Geschlossene Vorstellung

Zeitgeschichte Zwischen 1933 und 1941 bot der „Jüdische Kulturbund“ ausgegrenzten Künstlern ein Exil im eigenen Land. Bis heute eine umstrittene Tat

Hatten die Gründer des Jüdischen Kulturbundes oder Kulturbundes Deutscher Juden, wie ihr Verein zunächst hieß, ernsthaft geglaubt, es könnte möglich sein, im Deutschland Adolf Hitlers als jüdischer Künstler – als Künstler und Jude – zu überleben?

Bis heute wird darüber gestritten, ob dieser Bund der Entrechteten eine segensreiche Einrichtung war oder sein Wirken zum freiwilligen Rückzug ins Ghetto geriet, wo in geschlossener Vorstellung zwischen 1933 und 1941 Juden für Juden spielen durften, beaufsichtigt von Gestapo, Reichskulturkammer und Propagandaministerium, die ihnen mit diabolischer Freude zuriefen: Spielt nur auf, Juden! Uns soll es recht sein! – Und so spielten sie denn mit einem doppelten Blick auf ihr erwartungsvolles Publikum und die braunen Aufseher unten im Saal, die jederzeit den Daumen senken konnten.

Ende Juli 1933 diktiert Hans Hinkel, ein „alter Kämpfer“ mit der NSDAP-Mitgliedsnummer 287, als Staatskommissar für das Preußische Theaterwesen einen Brief, in dem es heißt: „Auf Ihre Anfrage teile ich Ihnen mit, dass ich gegen die Gründung des ‚Kulturbundes Deutscher Juden‘ nichts einzuwenden habe. Mitglieder des Bundes dürfen nur Juden sein … Eine Werbung oder Propaganda durch die Presse findet nicht statt.“ – Hinkel reagiert auf den Aufruf zur Gründung eines Kulturbundes Deutscher Juden 1933, den Prominente wie der Berliner Rabbiner Leo Baeck, der Maler Max Liebermann, die Schriftsteller Jacob Wassermann und Max Osborn unterschrieben haben. Die Jahreszahl 1933 im Vereinsnamen kassiert Hinkel sofort. 1933 soll auch in tausend Jahren nur an das Tausendjährige Reich Adolf Hitlers erinnern, nichts sonst. Bald darauf stößt sich die Gestapo am Wort von den „Deutschen Juden“, die es so wenig gebe, „wie polnische oder französische Juden“. Es folgt ein Rechtsstreit, den der Kulturbund zunächst überraschend gewinnt, bevor Order aus der Prinz-Albrecht-Straße ergeht: Ab sofort existiert ein Jüdischer Kulturbund Berlin e.V. oder gar nichts.

Idealismus der Verfemten

Die Gründer willigen ein, wichtiger als der Name ist ihnen der Sinn ihres Vorhabens: Im eigenen Land erhobenen Hauptes ins künstlerische Exil gehen, aber bleiben – das Geschlagen-Sein mit der rebellischen Würde der noch lange nicht Geschlagenen ertragen. Dieser Idealismus der Verfemten erntet nicht nur Respekt. Widerspruch und Spott sind ihm gleichfalls sicher. Wenige Tage vor seinem Selbstmord am 21. Dezember 1935 schreibt Kurt Tucholsky aus dem schwedischen Exil an den Bruder in New York: „Sie spielen in streng geschlossenen Theatern, isoliert wie Leprakranke, und ich höre bis hierher: ‚Jetzt werden wir ihnen mal zeigen, dass wir das bessere Theater haben!‘ Sie hören nichts. Sie sehen nichts. Sie merken nichts.“

Doch ist der Kulturbund – wenn überhaupt – nie Isolierstation oder Refugium allein, sondern wird zuallererst als Notgemeinschaft gebraucht. Über 8.000 Schauspieler, Regisseure, Tänzer, Bühnenbildner, Sänger und Komponisten verlieren bis April 1933 als „Nicht-Arier“ ihre Engagements, ihre Aufträge und Verlage, jede Presse und jedes Publikum. Ihnen wieder Bühne, Ensemble und Arbeit zu geben, ist maßgebliches Motiv des Kulturbund-Mentors und ersten Vorsitzenden Kurt Singer, bis März 1933 stellvertretender Intendant der Städtischen Oper Berlins.

Hunderttausend jüdische Deutsche leben nicht irgendwo in der Reichshauptstadt, sondern mittendrin. Die meisten wahren einen klar erkennbaren Abstand zu Talmud und Thora wie den frommen Glaubensbrüdern im Scheunenviertel hinterm Alexanderplatz, wo die koscheren Restaurants und Betstuben der Zuwanderer aus Osteuropa liegen, die immer in Gefahr schweben, abgeschoben zu werden. Die Mehrheit der jüdischen Gemeinde an der Spree jedoch logiert zwei, drei oder mehr Etagen über diesen Asylanten auf Abruf, arbeitet als Prokurist bei Garbaty oder Kontorist bei Wertheim, führt eine Arztpraxis in Charlottenburg oder eine Anwaltskanzlei in der Kantstraße – reüssiert als Schauspieler, Regisseur, Tänzer, Bühnenbildner, Sänger oder Komponist. Im Frühjahr 1933 jedoch droht ihnen das Leben plötzlich aus den Händen zu gleiten. Die liberalen, weltgewandten Juden Berlins glaubten, als Deutsche akzeptiert und in der Weimarer Republik sicherer zu sein als je zuvor. Tatsächlich durften sie nur eine vorübergehende Windstille auskosten – wirklich angenommen hatte sie nur jener Teil der Gesellschaft, der am 30. Januar 1933 schlagartig die Macht verliert, erbärmlich kapituliert und danach unauffindbar scheint.


Warum soll man nicht mit Hitler auskommen? Wir haben uns doch schon so oft arrangiert in Demut und Verzicht, raunen viele jüdische Künstler und finden in Kurt Singer einen, der sie versteht und ihnen wieder Hoffnung gibt. Dass sein Kulturbund Selbsthilfe zur Arbeitsbeschaffung sein will, kommt auch dem NS-Staat nicht ungelegen, der zudem Gefallen daran findet, eine Art Vorzeige-Instanz zu haben, die sich propagandistisch ausschlachten lässt. Einem entrüsteten Ausland, das an den vulgären Orgien des Antisemitismus Anstoß nimmt, lässt sich bedeuten: Haben wir den Juden nicht ein völlig freies und autonomes Verbandsleben ermöglicht? War es nicht ihre eigene Idee! Sind wir der nicht konziliant gefolgt?

„Ich hatte einen Auftritt, der dauerte 30 Sekunden, der Vorhang ging hoch, und ich lief nach vorn an die Rampe, um jene 30 Sekunden zu haben. Für diesen Augenblick bin ich quer durch Berlin gefahren und habe mehr bezahlt für die Elektrische, als ich bekam für diesen Auftritt. Aber es war die Bühne, und es war damals so ungeheuer wichtig“, erzählte mir im April 1992 die Tänzerin Hannah Kroner-Segall beim Interview für einen Dokumentarfilm über die Geschichte des Kulturbundes. Nach einer zunächst aussichtslos anmutenden Spurensuche hatte die Stadt Berlin um diese Zeit 40 noch lebende Mitglieder von einst für eine Woche zur Heimkehr in die Fremde eingeladen. Sie kamen aus Jerusalem, New York, Boston, Buenos Aires und Amsterdam. Noch einmal hob sich der Vorhang, und die Bühne gehörte ihrer Erinnerung. Nur welcher? Wen wir auch fragten, kaum jemand wollte noch einmal von seiner seelischen Not vor so langer Zeit erzählen, vom jähen Ende ihrer Gemeinschaft im Jahr 1941, von der Flucht im letzten Moment, der Freudlosigkeit des Exils.


Wir spielten, solange wir durften, sagten uns viele, weil es dadurch möglich blieb, Menschen zu trösten und zu betäuben, die 1939 keinen Hörsaal, keine Bibliothek, keinen Park, kein Museum, kein Stadion, kein Kino, kein Kaufhaus mehr betreten durften. Für die es keine Umwelt mehr gab, nur noch diese Innenwelt des Kulturbundes, in der dieses leise Dennoch zu hören war.

Rudolf Schwarz, letzter Dirigent des Kulturbund-Orchesters in den Jahren 1940/41, trägt jeden Morgen Zeitungen aus, weil sein Honorar für die Familien nicht reicht. Erst dann, zwischen 9.00 und 10.00 Uhr beginnen die Proben. Zum Jahreswechsel 1940/41 studiert er mit seinen Musikern Gustav Mahlers 2. Sinfonie ein, die am 27. Februar und 1. März 1941 im Bach-Saal an der Berliner Lützow-Straße zweimal vor Publikum gespielt werden soll.

„Die Sinfonie klang überwältigend, sie wirkte fast wie ein Mysterium“, erinnert sich über 50 Jahre später Kurt Michaelis, der im Kulturbund-Orchester jahrelang die Oboe spielt. „Ich glaube, alle im Saal haben das in diesem Moment genauso empfunden. Die Zuhörer fühlten, dass wir unsere Auftritte genauso ernst nahmen wie früher in der Philharmonie oder der Staatsoper ...“

„Es gab 1941 in Stuttgart erste Deportationen nach Osten, wussten Sie etwas davon, als Sie Mahler aufführten“, frage ich Michaelis. „Wenn wir in dem Bewusstsein aufgetreten wären, dass es zu einem solch schlimmen Ende kommt, vielleicht hätte es den Kulturbund überhaupt nie gegeben. Aber wer weiß das schon?“

Kurt Michaelis kann mit der Oboe im Koffer am 12. Juni 1941 mit dem ersehnten amerikanischen Visum Deutschland im allerletzten Moment verlassen. Drei Monate danach, am 11. September 1941, wird in das Inspizienten-Buch des Jüdischen Theaters an der Berliner Kommandantenstraße eingetragen: Beginn der Vorstellung 17.40 Uhr – Ende 19.46 Uhr. Alle folgenden Seiten des Journals sind leer. Gegeben wurde an diesem Abend Spiel im Schloss, eine Komödie.


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Ihre Freitag-Redaktion

14:40 05.12.2009
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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