Fehler? Welche Fehler?

Tony Blair Britanniens Ex-Premier präsentiert mit seinen Memoiren ein beachtliches Maß an Ignoranz und politischer Verdrängung, um seine Wahrheit zu vertreten

Tony Blair (57) übernahm 1994 den Labour-Vorsitz, war 1997 mit 43 Jahren der jüngste ­britsche Premier seit langem, regierte zehn Jahre und trat 2007 zurück. Seither ist er Nahost-Emissär

Die Weltgeschichte ist voll von Weltgerichten, die nie stattfinden, weil Angeklagte ohne Ankläger bleiben. Auch Tony Blair muss mit dieser Entbehrung leben. Wie George W. Bush hat er viel dafür getan, vor einen Internationalen Strafgerichtshof zitiert und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit belangt zu werden. Doch wird er nie vor einem derartigen Tribunal erscheinen. Politik und Recht sind enger verschwistert als ihnen lieb sein sollte. Enger als Schuld und Sühne.

Vielleicht fällt Tony Blair auch deshalb als Angeklagter aus, weil ihm offenkundig die Schuldfähigkeit fehlt. Psychiatrische Gutachten sprechen in solchen Fällen von fortschreitendem Wirklichkeitsverlust und dem Unvermögen, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu erfassen. Was der Ex-Premier in seinen Memoiren, betitelt A Journey, über sich und den Irak-Krieg schreibt, legt diesen Befund nahe. Da ist einer in Parallelwelten unterwegs, um auf seiner Wirklichkeit zu beharren und als politische Wahrheit zu verkaufen.

„Ich kann die Entscheidung, in den Irak-Krieg zu ziehen, nicht bereuen“, schreibt der Autor und fügt hinzu: „Ich kann sagen, dass ich den Alptraum, der in dem Land heraufzog, nie für möglich gehalten hätte ...“ Für die Invasion könne er sich deshalb nicht entschuldigen. Es habe ihn wütend gemacht, als Sir John Chilcot (Vorsitzender des Irak-Untersuchungsausschusses im Unterhaus – die Red.) ihn gefragt habe: „Bereuen Sie etwas?“ Blair in A Journey: „Bei einem Ja, hätte ich gewusst, was passiert: ‚Blair entschuldigt sich für den Krieg‘. Oder etwas Vergleichbares ... Hätte ich nein gesagt, hätte ich wie ein abgestumpfter, brutaler Kerl dagestanden, dem das Leid gleichgültig ist ...“

Auch das Schicksal von David Kelly? Dem Waffeninspekteur und Regierungsberater, der am 17. Juli 2003 Selbstmord beging, weil er unter Verdacht geriet, ein „Verräter“ zu sein? Am 29. Mai 2003 hatte der BBC-Hörfunk berichtet, die Regierung Blair habe – bevor die ersten Bomben auf Bagdad fielen –, ein Geheimdienstdossier über mutmaßliche Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins „scharf“ gemacht. Als Retuscheur sei nicht irgendwer in Erscheinung getreten, sondern Alastair Campbell, der Kommunikationsdirektor von Tony Blair.

Eine veritable Staatsaffäre begann langsam, aber unaufhaltsam durch die Adern der Londoner Exekutive zu kriechen, und kam gut voran. Hatte ein Vertrauter Blairs Fakten frisiert, damit Britannien unangefochten Krieg führen konnte?

Als die BBC ihre Fragen stellte, waren die Invasionstruppen mehr als zwei Monate im Irak und noch auf kein Depot des Grauens gestoßen. Dabei hatte US-Außenminister Colin Powell Mitte Februar 2003 von dem UN-Sicherheitsrat per Bildwerfer die ergiebigen Aufklärungserträge der eigenen Geheimdienste vorgeführt. Man musste sich nur an diese Topografie der Enttarnung halten, um im Irak zu finden, was gesucht wurde. Gefunden wurde aber nichts. Weil alles erfunden war. Auch durch Blairs Entourage?

Was im Sog des BBC-Reports geschah, erhärtete die Erfahrung: Von Überzeugungstätern wie Blair geführte Regierungen kennen keine Skrupel. Der Zweck segnet ihre Mittel. Das Verteidigungsministerium ließ den Namen der „möglichen Quelle“ des BBC-Reporters durchsickern: David Kelly, der Mikrobiologe und Chemie-Waffen-Experte. Was wusste er über die gestörte Wahrheitsliebe in Whitehall, dass ihn die Last des Gewissens zu erdrücken begann? Sofort kreisten die Medien um die „undichte Stelle“. Auch das schwere Leck in Blairs Kriegslegende entging ihnen nicht. Kelly wurde vor den außenpolitischen Ausschuss des Unterhauses zitiert, dort zwar entlastet, war aber offenbar so verzweifelt, dass er seinem Leben ein Ende setzte.

Als Kelly den Tod suchte, hatte sich Tony Blair gerade von beiden Häusern des US-Kongresses feiern lassen. Wie Bush mit seinem Mission Accomplished griff auch er beherzt in den rhetorischen Setzkasten des Heroismus und rief einen Satz, der Ovationen aufschäumen ließ: „Die Geschichte wird uns vergeben“.

Mehr als sieben Jahre später wäre für Britanniens Ex-Premier schon viel gewonnen, würde ihm nur das irakische Volk vergeben, vom Imam in Falludscha bis zum Taxifahrer in Bagdad. Die britischen Truppen haben ihre Militärzone im Süden weitgehend geräumt und eine Hochburg schiitischer Sektierer hinterlassen. Wie lange wird der Irak nach der Besatzungszeit und einem lediglich verdrängten Bürgerkrieg brauchen, um so viel nationalen Zusammenhalt zu finden, wie ein Staat nach allgemeiner Überzeugung braucht, um existieren zu können? Blair riskiert dazu in seinem Buch keine Prognose.

Nach dem Labour-Wahlsieg vom Juni 2001 hatte er auf dem bald darauf einberufenen Parteikongress eine Weltordnung beschrieben, bei der es darauf ankomme, die „Mächte der Finsternis“ in Schach zu halten. Aus Tony Blair schien George W. Bush zu sprechen. Doch der regierte zu diesem Zeitpunkt gerade fünf Monate und die Zwillingstürme in New York standen noch. Blair gab sich aus eigenem Antrieb als Apologet einer neuen Weltordnung zu erkennen, die dann nach den Terroranschlägen vom 11. September errichtet wurde.

Als die Feldzüge im Namen des Guten begannen und die Vernunft in den Untergrund trieben, wurde auch deshalb aus dem bröckelnden Vertrauen für New Labour ein unaufhaltsamer Abstieg. In A Journey bringt Blair das Schicksal seiner Partei auf die an Schlichtheit kaum zu überbietende Formel: „Die Labour Party hat gewonnen als sie New Labour war. Sie hat verloren, weil sie aufhörte, New Labour zu sein.“

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12:45 10.09.2010
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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sachichma | Community
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preussenmichel34 | Community