Feuerprobe

Novemberpogrom Gewalt und eine Verfügung des NS-Regimes setzen vor 80 Jahren einem einzigartigen Ort jüdischen Lebens in Berlin ein jähes Ende
Feuerprobe
10. November 1938 – ein Polizist vor dem Jüdischen Museum in Berlin

Foto: akg-images/dpa

Im Tauentzien-Palast in der Nähe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche ist am 9. November 1938, einem Mittwoch, das Zarah-Leander-Melodram Heimat zu sehen. Im Ufa-Palast am Zoo läuft seit einer Woche der Urwald-Film Kautschuk. Und im Kino Capitol am damaligen Auguste-Viktoria-Platz konnte vor zwei Tagen Wolfgang Liebeneiners Du und ich seine Premiere feiern. Seither wird das Kitsch-Juwel vor ausverkauftem Parkett und gut besetzter Loge gezeigt.

Was Kinobesucher an diesem wie den Abenden zuvor am meisten erschreckt, das ist die Riesenschlange, die René Deltgen, dem Hauptdarsteller von Kautschuk, ins Genick zu fallen droht. Ansonsten scheint alles wie immer zu sein, als die Menschen aus den Lichtspielhäusern in Bars, Restaurants und U-Bahnen strömen.

Stunden später brennen in Berlin jüdische Gotteshäuser, in der Fasanenstraße, in der Levetzowstraße, der Rykestraße, am Fraenkelufer in Kreuzberg. Brandgeruch liegt am Morgen auch über der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße, doch ist das Gebäude durch das couragierte Einschreiten des Hauptmanns Wilhelm Krützfeld und anderer Polizisten vom Revier 16 am Hackeschen Markt nur leicht beschädigt.

Krützfeld hat mit Verweis auf Gefahren für die Umgebung die Brandstifter vertrieben und die Feuerwehr alarmiert. Dadurch bleibt auch das Jüdische Museum im Haus nebenan – in der Oranienburger Straße 31 – verschont. Nur kurz haben sich dort in der Nacht ein paar SA-Männer Zugang verschafft, Vitrinen zertrümmert, Türen eingetreten, Plastiken umgestürzt, Exponate entwendet. Tags darauf wird dem Jüdischen Museumsverein von der Geheimen Staatspolizei mitgeteilt, dass die Museumsräume „vorübergehend geschlossen“ seien.

„Für immer geschlossen bleiben“, ist gemeint.

Eingeweiht erst am 24. Januar 1933 – sechs Tage vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler – hat damit ein für die Reichshauptstadt einzigartiger Kultur- und Erinnerungsort keine sechs Jahre existiert. Es fehlte zur Eröffnung nicht an Zuspruch und Prominenz. Zu den Ehrengästen zählten Max Friedländer, Direktor der Berliner Staatlichen Museen, Walter Stengel, Direktor des Märkischen Museums, Theodor Wolff, Chefredakteur des Berliner Tagesblatts, der Schriftsteller Arnold Zweig, der Maler Max Liebermann. Das preußische Kultusministerium schickt am 2. März 1933 eine Abordnung, die das Haus besichtigt und nach dem Rundgang begeistert gewesen sein soll.

Raub und Ausverkauf

Liegt am 24. Januar 1933 eine Vorahnung über der honorigen Gesellschaft des ersten Tages? Ein vages oder ein bestimmtes Gefühl, dass die Welt, in der ein solches Institut entstehen konnte, bald verloren sein würde? Was die Gäste beim ersten Rundgang sehen, sind Zeugnisse aus 300 Jahren jüdischen Lebens in Berlin und der Mark Brandenburg – außer Gemälden und Plastiken Siegel und Petschafte, jüdische Kultgegenstände (Judaica), Handschriften, Drucke, Bücher, Urkunden und Fotografien.

Was nach dem 9. bzw. 10. November 1938 aus diesen Beständen geworden ist, lässt sich bis heute nicht erschöpfend klären. Gemälde von Lesser Ury und Jakob Steinhardt, Plastiken von Arnold Zadikow (der das Jahr 1943 in Theresienstadt nicht überlebt) werden bei Auktionen in Zürich oder Bern im Auftrag des NS-Staates versteigert, um Devisenbestände aufzufüllen. Von derartigem Ausverkauf betroffen sind gleichsam Judaica wie Tora-Vorhänge, Chanukka-Leuchter oder Sabbat-Lampen, die in der Oranienburger Straße davon erzählt haben, wie jüdisches Leben in Berlin einst begann, als die Edikte des Großen Kurfürsten 1671 wohlhabenden Familien mosaischen Glaubens ein Wohnrecht in Preußen einräumten, um mit deren Geld dem Niedergang des Landes nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) zu trotzen.

Ein Teil der Gemäldesammlung wird 1946 aus Kellerräumen in Berlin-Charlottenburg geborgen und dem Bezalel-Museum in Jerusalem sowie jüdischen Einrichtungen in den USA übergeben, während Bilder wie Steinhardts Gemälde Der Prophet heute wieder am historischen Ort, in der Neuen Synagoge – Centrum Judaicum zu sehen sind.

Sehnsucht und Illusion

In den Jahren nach 1933 werden im Jüdischen Museum fast schon fieberhaft stetig neue Ausstellungen kuratiert, so im Mai 1935 die Frühjahrsschau jüdischer Künstler, im Februar 1936 beginnt eine Exposition zu Erinnerung an den ein Jahr zuvor verstorbenen Max Liebermann, es folgt der mehrfach verlängerte Exkurs Unsere Ahnen. Im Herbst 1937 sind Werke des 1926 mit 53 Jahren verstorbenen Berliner Malers Max Fabian zu sehen. Immer wieder richtet die Museumsleitung die Bitte an Familien, die aus Deutschland emigrieren, durch private Zuwendungen – die Übergabe religiöser Kultgegenstände, von Fotosammlungen oder Urkundenmaterial – eine „Erweiterung des Museums möglich“ zu machen, dem es an Geld für Ankäufe fehle.

Als 1934 die Jüdische Künstlerhilfe gegründet wird, gerät das Museum in einen ähnlichen Zwiespalt wie der ein Jahr zuvor entstandene Kulturbund Deutscher Juden des Dirigenten Kurt Singer. Wie diese Selbsthilfeorganisation Schauspieler, Musiker, Sänger und Tänzer, die nirgendwo mehr auftreten dürfen, wieder auftreten lässt, sind auch die Räume in der Oranienburger Straße für jüdische Maler, Graphiker und Bildhauer ein Refugium. Das Museum wird zur letzten Öffentlichkeit einer geschlossenen Gesellschaft, die sich der Annahme hingibt, von der tödlichen Feindschaft, die sie umgibt, soweit verschont zu bleiben, das ein Weiterarbeiten und Überleben möglich ist. Sehnsucht und Illusion gegen Ächtung und Isolation.

Hätte man stattdessen rechtzeitig ins Exil gehen sollen? Historische Konjunktive sind immer fragwürdig und wenig legitim. Sie gründen auf Urteilen, die im Wissen um den Verlauf von Geschichte gefällt werden, nicht unter dem Druck des unmittelbaren Erlebens, dem Menschen standhalten müssen. Wie konnten die Mitglieder im Kulturbund und in der Künstlerhilfe um die Zeitläufte wissen? Sie kannten nur die Zeit, denen sie als Verfemte und Hoffende zugleich ausgesetzt waren.

Aufgegeben und aufgelöst

Nach 1933 kommen immer wieder jüdische Schulklassen zum Unterricht in die Museumsräume, auch aus dem Gymnasium in der nahen Großen Hamburger Straße. Vor 80 Jahren, am 10. November 1938, beginnt dort der Unterricht verspätet, um bald abgebrochen zu werden. Stunden voll düsterer Besorgnis für die gut 300 Schüler und ihre Lehrer in der ältesten jüdischen Schule Berlins, die 1781 der große, sanfte Philosoph Moses Mendelssohn mitbegründet hat.

Der 10. November 1938 wiederholt sich am 30. Juni 1942, als wieder alle nach Hause müssen. Diesmal für immer. Die Schulleitung hat eine Weisung von Erziehungsminister Bernhard Rust erreicht. Danach ist „ab 1. Juli 1942 jegliche Beschulung jüdischer Kinder durch besoldete und unbesoldete Kräfte untersagt“. Der Erlass wird im Jüdischen Nachrichtenblatt abgedruckt, der einzigen Publikation, die um diese Zeit noch erlaubt ist.

Am 9. Januar 1940 hat es in eben diesem Periodikum auf Seite 3 eine Anzeige gegeben, überschrieben mit „Bekanntmachung“, darunter der Text: „Der Jüdische Museumsverein in Berlin ist aufgelöst. Die Abwicklung erfolgt durch den bisherigen Vorstand ..., Berlin N 4, den 27. Dezember 1939, Johannisstr. 16“.

06:00 09.11.2018
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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