Feuer beim Nachbarn

Trump-Besuch Wenn der US-Präsident zum 75. Jahrestag des D-Day von 1944 in London weilt, erinnert das zwangsläufig an Umgangsformen, wie sie einst Roosevelt und Churchill pflegten
Feuer beim Nachbarn
Donald Trump hat in Großbritannien kein Heimspiel

Foto: Ben Stansall / AFP

Es trifft sich gut, dass Donald Trump zum 75. Jahrestag der alliierten Invasion in der Normandie zunächst Großbritannien besucht. Die transatlantische Brücke zwischen Washington und London erinnert an den respektvollen Umgang, wie ihn einst Franklin D. Roosevelt und Premier Winston Churchill pflegten, während der heutige US-Präsident mehr Wert auf eine provokante Einmischung in die Politik seines Gastlandes legt. Offenbar sollen damit diplomatische Gepflogenheiten als absolut überflüssiges Ritual denunziert werden.

Als Großbritannien Ende 1940 die Luftschlacht mit dem Aggressor Deutschland überstanden hatte, nun aber erst recht mit einem langen Krieg rechnen musste, erschien Rüstungsnachschub aus den USA unverzichtbar. Ermöglichen sollte diesen ein vom Weißen Haus durch den Kongress gebrachtes Leih- und Pachtgesetz, das die bereits erheblich schwindenden britischen Dollarguthaben für die Zeit der Kampfhandlungen schonte. Roosevelt erklärte am 16. Dezember 1940 auf einer Pressekonferenz die Intention seines Dekrets, indem er ein einfaches Bild gebrauchte: Wenn beim Nachbarn Feuer ausgebrochen sei, und man selbst über einen Gartenschlauch und Hydranten verfüge, werde man nicht sagen, du musst mir 15 Dollar zahlen, sondern „ich will meinen Gartenschlauch erst zurück, sobald das Feuer gelöscht ist".

In einem Augenblick höchster Gefahr für das Vereinigte Königreich war es die uneigennützige Tat eines amerikanischen Präsidenten, der einem Verbündeten in Not zu Hilfe kam.

Brexit-Illusionen

Donald Trump steht nicht nur im Schatten dieser politischen Integrität und Souveränität, er muss sich zum D-Day-Jubiläum wohl oder übel daran messen. Er tut das mit dem üblichen Missionierungswillen, wenn er Großbritannien einen Brexit ohne Vertrag und einen Premier Boris Johnson empfiehlt, der garantiert „einen guten Job“ machen werde.

Dies steht für das Gegenteil der Roosevelt-Agenda des Beistandes von einst, denn der destruktive Ansatz ist unverkennbar. Gewiss können die Briten nach einem unregulierten Ausstieg aus der EU mit den USA Handelsverträge schließen, soviel sie wollen. Nur werden sie dann für den europäischen Kontinent zu einer externen Macht, die mit dem Binnenmarkt und der Zollunion nichts mehr zu tun hat. Die Konsequenzen für die britischen Aus- und Einfuhren liegen auf der Hand, auch wäre Nordirland von der Republik Irland durch eine harte System- und Zollgrenze getrennt – mit unabsehbaren Folgen für das nicht übermäßig belastbare Verhältnis zwischen den (Konflikt-)Parteien in Belfast.

Mit anderen Worten, der mutmaßlich schnelle Handelsdeal mit den USA ist zu nichts sonst geeignet, als in den großen Trog der Brexit-Illusionen gekippt zu werden. Im Interview mit der Sunday Times meinte Trump kurz vor seinem London-Trip, wenn man mit Brüssel keinen fairen Deal bekomme, müsse man eben „einfach vom Verhandlungstisch aufstehen und gehen“. Und sich um die ausstehenden Verbindlichkeiten nicht weiter kümmern – Provokation als Passion.

Verspieltes Vermächtnis

Wer ständig darüber schwadroniert, dass Russland nichts anderes im Sinn habe, als der EU nach Kräften zu schaden, sollte sich vor Augen halten, wie der US-Präsident eben diese Wirkung vom Brexit erhofft und durch seinen Beitrag zu potenzieren wünscht. Dieser Stil einer beinharten Brüskierung ist nicht durch beifallheischende Havard-Reden einer deutschen Kanzlerin beizukommen, sondern allein mit dem Aufbau von Gegenmacht, wozu man sich jedoch schon beim Iran-Konflikt nicht aus der Deckung traut.

Merkels Buß- und Strafpredigt in Havard wirkt da wie eine verdruckste Ersatzhandlung, wenn direkte Kritik an Trump vermieden wird.

Insofern bietet die 75-jährige Wiederkehr der alliierten Landung an den Stränden der Normandie auch eine Gelegenheit, sich des Versagens der damaligen Westmächten, besonders Frankreichs und Großbritannien, zu erinnern, die bis zum 1. September 1939 glaubten, sich mit Hitler arrangieren zu können, statt unverhohlener Aggressivität Einhalt zu gebieten.

Die USA wiederum hielten sich – geprägt vom Isolationismus der Ära nach Woodrow Wilson in den 1920er Jahren – lange aus den europäischen Angelegenheiten heraus, bis sich diese Politik sowohl aus geostrategischen wie moralischen Gründen nicht länger aufrechterhalten ließ. Präsident Roosevelt führte sein Land, dem Deutschland und Italien am 11. Dezember 1941 den Krieg erklärt hatten, in einen „letzten guten Feldzug“, in dem es galt und sich lohnte, für die Befreiung Europas zu kämpfen.

Was danach kam – in Korea, Guatemala, Vietnam, Irak, Jugoslawien, Afghanistan, Libyen und anderswo –, verhöhnte das Vermächtnis der Normandie-Kämpfer vom 6. Juni 1944.

Es geschah an diesem „längsten Tag“ des vorletzten Kriegsjahres, dass ein Sergeant wie Shadow McManus, voranging von Bord eines Landungsbootes, „das Gewehr in der Hand, und seine Leute quer über den Sand führte und das Kliff hinauf und die erste Bresche schlug, und wie das Ganze sich hinzog bis zum Nachmittag, wo es endlich klar wurde, dass man Fuß gefasst hatte auf diesem schmalen Streifen Landes“, schrieb Stefan Heym in seiner Autobiographie Nachruf.

Trumps Imponiergehabe und sein Aufgusspartriotismus haben damit nichts mehr zu tun.

11:09 04.06.2019
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden
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