In höchster Not

Afghanistan Vor 30 Jahren intervenierte die Sowjetunion in Afghanistan, obwohl ihre Führung nicht davon überzeugt war, mit der Entsendung von 75.000 Soldaten das Richtige zu tun

Als mit Airport ’80 – Die Concorde der vierte und letzte Katastrophenfilm der Airport-Reihe 1980 in die Kinos kommt, wird heftig gestaunt und viel gelacht. Der Streifen, eigentlich ernst gemeint, ist so unfreiwillig komisch geraten und hat einen so hohen Trash-Faktor, dass man ihn kurzerhand als Komödie bewirbt. Das Albernste: An Bord der Concorde nach Europa befindet sich die US-Olympiamannschaft auf ihrem Weg zu den Moskauer Spielen. Dass die von den USA boykottiert werden, haben die Filmproduzenten nicht ahnen können. Ihre Überschallmaschine befindet sich da längst auf Kurs und wird nicht mehr zurückzuholen sein. 1980 – das olympische Jahr – wird zu einer Zeit des Säbelrasselns und der Muskelspiele. Gelacht wird, außer im Kino, weniger.

Das Ost-West-Verhältnis erleidet keinen Rückfall, sondern erliegt akutem Verfall. Der scheint unaufhaltsam, seit US-Präsident Carter den Kalten Krieg mit der KSZE-Schlussakte von Helsinki unterm Arm betreibt, die Ratifizierung des SALT-II-Vertrages mit seinen Obergrenzen für die Atomrüstung der Supermächte verzögert und am Getreideembargo gegen Moskau nicht rütteln lässt. Nach dem 27. Dezember 1979 wird er dafür im Westen auf Händen getragen. Der Entzug von Nahrungsmitteln für die Sowjetbevölkerung erscheint wie die präventive Bestrafung eines Aggressors.

Am 27. Dezember 1979 sind sowjetische Fallschirmjäger in Kabul gelandet und haben die Regierung des Premiers Hafizullah Amin gestürzt. Zeitgleich überschreitet ein 75.000 Mann starkes Armeekorps unter Berufung auf einen 1978 geschlossenen afghanisch-sowjetischen Beistandsvertrag die Grenze. 14 mal haben afghanische Führer in den vergangenen anderthalb Jahren um Militärhilfe gebeten. Nun bricht sie über das Land herein. Verstoß gegen das Völkerrecht oder internationalistische Solidarität? Handelt die Supermacht oder hilft eine Bruderpartei der anderen – über Staatsgrenzen hinweg?

Über Nacht verliert die UdSSR weltweit an Reputation. Teile der westeuropäischen Friedensbewegung wenden sich in einem Augenblick von Moskau ab, als die NATO ihren Raketenbeschluss von 1978 mit Vehemenz vorantreibt und Westeuropa zur Startrampe für Pershing-II-Raketen und Marschflugkörper degradiert.

Die USA, Westdeutschland und alle islamischen Staaten boykottieren die Olympischen Spiele, die etwas Licht in die glanzlosen Jahre der späten Breschnew-Ära bringen sollen, in denen die Sowjetunion einer technologischen und sozialen Stagnation verfällt, aus der sie 1991 nur noch der Zusammenbruch erlösen kann. Afghanistan beschleunigt die innere Erosion.

Revolution ohne Unterleib

Seit dem Umsturz vom 28. April 1978 verfolgten dort die Führer der in Teilen kommunistischen Demokratischen Volkspartei (DVP) ein so ehrgeiziges wie riskantes Programm. Sie wollten bewirken, was in Afghanistan noch nie gelang – eine nachholende, vor allem nationalstaatliche Modernisierung, die mit den anachronistischen Strukturen einer archaischen, von religiöser Bigotterie getränkten Stammesgesellschaft bricht. Mit einem Wort, sie wollten ihre Landsleute aus dem 18. ins 20. Jahrhundert holen. Wenn für einen Zeit- und Epochensprung das Wort Revolution je angemessen war, dann dort. Wenn ein Land eine Revolution brauchte, dann Afghanistan. Und wenn sie irgendwo von vornherein zum Scheitern verurteilt schien, dann am Hindukusch.

Den Aprilrevolutionären fehlten Rückhalt und Verständnis eines Landes, in dem Frauen für Brautgelder gekauft oder verkauft wurden und bis auf wenige Ausnahmen nicht lesen und schreiben konnten. In der pastoralen Entrücktheit von Nuristan, Nangahär oder Kandahar war der Stammesführer oder Dorfälteste höchste staatliche Autorität und der Mullah einziger Trost. Im April 1978 kamen auf 14 bis 18 Millionen Afghanen (es gab keine Statistik, nur Schätzungen) bis zu 300.000 muslimische Gottesdiener, die Seelsorge als Erwerbsarbeit betrieben und schon jede säkulare Gesinnung als existenzielle Gefahr empfanden. Für sie war die Demokratische Volkspartei kein Gegner, sondern der Todfeind schlechthin. Afghanistan erlebte eine klassische Revolution von oben, die ohne Unterleib auskommen musste. Deren Revolutionäre wie Missionare daher kamen und als Offiziere, Beamte, Universitätsgelehrte und Lehrer einen Teil des Staates verkörpern, den es in ihrem Land wohl als formale Instanz, nicht aber reale Macht gab.

Als wäre dieses Dilemma nicht schon bestürzend genug, brach bald nach der Aprilrevolution der Konflikt zwischen den beiden Parteien in der DVP als Machtkampf aus und ließ an selbstmörderischem Wahn nichts zu wünschen übrig. Die radikalere Khalq-Frak­tion des ersten nachrevolutionären Premiers Nur Muhammad Taraki und seines Nachfolgers Hafizullah Amin setzte sich zunächst gegen den moderateren Parcham-Flügel mit Babrak Karmal und Muhammad Nadschibullah durch. Ab Anfang 1979 saß die Parcham-Prominenz größtenteils im Gefängnis, Hochverratsprozesse wurden angesetzt, Geständnisse erfoltert, drakonische Urteile gefällt – Babrak Karmal floh ins sowjetische Exil. Das alles geschah, während zugleich Aufstände gegen die Revolution im Süden und Osten Afghanistans ausbrachen und eine islamische Guerilla ihre Fühler ausstreckte.

In höchster Not bittet Nur Muhammad Taraki Anfang April 1979 in Moskau Leonid Breschnew, die ordnende Hand Moskaus möge es richten. Mit militärischer Wucht, wenn es sein muss. Auch wenn der Generalsekretär zaudert, eine kleine Verstrickung riskiert er schon. Die Gruppe ALFA, eine KGB-Spezialeinheit, wird zum Schutz der sowjetischen Botschaft nach Kabul verlegt, und Taraki in seiner Absicht bestärkt, seinen völlig aus dem Ruder laufenden Ministerpräsidenten Hafizullah Amin abzusetzen. Doch das misslingt. Weil Taraki von seiner Palastwache verraten wird, nimmt ihn Amin am 14. September 1979 gefangen. Am 9. Oktober meldet die Kabul Times, der „Vorsitzende des Revolutionsrates und vom afghanischen Volk hoch verehrte Nur Muhammad Taraki“ sei an einer „unbekannten Krankheit“ verstorben. Gerüchte kursieren, Amin habe seinen Gegenspieler noch am 14. September mit einem Seidenkissen erstickt.

Vorposten des Dschihad

Kurz zuvor hat Jurij Andropow als KGB-Vorsitzender im KPdSU-Politbüro erklärt: „Ohne jemanden zu fragen, haben sich die Afghanen zur Revolution erhoben. Die haben sie jetzt zu verteidigen. Wenn sie ihre eigene Revolution nicht durchhalten, heißt das, sie war verfrüht. Politisch, ökonomisch, mit Waffenlieferungen unterstützen – ja! Für die Afghanen kämpfen nein!“ – Tatsächlich fieberte man in Moskau vor der Aprilrevolution von 1978 einem Machtwechsel in Kabul nicht unbedingt mit ungestümer Sehnsucht entgegen. Es gab gedeihliche Beziehungen mit der Republik des bis dahin herrschenden Präsidenten Daoud Khan, der aus seinen Sympathien für saudische und iranische Partner kein Hehl machte, aber die Nachbarschaft zur Sowjetunion durch diese Vorlieben nie ernsthaft belasten wollte.

Seit jedoch die Demokratische Volkspartei regierte, war aus dem berechenbaren Partner an der Südflanke, mit dem man friedliche Koexistenz pflegte, ein unsicherer Kantonist geworden, der sozialistische Solidarität erwartete. In Pakistan baute zugleich das islamistische Regime des Diktators Zia ul-Haq an einem Gottesstaat, während die USA nichts lieber taten, als diesen Vorposten des Dschihad gegen ein gärendes, von Aufruhr gezeichnetes, fragiles Afghanistan in Stellung zu bringen.

Als am 11. Dezember 1979 das KPdSU-Politbüro vor der Entscheidung steht, intervenieren oder abwarten, ist die Unruhe auch deshalb groß, weil sich ein ungeschriebenes ­Agreement der Ost-West-Balance für die Amerikaner offenbar erledigt hat: Uns gehört Pakis­tan – euch Afghanistan. Die Supermacht UdSSR fühlt sich weniger aus internationalistischem Gebot denn strategischer Not zum Handeln gedrängt. Was kann verhängnisvoller sein für die späte Sowjetunion?

Verteidigungsminister Ustinow ist im Politbüro überzeugt, bis zum Frühjahr könne man „in Afghanistan fertig sein“, 75.000 Soldaten würden reichen. Breschnew glaubt ihm, Andropow zögert, sieht aber keine Alternative. Allein Außenminister Gromyko warnt: Sobald man sich mit Truppen engagiere, habe der Konflikt eine andere Dimension und dürfte neben den USA die islamischen Staaten von Saudi-Arabien bis Pakistan auf den Plan rufen, um einen Weltanschauungskrieg zu entfachen. Und was werde aus den Olympischen Spielen?


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Ihre Freitag-Redaktion

13:50 08.01.2010
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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