Gehen und Bleiben – Obamas Irak-Abzug

Offenbarungseid Barack Obama will zwar das Gros der US-Kampftruppen aus dem Irak zurückholen, doch 50.000 Mann sollen befristet bleiben. Im Wahlkampf hörte sich das anders an

Obama hat sein Wahlversprechen einem Realitätscheck unterworfen und wird es nun unterlaufen. Der Abzug der US-Truppen aus dem Irak soll an Tempo verlieren, bevor er überhaupt begonnen. Die Risiko, 90.000 Mann in 16 Monaten zurückzuholen, gilt als zu hoch. Doch sich mehr Zeit zu nehmen, muss nicht heißen, die Risiken zu vermindern. Der irakische Widerstand könnte sich animiert fühlen, Obama an seine ursprünglichen Absicht zu erinnern.

Ohnehin sollte die relative Stabilität des vergangenen Jahres nicht überbewertet werden. Etliche Machtaspiranten könnten eine taktische Zurückhaltung gepflegt haben. Wer auch immer in Betracht kommt – die Milizen des schiitischen Predigers Muqtada al-Sadr, die wieder erstarkten Baathisten aus der einstigen Staatspartei Saddam Husseins oder die Jihadisten handelt –, niemand ist entwaffnet, niemand hat sich zu Friedensgelübden hinreißen lassen.

Ob sie alle zum letzten Gefecht rüsten und es austragen wollen, wenn ihnen die Amerikaner dafür das Schlachtfeld überlassen, weiß niemand. Unmöglich erscheint es nicht. Wenn schon keine „Irakisierung“ des Krieges ansteht, weil die Konflikte im Irak seit der US-Intervention 2003 stets Züge eines Bürgerkrieges trugen – eine „Irakisierung“ der Entscheidung darüber, wer im Nach-Saddam-Staat über Macht, Einfluss und Pfründe verfügt, reift heran. Die jedoch wird eine Regierung Obama niemals dem freien Spiel der Kräfte überlassen, sondern nach Kräften zu steuern suchen. Dafür war der Einsatz (über 4.000 Gefallene) bisher viel zu groß, dafür steht für die Region zu viel auf dem Spiel – dafür ist der Kampf um den Irak zu sehr mit Symbolik aufgeladen. Jeder Sieg oder jede Niederlage eines der inneren Kontrahenten kann eine Entscheidung für oder gegen die Amerikaner sein. Insofern wird die US-Armee auf absehbare Zeit kaum je den neutralen Beobachter spielen, sondern auf das zurückgreifen, was ihr nach einer Truppenreduzierung im Irak an Potenzial außerhalb des Irak bleibt. Die Militärbasen ringsherum oder die Flugzeugträger im Golf bieten sich an, um notfalls mit dem dicken Knüppel der Luftwaffe entfesselte Kombattanten zur Räson zu bringen. Wer aus dem Irak abzieht, kann dort trotzdem militärisch präsent sein. Ohnehin werden die noch bis mindestens 2011 stationierten 50.000 US-Soldaten mehr sein als die stille Reserve des Oberkommandierenden Obama. Wenn es darauf ankommt, wird man sie nicht als Wachleute und Ausbilder erleben, sondern als mobile Eingreifreserve.

Die Zahl 50.000 weckt brisante Erinnerungen. Anfang der siebziger Jahr hatte das Team Nixon-Kissinger die Zahl der GI's in Südvietnam in nur 18 Monaten von 550.000 auf 50.000 herunter gefahren. Die zurückgelassenen 50.000 Mann besetzten damals in der Tat Versorgungs- und Etappendienste. Eine symbolische Nachhut auf Zeit, die aus Image-Gründen aushielt, aber strategisch ohne Wert war. Eine schwer bedrängte südvietnamesische Armee konnte sie weder entlasten noch ersetzen – es sei denn die Air Force griff ein.

Barack Obama muss sich im Irak nicht derart entblößen. Er steht unter keinem vergleichbaren Druck wie seinerzeit Nixon in Vietnam – Obama steht „nur“ unter dem Druck der Erwartungen, die er im Wahlkampf geweckt hat. Da hörte man das Versprechen, wir gehen ohne Wenn und Aber. Jetzt lautet die Entscheidung: Wir gehen und bleiben, wir nehmen uns so viel Zeit, wie wir brauchen. Im Klartext: Wir halten die Iraker unter Kontrolle, damit sie sich nicht allzu schnell selbst überlassen bleiben.

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13:00 28.02.2009
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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