Exportartikel Dschihad

Kenia/Somalia Mit dem Anschlag auf ein Einkaufszentrum in Nairobi greift der schwelende Bürgerkrieg in Somalia erstmals auf die Nachbarschaft über, die daran nicht unschuldig ist
Exportartikel Dschihad

Foto: Carl de Souza / AFP

Somalia ist seit mehr als zwei Jahrzehnten ein Staat ohne Staatsautorität. Das Land am Horn von Afrika wird deshalb von urteilsstarken Politologen gern mit dem Stigma failed state – gescheiterter Staat – bedacht. Was reflektiert dieses Trash-Siegel im Augenblick? Dass es zwar wieder eine Regierung gibt, die aber bestenfalls die Hauptstadt Mogadischu dirigiert. Dass von einer Armee nicht gesprochen werden kann, sondern von loyalen Militärs, die mehr zur Leibgarde von Präsident Hassan Sheikh taugen denn zur großen Schlacht. Dass eine nationale Ökonomie parzellierenden Clan-Interessen unterworfen ist oder zerstört am Boden liegt. Dieser Staat ohne Staat ist ein ideales Machtvakuum, das von islamistischen Milizen seit Jahrzehnten mit aggressivem Machtanspruch ausgefüllt wird. Der erfasst mit Kenia nun die Nachbarschaft. Die Attentäter – sie sollen zum Netzwerk der al-Qaida nahen Al-Shabaab gehören – tragen ihren Dschihad vom Land in die Region, um sich Entlastung zu verschaffen, so der Eindruck. Reicht dieser Steckbrief eines Nicht-Staates, um zu erklären, weshalb im Westgate-Einkaufszentrum von Nairobi am Wochenende fast 70 Menschen sterben mussten?

Immer wieder Interventionen

Momentaufnahmen wie diese sind vorzüglich geeignet, den Blick auf die Geschichte eines Konflikts zu trüben. Wird das somalische Fiasko als heiliger Krieg exportiert, ist das auch die Folge des Unvermögens westlicher Mächte und der Afrikanischen Union (AU). Denen blieb es bisher verwehrt, die stabile Anarchie im „failed state“ zu erschüttern. sooft sie das auch versucht wurde. Es hat nicht am Gebrauch externer Macht gefehlt, um Somalia innerlich zu befrieden. Die Vereinten Nationen exponierten sich von 1992 bis 1994 mit der Operation UNOSOM, die unter US-Kommando zum blutigen Reinfall wurde. Dann intervenierte Ende 2006 die äthiopische Armee. Doch hatte für die ambitionierte Regionalmacht die islamistische Hydra ein paar Köpfe zu viel. Dem Aufmarsch folgte der Abzug, ohne den Feinden somalischer Staatlichkeit den Lebensnerv genommen zu haben. Schließlich ermannte sich die Afrikanische Union und autorisierte im Herbst 2011 die kenianischen Streitkräfte mit der Operation Linda Nchi in Somalia aktiv zu werden. Doch blieb auch die Mission AMISOM beim gewohnten Muster – Befriedung braucht Besatzung, humanitäre Hilfe bewaffneten Geleitschutz, Selbstbestimmung vorherige Fremdbestimmung. Es kam, wie es kommen musste. AMISOM kontern die Al-Shabaab, indem die sich unter ihrem neuen Führer Ahmed Abdi Godane radikalisieren und ihre Taktik regionalisieren. Die Antwort kann nur in einer gleichsam regionalisierten Konfliktstrategie bestehen, die in eine ökonomische Wiederaufbauhilfe der gesamten AU für Somalia mündet. bei der Friedensstiftung statt Friedenserzwingung Vorrang genießt. Nur so kann den al-Shabaab der Rückhalt im Land entzogen werden. Wenn sich Afrikas Staatenbund zugleich strenger Realpolitik verschreibt, könnte die Staatsferne Somalias als Auftrag verstanden werden, das Land vorübergehend als Mandatsgebiet zu führen, verbunden mit dem Angebot an die Al-Shabaab-Führung Partner eines solchen AU-Protektorats zu werden. Auch wenn eine solche Konzilianz nach dem Geschehen der vergangenen Tage schwerfällt.

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 39/13 vom 26.09.2013

08:00 26.09.2013
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden
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