G7+1 statt G8

Frankreich An Führungsmächten mit Geltungswillen besteht in der Welt kein Mangel. Bleiben der Welt dadurch Weltmächte erspart?
Ausgabe 34/2019
Europäische Gängelungen nimmt Putin unterdessen gelassen
Europäische Gängelungen nimmt Putin unterdessen gelassen

Foto: Alexei Druzhinin/AFP/Getty Images

Lässt sich in einer absolut überzeugenden Weise vorführen, dass Russland auf Gipfeltreffen der Groß- und Mittelmächte weiter entbehrt werden sollte? Aber sicher. Man lädt zum Vorgipfel mit Wladimir Putin und beweist durch die aufgerufenen Themen – von Syrien über die Ukraine und den Iran bis zum zerpflückten Welthandel –, wie sehr Russland gebraucht wird. G7+1 statt G8, für Moskau eine Sonderrolle statt eines Gipfelstatus. Dazu die Gelegenheit für Gastgeber Emmanuel Macron, sich in seiner stattlichen Residenz Fort de Brégançon auf einer Mittelmeerinsel in Szene zu setzen, bevor zum Wochenende am G7-Gipfelort Biarritz die Trumps und Johnsons die Szenerie beherrschen.

Der Wunsch in Paris, privilegierende, eigenständige, nicht immer bündniskonforme Beziehungen mit Moskau zu unterhalten, wie das einst Charles de Gaulle zum außenpolitischen Mantra erhob, hat Präsident Macron noch nicht ereilt, geschweige denn überwältigt. Zu unwiderstehlich der Ehrgeiz, sich als werteaffiner Anwalt, wenn nicht Klassensprecher Europas zu empfehlen, ohne dafür vom Europäischen Rat mandatiert zu sein. Die von Macron favorisierte EU der Regierungen fände demnach nicht nur bei der Entscheidung über die nächste EU-Kommissionsspitze statt, ebenso im Umgang mit Russland. Was für den Ukraine-Konflikt von Vorteil sein kann. Seit jeher ist Frankreich hier weniger voreingenommen als Deutschland, für dessen Selbstverständnis der russlandfeindliche Affekt übermächtig scheint. Es ist anzunehmen: Sollte sich mit dem neuen Staatschef Wolodymyr Selenskyj das Verhältnis zwischen Kiew und Moskau entkrampfen, wäre Macron als Mediator annehmbarer als Angela Merkel mit ihrer so lange ungebrochenen Protektion für den abgewählten Petro Poroschenko.

Wie Macrons Frankreich demonstriert, besteht mittlerweile an Geltungs- und Führungsmächten des mittleren Kalibers, die wissen, was sie bewirken wollen, kein Mangel. Bleiben der Welt dadurch Weltmächte erspart? Solange die USA sich selbst genügen, wäre das eine allzu verführerische Aussicht und für das oft als fossil beklagte G7-Gipfelformat ein Anstoß, mehr Multilateralität zu wagen. Könnte damit der Hang zur Belanglosigkeit obsolet sein, sollte nicht nur – dann muss Russland wieder zugegen sein.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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