Himmlischer Frieden

USA/China Es gilt ein historischer Kompromiss: Zwei Weltmächte bescheinigen sich Ebenbürtigkeit
Himmlischer Frieden
Ein frischer Wind weht in den chinesisch-amerikanischen Beziehungen

Foto: Nicolas Asfouri/AFP/Getty Images

„Unter Strategen gilt das Wort: Ich wage nicht, als Herr einzutreten, ich komme lieber als Gast. Rücke lieber zurück eine Elle als vorwärts einen Zoll“, schrieb vor zweieinhalbtausend Jahren der chinesische Philosoph Laudse im 69. Vers seines Traktats Daudedsching. Da sich Donald Trump ohne jeden Zweifel für einen Strategen hält, wollte er bei seinem China-Besuch den Nachweis nicht schuldig bleiben. Folglich hatte der „Herr“ vorübergehend ausgedient, während es der „Gast“ verstand, seinen Gastgebern zu gefallen, indem er mehr als nur „eine Elle“ preisgab.

Der US-Präsident räumte im Reich des rosigen Lächelns und der roten Teppiche ein, was zuvor kaum jemand für möglich gehalten hätte. Es soll einen historischen Kompromiss der Koexistenz zwischen zwei Weltmächten geben. Die USA ziehen sich überall dort zurück, wo sie mit China in eine ernsthafte Konkurrenz geraten könnten. Der eine respektiert den anderen als ebenbürtig, was im Klartext bedeutet, wird dadurch eine Parität der Macht anerkannt, gilt Gleiches für den paritätischen Abgleich von Interessen. Am 8. November, als Trump in Peking landete, schrieb die staatsnahe chinesische Global Times: „Xi und Trump haben nun die Möglichkeit, gemeinsam ein neues Kapitel der Geschichte aufzuschlagen.“ Als ob ihm das Blatt souffliert hätte, griff Amerikas Präsident auf eben diese Formel zurück, um sie beim glanzvollen Staatsbankett in Pekings Verbotener Stadt zu servieren. Vermutlich wollte er sich revanchieren für die Ehre eines Dinners an diesem Ort, die Chinas Staatsgästen nur höchst selten zuteil wird.

Nordkorea als Puffer

Bei einem solchen Besuch wird „alles hoch zehn“ sein, hatte der ehrwürdige China-Beobachter Orville Schell für das US-Magazin Vanity Fair prophezeit – er sollte sich nicht getäuscht haben. Umso mehr ist es angebracht, den Schleier des protokollarischen Pomps zu lüften und als Resümee für Trumps China-Tage festzuhalten: Wenn die Volksrepublik inzwischen vom potenziellen zum realen Global Player aufgestiegen ist, will sie mehr, als nur an ihrer Dominanz in Asien zu feilen – und die USA werden das hinnehmen. Es entspricht diesem Agreement, dass sich Peking mitnichten vereinnahmen lässt, Nordkorea wegen seines Atomprogramms die Leviten zu lesen. Sollte Trump vor seinem Besuch die Erwartung beseelt haben, dies könnte so sein, erlag er einem Trugschluss. Fraglos ist die Volksrepublik als regionaler Anrainer des Konflikts um Deeskalation bemüht, doch sitzen die Adressaten von Kim Jong-uns nuklearer Selbstermächtigung nun mal in Washington, nicht in Peking. Überdies kollidiert Trumps Suche nach Krisenpaten mit Umständen, die bei der Perzeption des Atomstreits mit Pjöngjang mehr Beachtung verdienen als gemeinhin üblich. Gelten Kim Jong-un Kernwaffen als allein zuverlässiger Schutz gegen Angriffe auf das eigene Territorium, dann unterscheidet sich diese Überzeugung nicht im Geringsten vom Grundmotiv, das China in den 1960er Jahren antrieb, sein Kernwaffen-Programm aufzulegen. Man war auf Abschreckung zur Selbstverteidigung bedacht. Und wer will beschwören, dass Xi Jinping über den Einfluss auf Kim Jong-un verfügt, um die von den USA gewünschte Kurskorrektur zu erzwingen? Oder dass er sich darum bemüht, diesen Einfluss zu haben?

Immerhin steht außer Frage, wenn die Regierung in Pjöngjang ihren Staat schützt, trifft sie Vorsorge gegen einen Regimewechsel. Den zu verhindern, liegt im Interesse Chinas. Allein das jetzige Regime in Nordkorea bietet die Gewähr gegen ein territoriales Nachrücken Südkoreas und damit der USA, was zur Folge hätte, dass China an einer gut 1.400 Kilometer langen Grenze direkt den Vereinigten Staaten gegenübersteht. Jede bilaterale Fehde wäre davon überlagert.

Es ist dem von Trump in Peking zugestandenen Interessenabgleich geschuldet, dass sich China mutmaßlich für kein Containment hergibt, um der nordkoreanischen Führung den Verzicht auf ihre nuklearen Ambitionen zu verordnen – Mäßigung und taktische Zurückhaltung vielleicht, mehr jedoch kaum. Im Übrigen war Trumps moderaten Aussagen während seiner gesamten Asien-Tour zu entnehmen, dass ihn inzwischen so viel Realismus übermannt, um zwei Gewissheiten näherzutreten. Erstens: Das atomare Arsenal Nordkoreas lässt sich auf absehbare Zeit so wenig aus der Welt schaffen wie die davon ausgehende Botschaft der Stand- und Wehrhaftigkeit. Zweitens: Die Aussicht, dieses Potenzial vollständig zu zerstören, ohne empfindliche Gegenschläge hinnehmen zu müssen, tendiert gegen null. Wer es versucht, riskiert eine Region oder einen Kontinent, besonders aber Südkorea, aus den Angeln zu heben. Im Wissen um dieses Horrorszenario besteht das rationale Kalkül des alles andere als „Irren in Pjöngjang“, der nicht auf Massenselbstmord, sondern das eigene Überleben aus ist. Es bedarf eigentlich keines sonderlich aufwendigen logischen Denkens, um das zu verstehen.

06:00 27.12.2017
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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