Karsai im Hoffnungslauf

Afghanistan Das Präsidentenvotum vom 20. August ist nach allen Regeln der Kunst und Demokratie gescheitert. Damit stellt sich für den Krieg am Hindukusch einmal mehr die Sinnfrage

Wer auch immer Präsident Obama dazu geraten hat, keine 24 Stunden nach der afghanischen Präsidentenwahl vom 20. August von einem „großen Erfolg" zu reden, hatte entweder keine Ahnung oder wollte ihm schaden. Schon vor dem Wahltag war allen Beteiligten klar, dass mehr Wähler registriert wurden, als Wahlberechtigte vorhanden waren. Am Wahltag selbst musste US-Armee und ISAF auffallen, wo überall nicht abgestimmt wurde, weil das die Taliban oder die Angst vor ihnen verhinderten. Nach dem 20. August wurden sofort Betrugsvorwürfe laut, die zur Vorsicht vor jedem vorschnellen Urteil mahnten.

Die Nationale Wahlkommission (IEC) blieb davon unbeeindruckt und erklärte am 16. September Präsident Karsai zum vorläufigen Wahlsieger, sie wusste sogar, dass der 54,6 Prozent der Stimmen gewonnen hatte – sein schärfster Konkurrent, Ex-Außenminister Abdullah Abdullah, hingegen nur 27,8. Von energischen Einwänden der Regierung in Washington, geschweige denn einem Veto war seinerzeit nichts zu hören.

Soll es jetzt plötzlich doch eine Stichwahl geben, muss die Frage erlaubt sein: Auf Basis welcher nun für denkbar oder wahrscheinlich oder möglich gehaltenen Stimmverteilung? Auf wie viel Prozent kommt Karsai wirklich? Auf wie viel Abdullah? Offenbar gibt es kein halbwegs authentisches Ergebnis. Das Ausmaß der Manipulationen degradiert Angaben über „reguläre Stimmen“ zur Mutmaßung. Ausweg aus diesem Dilemma können allein Neuwahlen sein, weil das Resultat vom 20. August annulliert gehört.

Davon abgesehen ist dieser Wahlgau genau genommen der "worst case" für die westliche Afghanistan-Politik: Befriedung des Landes nicht erkennbar, Wiederaufbau rudimentär, Demokratie-Export gescheitert. Es gibt seit der US-Intervention vom Oktober 2001 kein dieser Präsidentenwahl vergleichbares Ereignis, das offenbart, wie sehr der verordnete Werte-Transfer misslungen ist. Noch überzeugender lässt sich die demokratische Idee in den Augen der Afghanen wohl kaum diskreditieren. Die Taliban können sich freuen. Wie es überhaupt vieles gibt, worüber sie momentan beglückt sein dürften. Über Außenminister Clinton etwa, die so viel diplomatisches Geschick besitzt, schon wieder zu erklären: Sie sei überzeugt, dass Karsai die Stichwahl gegen Herausforderer Abdullah gewinnt. Erst wird acht Wochen gezögert, aus einem Wahlbetrug die einzig mögliche Konsequenz zu ziehen, dann aber mit resoluter Gewissheit kundgetan, wer in Runde zwei triumphiert. Woher weiß Hillary Clinton, dass die auch nur einen Deut regulärer abläuft als der Urnengang vom 20. August? Das riecht nach einem Deal mit Karsai oder nach einer Falle, in die der Präsident Afghanistans getrieben wird, weil ihn die US-Regierung los werden will. Beides hätte mit Demokratie wenig, mit einem Geschäft aber viel zu tun.

Nach dem 11. September 2001 wurde suggeriert, die demokratischen Kulturnationen des Westens hätten einen Krieg oder Kreuzzug gegen die totalitären und fanatischen Muslime eröffnet, deren Heimstatt, Refugium und Großmoschee Afghanistan sei. Das zu beweisen, ersparte man sich. Man war siegessicher, nicht nur den Krieg, auch den Wettstreit der Ideen zu gewinnen. Afghanistan zeigt, wie man beides verlieren kann.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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