Spanien) dem Vorwurf unsoliden Wirtschaftens ausgesetzt. Sie hatten mit ihren Schulden finanzielle Bürden zu schultern, die aus eigener Kraft zu tragen, ein vergebliches Unterfangen war. Die Kreditwürdigkeit geriet so bei fast allen privaten Gläubigern dermaßen in Verruf, dass sie Zinsen von sechs Prozent und mehr hinnehmen mussten, um Staatsanleihen los zu werden und Kredite abzulösen. Ein zynisches Spiel, weil damit aus Rettern Opfer wurden. Staaten wie Irland und Spanien hatten einst budgetäre Kraftakte vollbracht, um die eigene private Finanzindustrie vor dem Absturz zu bewahren, als im Herbst 2008 wegen der moribunden US-Investmentbank Lehman Brothers eine ganze Bankenwelt zu kollabieren drohte.

Vorerst keine Preisexplosion

Und 2012? Die unsicheren Kantonisten aus dem Vorjahr werden nicht zur Ruhe kommen. Allein Italien muss 327 Milliarden Euro refinanzieren – das heißt, alte Kredite durch neue bezahlen. Bei Spanien gilt Gleiches für 148 Milliarden Euro, für Frankreich laufen im nächsten Jahr Staatsanleihen im Wert von 218 Milliarden Euro aus. Wer sich diese Zahlen vor Augen hält, der weiß, weshalb die Europäische Zentralbank (EZB) am 21. Dezember Privatbanken fast 500 Milliarden Euro für 36 Monate zu extrem niedrigen Zinsen fast geschenkt hat. Die Institute werden verproviantiert, falls die Staaten im nächsten Jahr bei ihnen anklopfen, weil sie frisches Geld brauchen, um fälliges Geld zurückzuzahlen. Eine nächste, vergleichbar günstige Kredittranche der EZB soll es am 28. Februar 2012 geben – genau dann, wenn bei den genannten Staaten die ersten großen Verbindlichkeiten zu begleichen sind. Dass eine spendable EZB Geld gibt, was sie genau genommen nicht hat, sondern druckt, liegt auf der Hand. Dafür haften die Euro-Staaten und damit deren Bürger beziehungsweise Steuerzahler.

In das Jahr 2012 hinein begleiten die Zentralbank insofern drei Fragen: Wird sie diesen Kurs fortsetzen? Zusätzlich weiter Staatsanleihen von Euro-Staaten aufkaufen, wenn die sich anders nicht refinanzieren lassen? Wird sie den Leitzins noch einmal drücken – möglicherweise unter die Ein-Prozent-Marge? Je billiger, desto wertloser das Geld und desto größer das Inflationsrisiko, auch wenn eine heraufziehende Rezession vorerst keine Preisexplosion erwarten lässt.

Um so mehr wird an einer erneuten Aufstockung des Euro-Rettungsfonds kein Weg vorbeiführen. Seriösen Schätzungen zufolge braucht er mindestens ein Volumen von 1.000 Milliarden Euro, um die Schuldenkrise zu dämpfen und aggressive Spekulationen gegen Pleite-Aspiranten in der Eurozone abzuwehren. Mit anderen Worten, wachsende kollektive Lasten werden allen Euro-Staaten zuteil – auch Deutschland, dessen finanzielle Satisfaktionsfähigkeit nicht nur vom Beitrag zur Euro-Rettung, sondern mindestens ebenso vom Konjunkturverlauf 2012 abhängt. Gab es ihn nicht bereits, den effektvollen Schuss vor den Bug, als die US-Rating-Agentur Standard Poor's Anfang Dezember mit ihrem in Aussicht gestellten Downrating der Bundesrepublik das makellose Triple A zu bestreiten drohte? Versehen mit dem Zusatz „extrem sicher“ können dieses AAA derzeit in Europa nur noch die Schweiz, Schweden und Norwegen beanspruchen. Solange die Finanzwelt so bleibt, wie sie ist, werden die Zertifikate der drei großen Rating-Agenturen auch 2012 ein entscheidender Indikator sein, an dem sich ablesen lässt, wie die Eurokrise ins Gebälk aller Euro-Staaten vordringt.

Aberwitzige Marktinstrumente

Wenn die gesamte Eurozone dagegen nur schlecht gewappnet ist, dann auch deshalb, weil 2011 so viel von dem versäumt wurde, was geboten ist, um endlich einer Regulierung der Finanzmärkte näher zu kommen. Es gibt nach wie vor keine globale Finanzaufsicht, deren Vorteil es wäre, ein Regelwerk zu brauchen, das für alle gilt, die ihr Kapital vermehren wollen. Es ist misslungen, eine länderübergreifende Finanztransaktionssteuer zu etablieren, die bei Finanzgeschäften wenigstens den kleinen Aderlass auferlegt und sie darüber hinaus kontrollierbarer macht.

Es wurde versäumt, aberwitzige Marktinstrumente wie Kreditausfallversicherungen zu verbieten, mit denen kein Cent an Schulden refinanziert, keine Investition auf den Weg gebracht und kein Handelsgeschäft kreditiert, stattdessen aber auf den Bankrott von Banken, Unternehmen und Staaten gewettet wird. Lässt sich ein wirksamerer Anreiz als dieser denken, den finanziellen Leumund dieser Klientelen in Verruf zu bringen? Auch das Verbot von Leerverkäufen – also das Geschäft mit Wertpapieren, die man gar nicht besitzt – obliegt in der Eurozone als dem Epizentrum einer schwelenden Weltfinanzkrise weiter nationaler Regie.

Wie viel wurde 2011 getan, den Schuldnern Erbötigkeit abzuverlangen und sie unter Sparzwang zu setzen – und wie wenig, um die Gläubiger wenigstens teilweise in die Pflicht zu nehmen? Wenn sich daran 2012 nichts ändert, kann getrost schon jetzt damit begonnen werden, dem Euro ein angemessenes Requiem zu komponieren.

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Ihre Freitag-Redaktion

13:10 29.12.2011
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 42/2021

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