Im Fegefeuer nationaler Eitelkeiten

50 Jahre OAU Die Utopie von der panafrikanischen Union, wie sie die Gründer des Staaenbundes beseelte, ist verblasst. Die wirtschaftliche hat die politischen Integration überholt
Ausgabe 21/2013
Die Afrikanischen Union AU im März 2013
Die Afrikanischen Union AU im März 2013

Foto: Sean Gallup/ AFP/ Getty Images

Es gleicht dem Pflanzen eines Stecklings in der Wüste, als 1990 ein OAU-Gipfel in Addis Abeba die „Demokratie-Charta“ beschließt und eine afrikanische Perestroika in der Luft liegt. Auch wenn sie über Ansätze nicht hinauskommt, so hat doch die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) gezeigt, dass sie noch immer einen politischen Willen artikulieren kann. Der am 25. Mai 1963 ausgerufene Staatenbund fristet Anfang der neunziger Jahren zwar kein Schattendasein, entbehrt aber jene panafrikanische Dynamik, von der sich OAU-Pioniere wie Ghana, Kenia oder der Kongo viel erhofft hatten. Waren sie doch von der Vision beseelt, nur kontinentale Einheit garantiere globale Emanzipation. Leider befand nach der OAU-Gründung manche Regierung in Afrika, die eben erst erstrittene Unabhängigkeit ihrer Länder sei wertvoller als ein supranationaler Verbund, der Souveränität beschneide und zu Leistungen nötige, die man besser sich selbst gönnen sollte. Es fehlte nicht viel, und die OAU wäre frühzeitig in die Geschichtsbücher gekehrt worden, auch weil sie der Kalte Krieg nicht verschont hat.

Mitte der Siebziger erreicht der Ost-West-Konflikt endgültig den afrikanischen Kontinent. Angola, Mosambik und Guinea-Bissau – zuvor Somalia, bald auch Äthiopien – schreiben die OAU nicht ab, doch halten es ihre sozialistischen Führer mehr mit der Sowjetunion. Dieser Mäzen geht nicht mit panafrikanischen Utopien hausieren, sondern leistet Entwicklungshilfe und weiß Brückenköpfe auf einem Erdteil zu schätzen, der bis dahin eher im toten Winkel des Systemwettbewerbs vor sich hin dämmert.

Der Anstoß kommt aus Europa. In der Nacht zum 25. April 1974 gibt der portugiesische Sänger José Afonso mit seinem Lied Grândola, Vila Morena das Zeichen für Portugals Nelkenrevolution. Junge Offiziere ziehen auf Lissabon, stürzen die Caetano-Diktatur und sorgen dafür, dass Afrikas letztes Kolonialsystem verschwindet. Danach können Agostinho Neto, Samora Machel und Luis Cabral mit ihren Unabhängigkeitsparteien in Angola, Mosambik wie Guinea-Bissau Staaten ausrufen, die einem sozialistischen Entwicklungsweg folgen. Das unterscheidet sie von Autokraten wie Sese Seko Mobutu in Zaire oder Bokassa I., der sich im Glauben – er sei der 13. Jünger Jesu – 1977 zum Kaiser der Zentralafrikanischen Republik krönen lässt. Die Paten dieses Klubs der Diktatoren sitzen in Paris und Brüssel und lassen sich Antikommunismus und Herrschsucht ihrer Schutzbefohlenen großzügige Entwicklungsgelder kosten. Jahrzehntelang lässt die OAU diese Pervertierung ihrer Gründungsideale Demokratie und Menschenwürde über sich ergehen, als hätte sie diese Werte und damit sich selbst aufgegeben.

Der zweite Anlauf

Ohnehin suchen viele Mitgliedsstaaten nach 1970 ihr Heil längst in regionalen Wirtschaftsbünden wie der 1975 gegründeten Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) und der 1980 folgenden Südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft (SADC) – pragmatische Verbindungen, um einen von Zöllen befreiten Binnenmarkt voranzutreiben.

Es ist schließlich der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi, der Anfang des 21. Jahrhunderts noch einmal dort beginnen will, wo man 1963 stand. Der von ihm intendierte Übergang von der OAU zur Afrikanischen Union AU – zelebriert auf einem Gipfel 2002 – gleicht einer Neugründung, die von bitterer Erfahrung getränkt ist. Nach einer Million von Toten 1994 in Ruanda – nach einem Genozid, dem die internationale und afrikanische Staatengemeinschaft tatenlos zugesehen hat, stellt die AU-Verfassung nationale Souveränität der Sicherheit des Kontinents gleich und macht ein Interventionsrecht geltend, das an Kapitel VII der UN- Charta erinnert. Die erste AU-Friedensmission gibt es 2003 in Burundi, um dort tausendfachen Lynchmord zu verhindern. Mit der AU scheint plötzlich politische Integration wieder möglich. 2004 tritt in Addis Abeba erstmals ein panafrikanisches Parlament zusammen, drei Jahre später der Afrikanische Gerichtshof für Menschenrechte. Auch wenn beide Institute bis heute mehr Dekor bleiben, als Einfluss zu haben, bezeugen sie, dass im Fegefeuer nationaler Egoismen der Wille zur Einheit nie völlig abhanden kam. Bekanntlich nehmen das erodierende Staatenbünde auch andernorts für sich in Anspruch.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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