Kampf der Kulturen

KOMMENTAR Putin trifft Schröder

Es ist unwiderruflich vorbei - Deutschland und Russland haben die Ära der peinlichen Schrulligkeiten zwischen ihren Prälaten überwunden. Keine tapsigen Bruderküsse mehr, keine Vorliebe für Strickjacken, kein Sauna-Idyll - kein Männergeplänkel zwischen Helmut und Boris, das über politische Ärgernisse hinwegtröstet. Kanzler Schröder kratzte als erster am Schmelz der Rituale, als er während des NATO-Krieges gegen Jugoslawien den damaligen Premier Primakow bei dessen Vermittlungsbegehren nach Herzenslust abfahren ließ. In Wladimir Putin hat er nun einen, der ihm in diesen robusten, weil ehrlichen Umgangsformen gern folgt. Schnörkellos und pragmatisch wie ein Geschäftsmann ist der Erbe Jelzins - und ein konservativer Realist obendrein. Ein "neuer Russe", der sich dem alten Russland verpflichtet fühlt und damit westeuropäischem Zeitgeist in die Speichen greift. Vor allem dann, wenn er sich als überzeugter Statokrat zu erkennen gibt, wovon sich Gerhard Schröder nun selbst überzeugen durfte.

Während Deutschland Teile seiner Souveränität in einem föderalen EU-Europa weichzuspülen gedenkt, schnallt Putin die Russische Föderation gerade in ein strammes Korsett, das dem zentralstaatlichen Modell zu höchster Ehre gereicht. Während die deutsche Regierung nur wenig unversucht lässt, dem Bürger staatliche Obhut zu entziehen, intoniert Putin Lobgesänge auf die "Diktatur des Gesetzes" und hofiert den Übervater Staat, der den Bürger mit der rauen Fürsorge des Patriarchen umhegt.

Auf welches Politikverständnis lässt man sich also ein, wenn man sich mit Wladimir Putin einlässt? Auf einen Ordnungspolitiker vom Scheitel bis zur Sohle? Auf einen, der immerhin noch Konturen setzt, wo sich die deutsche Politik gern in Kontexte rettet, um keine Kontur zeigen zu müssen? Putin scheut sich nicht, dem angeschlagenen Selbstvertrauen seiner Landsleute eine "neue russische Idee" anzubieten. Er zählt dazu die Liebe zum Vaterland, soziale Solidarität und die Überzeugung, dass Russland zur Großmacht berufen sei. Hat er damit die Welt jenseits von Moskau vergessen, in der Russland bestenfalls Mitspieler, keineswegs Spielführer sein kann? Man darf Putin soviel Realismus unterstellen, dass er weder mit der Exklusivität einer überlebten Bipolarität kokettiert, noch von Ebenbürtigkeit mit den USA träumt. Der Präsident will sein Land im Westen als Rivalen und Partner respektiert sehen, der notgedrungen Interessen kennt, die von denen Luxemburgs oder Litauens abweichen. Das gilt für die NATO-Osterweiterung in Richtung Baltikum ebenso wie die Raketenabwehr-Visionen der USA. Aber um hier Paroli bieten zu können, muss sich Russland zuallererst konsolidieren. Nicht als Kopie des Westens, sondern in Loyalität sich selbst gegenüber. Für Wladimir Putin ist das kein Zukunftsentwurf unter vielen, sondern einer, der sich eigener Kultur und Tradition versichert, weil es dazu keine Alternative gibt.

Mit dem Freitag durchs Jahr!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

Wissen, wie sich die Welt verändert. Testen Sie den Freitag in Ihrem bevorzugten Format — kostenlos.

Print

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt sichern

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt sichern

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden