Frühlingserwachen am Genfer See

Tauwetter US-Außenministerin Clinton trifft heute in Genf ihren russischen Amtskollegen Lawrow. Man will auf Augenhöhe über gemeinsame Interessen reden und Konflikte eindämmen

So verrückt und so gerecht kann Geschichte sein. Einst waren die Taliban als Todfeinde der Sowjets die umworbenen, gut ausgerüsteten Frontmänner des Westens in Afghanistan. Dieses Land war in den achtziger Jahren Schauplatz eines heißen Krieges, der in dieser Weltregion den kalten Krieg ersetzte und einer Entscheidung entgegen trieb. Inzwischen sind die Taliban kein Vortrupp fremder Gönner mehr, sondern allein Kämpfer in eigener Sache, wodurch sie von Freunden zu Todfeinden des Westens wurden. Da können der bedrängten NATO, vor allem den Amerikanern, Partner oder gar Verbündete nur Recht sein. Besonders solche, denen es an Erfahrung mit diesem Gegner nicht fehlt.

So ist plötzlich vom amerikanisch-russischen Schulterschluss gegen die Taliban die Rede. Der wurde nicht irgendwann von irgendwem in Aussicht gestellt. Dem russischen NATO-Botschafter Dmitri Rogosin war es vorbehalten, gestern in Brüssel zu erklären, „die Situation der von den USA geführten Koalition erscheint dramatisch, um nicht zu sagen tragisch“. Sollte die NATO in Afghanistan eine Niederlage erleiden, gerieten alle Nachbarstaaten in Gefahr. Deshalb sei Russland an einem Sieg der Taliban nicht interessiert und wolle den Amerikanern helfen. Dieses klare Wort an die Adresse der Gotteskrieger ist zugleich eine Absage an die Glaubenskrieger der NATO, die nach dem Russland-Georgien-Konflikt vom August 2008 und der Sabotage des russisch-europäischen Energietransfers durch die Ukraine viel von ihrer Sehnsucht nach einem neuen Kalten Krieg preisgaben. Sie müssen nun erleben: Die neue US-Regierung will andere Prioritäten setzen.

Worauf indirekt auch Rogosin reagierte, dessen Erklärung zunächst einmal einem anderen Ereignis im Brüssel zu verdanken war – der Wiederauferstehung des NATO-Russland-Rates. Wofür es offenbar keine russischen Vorleistungen gab. Weder wurde die Anerkennung des Kreml für die beiden abtrünnigen Republiken Südossetien und Abchasien zurückgezogen, noch etwas über einen Abzug russischer Truppen aus diesem Teil des Kaukasus bekannt. Auch scheint es kein Moskauer Plazet für Vorstadien einer NATO-Aufnahme der Ukraine und Georgiens zu geben.

Präsident Obama und Außenministerin Clinton – die heute in Genf ihren russischen Amtskollegen Sergej Lawrow trifft – wollen gegenüber Moskau nicht mehr und nicht weniger als Realpolitik. Vielleicht aus Überzeugung, vielleicht aus Pragmatismus, vielleicht auch, weil die Generation Obama es leid ist, für Nachhut-Gefechte des Kalten Krieges eingespannt zu werden. Dabei scheint es egal zu sein, ob die von notorischen Russlandfeinden in Polen oder Litauen geführt werden oder von Politikern in Westeuropa, die Russland lieber als degenerierte Autokratie schmähen denn als satisfaktionsfähigen Partner anerkennen wollen.

Obama braucht ein möglichst konfliktfreies Verhältnis zu Moskau, um die Konflikte eindämmen zu können, die ihm sein Vorgänger hinterlassen hat. Das trifft auf die prekäre Lage in Afghanistan ebenso zu wie auf den Streit um die Urananreicherung im Iran. Und es gilt für das Gebot, einen neuen START-Vertrag über die strategischen Waffen auszuhandeln, ebenso wie für die Frage, ob US-Abwehrraketen in Polen stationiert werden sollen oder nicht.

Moskau ist als Partner gefragt, wie noch von keiner US-Regierung seit dem Epochenbruch von 1990. Was Putin und Medwedjew dabei am meisten beglücken dürfte: Ebenbürtigkeit wird nicht a priori ausgeschlossen.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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