Für Afrin fehlen die Worte

Syrien/Türkei Dass in der Politik doppelte Standards zur wertorientierten Grundausstattung gehören, zeigt aktuell wieder einmal der Umgang mit dem türkischen Feldzug in Nordsyrien
Ausgabe 12/2018
Türkische Truppen posieren in Afrin
Türkische Truppen posieren in Afrin

Foto: Omar Haj Kadour/AFP/Getty Images

Was der NATO-Staat Türkei augenblicklich in der kurdischen Stadt Afrin anrichtet, ist über jeden Zweifel erhaben und besitzt hohe Beweiskraft. Der Regierung Erdoğan daraufhin zuteilwerdende Schuldzuweisungen halten sich freilich in Grenzen. Was erst recht auf Sanktionen zutrifft, auch wenn völkerrechtlich relevante Tatbestände wie Aggression und Okkupation derart geahndet werden könnten. Desgleichen Plünderungen, Vertreibungen und ethnische Säuberungen, aber nicht einmal zur Vorladung vor den UN-Sicherheitsrat reicht es.

Wenigstens belasten hierzulande Reste von Scham das Gewissen, sodass nationalistischer Eroberungsdrang zwar toleriert, aber zugleich mit Sorge quittiert wird. Man hört allenthalben, der westliche Wertekanon schließe eine solche Expansion natürlich aus, leider werde man vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Rücksicht auf den unentbehrlichen Verbündeten nicht zu vergessen.

Ist das Unbehagen über missachtete Werte angebracht? Werden statt der deklamierten die tatsächlichen Hits des westlichen Wertesystems mit dem Feldzug in Nordsyrien nicht exemplarisch bedient? Die Profitsucht von Unternehmen etwa, die ihre Produkte dorthin schicken, wo sie am besten zu vermarkten sind. Handelt es sich um Waffen, sind das oft Krisen- und Kriegsgebiete. Wo sonst wird deutschen Leopard-Panzern ein Praxistest unter Gefechtsbedingungen zuteil wie in Afrin? Für Absatz, Bilanz und das Werben um Kundschaft kann das nur von Vorteil sein. Wie in der Wirtschaft Gewissen- und Skrupellosigkeit, gehören in der Politik doppelte Standards zur wertorientierten Grundausstattung. Was besonders Kanzlerin Merkel verinnerlicht hat. Die Schlacht um Ost-Ghuta geißelt sie als „Massaker“ der Assad- und der russischen Armee, für die Schlacht um Afrin fehlen ihr bis zu Beginn dieser Woche die Worte.

Womit die Werte Solidarität und Menschlichkeit ins Spiel kämen, die eher systemfremd, jedenfalls nicht derart systemimmanent wirken, wie das auf Opportunismus und Verrat zutrifft. Wo sonst im Nahen Osten haben Völker wie die Kurden ein demokratisches Gemeinwesen hervorgebracht, das sich – für die Gegend atypisch – auf säkulare statt konfessionelle Grundsätze beruft und dem Verlangen nach Selbstbestimmung gerecht wird? Ausgerechnet eine solche Ordnung will der Westen nicht davor bewahren, zerdroschen zu werden. Die menschengerechten Zustände in der Kurden-Region Rojava brauchten eine internationale Leibgarde, aber sie finden keine. Warum? Weil der Mutige dem Feigen unterliegt, wessen sich unsere Werteordnung nicht rühmen, dafür aber um so sicherer sein kann. Einiges, und es ist nicht wenig, deutet darauf hin, dass Erdoğan und seine Militärs gar nicht so krass aus der Reihe tanzen, wie es den Anschein hat.

Sie verschaffen sich, was ihnen keiner verwehrt. Und sei es eine Entschädigung für den gleich nach Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges unternommenen Versuch, Präsident Assad zu stürzen und mit williger Gefolgschaft in Damaskus eine neoosmanische Renaissance voranzutreiben. Was damals gescheitert ist, soll im zweiten Anlauf gelingen, wenn diesmal nicht der syrische Staat, sondern (nur) die kurdische Autonomie dran glauben muss.

In Bertolt Brechts Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy empfehlen sich auch die Unterdrückung, der Betrug, der Aussatz, die Dummheit, der Mord und der Raub als Kostgänger der abendländischen Premiumwerte. Was die dürfen, können türkische Obristen allemal.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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