In Familie

KOMMENTAR Blair bei Putin und Prokofjew

Der Westen tauscht Avancen mit Russlands geschäftsführendem Präsidenten, um für den Umgang mit Russlands gewähltem Präsidenten gerüstet zu sein. Denn der "Schattenmann" (Stern) ist längst aus dem Schatten seines Vorgänger getreten. Wladimir Putin vermochte inzwischen so an Kontur zu gewinnen, dass die Erinnerung an seinen Vorgänger Boris Jelzin nicht nur verblasst, sondern schon fast ausgeblendet scheint. Das mag den Nachfolger anspornen, vom Westen zu beanspruchen, worauf Jelzin rechnen durfte, wenn ihm Wahlen bevorstanden. Eine konziliante Geste oder einen großzügigen Kredit wie 1996, um Jelzins Kreml-Präsenz gegen den Herausforderer Sjuganow zu sichern. Doch zur Not erfüllt auch ein gemeinsames Wochenende an der Newa seinen Zweck. Mit Cherie und Tony Blair in der Petersburger Zarenloge bei Prokofjews Krieg und Frieden - Wladimir Putin durfte mit erkennbarer Genugtuung registrieren, wie sich die erlauchte Familie seiner anzunehmen beginnt. Der Schattenmann, der Kriegsherr, der Apparatschik, der KGB-Zögling - auf die Einladung zum Tee darf er nun rechnen. Er mag nicht einer der Unseren sein, aber er gehört zu uns. Ausgerechnet Tony Blair war auserkoren, den Evaluierungsbescheid zu über reichen, den Putin mitnichten braucht, um am 26. März seine Mehrheit zu landen. Der Krieg im Kaukasus war und ist der erfolgversprechendste Wahlkampf, den ein russischer Präsident derzeit führen kann. Blairs Visite ist ein aufschlussreicher Vorgang, wenn man sich der Menschenrechtsrhetorik erinnert, die während des NATO-Krieges gegen Serbien aus seinem Munde kam. Aber New Labours "ethische Außenpolitik" ist dem Prinzip verpflichtet, nicht den feinen, sondern den groben Unterschied zu pflegen. Je nach Interessenlage und Gewicht des Schurken-, sprich: Partnerstaates. In eben dieser Unglaubwürdigkeit liegt die Glaubwürdigkeit für Moskau, denn Blair in St. Petersburg war vor allem Emissär des Westens, der die Botschaft zu überbringen hatte: Unsere Partnerschaft steht trotz Tschetschenien-Krieg nicht zur Disposition. Sie setzt auf die Gratwanderung zwischen Kooperation und Konfrontation. Der Westen braucht Russland zur eigenen Selbstbestätigung - und Russland braucht den Westen, um sich als Großmacht herausgefordert zu fühlen. Diese Wahlverwandtschaften eröffnen Spielräume. Unmittelbar, bevor Blair nach St. Petersburg kam, hatte Putin begonnen, diese Spielräume auszuschreiten. Gegenüber der BBC fand sich seine Rechtfertigung des Tschetschenien-Krieges mit der Bemerkung abgefedert, Russland suche "eine tiefer gehende Integration in die NATO", solange es sich "als gleichberechtigter Partner" behandelt sehe. Ja, man schließe sogar einen Beitritt zur NATO nicht aus. Ein deutlicher Hinweis darauf, Russlands künftiger Präsident wird sich mit einer Einladung zum Tee nicht abspeisen lassen. Er will mit am Tisch sitzen.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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