Karzai im Abzugsfieber

Afghanistan Der Präsident in Kabul denkt an sein Überleben nach dem "Tag X" und hat offenbar den Rückzugstermin für die Besatzungstruppen als politische Spielmasse entdeckt

Nicht zum ersten Mal bekommen die Amerikaner zu hören, sie sollten samt ihren Alliierten bereits 2013 gehen. Das wirkt provozierend und verstörend und vor allem so, als gäbe es keine amerikanisch-afghanischen Verhandlungen über einen Partnerschaftsvertrag, der eine US-Präsenz über das Jahr 2014 hinaus regelt. Wahrscheinlich festschreibt. Offenbar will Hamid Karzai den Eindruck erwecken, es sei möglich, gleichzeitig in zwei Welten zu leben: im heutigen Protektorat Afghanistan und in einem Staat Afghanistan, für den es nach dem Abzug ein Agreement geben wird zwischen Karzais Machtoligarchie und dem inner-afghanischen Widerstand, besonders den Taliban.

Die Warlords von damals

Schon einmal sind derartige Projektionen mit den Realitäten kollidiert, als es galt, einem nach dem Ausstieg der sowjetischen Besatzungstruppen im Februar 1989 entstandenen Machtvakuum gewachsen zu sein. Nach einer Zeit trügerischer Ruhe noch unter dem – von den Sowjets hinterlassenen – Staatschef Mohammad Najibullah hatte bald jede Koalition der Vernunft ausgespielt. Es kam zum tollkühnen Drohnen-Kampf der Sieger. Unter denen galten zuvor scheinbar unverzichtbare Bande des Zusammenhalts plötzlich als verzichtbarer Ballast. Stattdessen nutzten die Mudschaheddin-Fraktionen die sich bietende Gelegenheit, wieder entdeckte Feindschaften unter hemmungslosem Gebrauch ihrer überlaufenden Waffenarsenale auszuleben. Alle, die sich zuvor nicht schwülstig genug als Patrioten feiern konnten, lieferten das Land einem selbstzerstörerischen Bürgerkrieg aus. Die dadurch heraufbeschworene humanitäre Lage war für die Bevölkerung vielerorts schlimmer als die gerade überwundene Besatzungszeit.

Wer waren die Warlords von damals? Dazu gehörte zum Beispiel Burhanuddin Rabbani, zeitweilig Präsident und Führer der Partei Jamiat-i-Islami. Rabbani hatte einen verbissenen Gegner namens Gulbuddin Hekmatyar. Der kommandierte ein stattliches Milizen-Heer, war Chef der Partei Hezb-i-Islami und ein Premierminister, der Rabbani in die Parade fuhr, wo er nur konnte. Hekmatyar ist auch heute noch als eifernder Herold des strengen Gottesstaates von Allahs Gnaden unterwegs. Er dürfte es sich kaum nehmen lassen, ein Afghanistan ohne Besatzungsmacht mit seinem Fingerabdruck zu versehen, sofern ihm die Taliban so viel Aktionsradius lassen, dies zu tun. Der Vollständigkeit halber sei daran erinnert, dass in den frühen neunziger Jahren im Norden die Allianz des Ahmed Shah Massoud das Sagen hatte – wechselweise begleitet oder bekämpft durch den Usbeken-Führer Rashid Dostum, der wegen der unter seinem Kommando begangenen Verbrechen jeder Anklagebank des Internationalen Haager Strafgerichtshofes zur Zierde gereichen würde. Aber wohl nie gereichen wird. Und auch wenn Rabbani und Massoud Attentaten zum Opfer fielen und nicht mehr am Leben sind – die mit ihnen vor 20 Jahren verbundenen Konfliktszenarien bleiben virulent.

Rückkehr zum Emirat

Nicht auszuschließen, dass der Krieg „jeder gegen jeden“ mit wechselnden Allianzen nach 2014 eine Renaissance erlebt. Die ethno-politische Polarisierung ging seit der US-Intervention im Oktober 2001 nicht verloren. Im Gegenteil – sie hat sich verstärkt. Hamid Karzai ist trotz aller taktischen Finessen viel zu diskreditiert, um sich ohne die Amerikaner im Rücken als Galionsfigur einer zentralen Administration oder innerer Friedensstifter halten zu können. Nicht auszuschließen, dass seine Regierung ebenso zerfällt wie das auch für die Armee und die Polizei prophezeit wird, deren Kader schon jetzt im Geruch stehen, auf ein Agreement mit regionalen oder lokalen Führern des Widerstandes – nicht allein der Taliban – zu achten. Über allem schwebt wie ein ewiges Verhängnis die Verschwisterung mit Pakistan, dem die Zukunft des Nachbarlandes natürlich nicht gleichgültig sein kann. Islamabad wird das Seine tun und die inner-afghanischen Verbündeten aus der in beiden Ländern präsenten Volksgruppe der Paschtunen aufrüsten. Und diese Verbündeten, das sind nun einmal vorzugsweise die Taliban. Denen wird bei allem, was kommt, die Rückkehr zum Islamischen Emirat, wie es bis 2001 bestand, nur schwer auszureden sein. Am wenigsten von Hamid Karzai.

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Ihre Freitag-Redaktion

12:45 19.03.2012
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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