Global Governance

Sicherheitskonferenz In München treffen sich wieder Staatschefs, Parlamentarier und Außenminister, um zu erkunden, was 2014 an internationaler Sicherheitsarchitektur übrig blieb
Wolfgang Ischinger, Vorsitzender des Forums, mit dem Programm für Vorträge und Diskussionsrunden
Wolfgang Ischinger, Vorsitzender des Forums, mit dem Programm für Vorträge und Diskussionsrunden

Foto IMAGO

Der 50. Ausgabe dieses Podiums der Sicherheits- und Militärpolitik vor einem Jahr war es vorbehalten, als Jubiläumsveranstaltung in die Annalen einzugehen. Vom 6. zum 8. Februar 2015 wird man das Ereignis wegen einer Rekordbeteiligung rühmen (allein 60 Außen- und Verteidigungsminister werden erwartet). Es will so viel Prominenz dabei sein, gesehen und gehört werden wie nie zuvor. US-Vizepräsident Joe Biden reist bereits zum dritten Mal nach München, nach zwei Jahren der Abstinenz hat sich auch Kanzlern Merkel angesagt und will sprechen.

Zu ihrem Auditorium dürften John Kerry und Sergej Lawrow, der amerikanische und russische Außenminister, ebenso gehören wie mehrere US-Senatoren, darunter Vietnamkriegs-Veteran John McCain, NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg und der chinesische Staatsrat Yang Jiechi.

Vier Weltkrisen

Als man sich Ende Januar 2014 in München begegnete, war kaum absehbar, dass ein schicksalsträchtiges Jahr mit vier Weltkrisen bevorstand, die bis heute nicht ausgestanden sind. In Kiew regierte noch der Präsident Viktor Janukowytsch, wankte bereits und wollte verhandeln. Dass jedoch sein Sturz am 22. Februar die Initialzündung für eine schwere militärische Konfrontation in der Ostukraine sein würde, überforderte die Phantasie. Auch wenn die inneren Konflikte dieses postsowjetischen Staates schwelen, seit er Ende 1991 eine Unabhängigkeit ausrief.

Im syrischen Bürgerkrieg fand die islamistische Al-Nusra-Front Anfang 2014 mehr Zulauf, sollte jedoch bald durch den Dschihad des Islamischen Staates im Irak und in der Levante (ISIL) in den Hintergrund gedrängt werden. Der Vormarsch seiner Kombattanten ließ im Juli kurzzeitig einen Angriff, vielleicht gar die Einnahme Bagdads befürchten. Die Regierung des Irak – ein Staat in Abwicklung, wie es schien – konnte sich nur halten, weil erneut eine internationale Anti-Terror-Allianz aufzog und durch Luftschläge gegen den ISIL eingriff.

Nicht vergessen sei ein weiterer Gaza-Krieg – nach der Operation „Gegossenes Blei“ von Dezember 2008/Januar 2009 intervenierte die israelische Armee im Juli/August erneut (Operation "Protective Edge"), hinterließ eine vielfach abrasierte Infrastruktur, mehr als 1.000 Tote, davon zwei Drittel Zivilisten, vor allem palästinensische Frauen und Kinder.

Was man als Sicherheitsarchitektur oder als internationale Ordnung bezeichnet, zerfällt. Schon unaufhaltsam? Was auch daran liegen dürfte, dass sich ausnahmslos sämtliche Global Player – die USA, Russland, die NATO und EU, aber auch Japan und Chin – als Akteure mit elementaren Interessen begreifen, statt als Mediatoren und Friedensstifter. Um so mehr braucht das Bewusstsein, damit irgendwann nicht mehr steuerbare Eskalationsspiralen auszulösen, dringend einen Anstoß. Ob der aus dem Bayrischen Hof kommt, dem Tagungshotel in München, wäre wünschenswert, ist aber zweifelhaft.

Gauck, von der Leyen, Steinmeier

Es wäre aufschlussreich zu wissen, ob unter denn heutigen Umständen die Aussagen deutscher Spitzenpolitiker genauso getroffen würden, wie sie von einem Jahr zu hören waren. Seinerzeit reklamierten Bundespräsident Gauck, die Minister Ursula von der Leyen und Frank-Walter Steinmeier eine globale Zuständigkeit Deutschlands und mehr militärisches Engagement.

Man glaubte bei ihrem Reden an den bisher unerfüllten Träumen eines neoimperialen Nachzüglers Anteil zu nehmen. “Deutschland ist zu groß, um Weltpolitik nur nur von der Außenlinie zu kommentieren“, sagte der Westerwelle-Nachfolger Steinmeier. Gauck plädierte für militärischen Einsatz, „um unsere Interessen zu wahren“, sekundiert von Verteidigungsministerin von der Leyen. Die zurückliegenden zwölf Monate haben wissen lassen, wie hoch der Preis für derartige Ausfallschritte in Zeiten der weltweiten Ordnungszerfalls sein kann.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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