Lutz Herden
30.05.2011 | 12:01 16

Kein Betriebsunfall

Afghanistan Der durch NATO-Bomben verursachte Tod von Zivilisten in Helmand zeigt einmal mehr, dass die westliche Allianz einen Krieg führt, den sie nicht anders führen will

Wer glauben sollte, der Tod von afghanischen Frauen und Kindern nach dem Luftangriff in der Südprovinz Helmand, sei als „bedauerliches Versehen“ ein Rückschlag für die NATO-Strategie, die sich angeblich am Wohl der Zivilbevölkerung ausrichtet, der irrt. Und das gewaltig. Die ausländische Besatzung am Hindukusch ist offenkundig nur durch einen auf diese Weise und mit solchen Mittel geführten Krieg aufrechtzuerhalten. Wenn das so ist, muss mit Kollateralschäden gerechnet werden. Die sind einkalkuliert – die wird es weiter geben, so sehr Präsident Obama auch beteuert, seit er die Afghanistan-Politik verantworte, gingen militärischer Schutz und ziviler Aufbau Hand in Hand – ein kriegerischer Wiederaufbau sozusagen. Ein Widerspruch und eine gezielte Irreführung der Öffentlichkeit in den NATO-Staaten obendrein, die sich leider nur allzu gern beschwichtigen lässt.

Warum sonst wird es in Deutschland ergeben hingenommen, wenn Verteidigungsminister de Maizière durchblicken lässt, man brauche die jetzige Bundeswehrform, weil man Streitkräfte für Auslandseinsätze brauche. Der Minister nennt denkbare Einsatzorte derartiger Missionen wie Pakistan, Jemen, Sudan oder Somalia. In diesem Moment müsste eigentlich jedem klar sein: Afghanistan ist keine Episode, bei dem ein Konflikt aus dem Ruder läuft und jedes Zeitmaß sprengt. Nach Afghanistan wurde ein Konflikt hineingetragen, um diesen Krieg führen zu können. Afghanistan ist die Norm, kein Betriebsunfall. Es liegt in der Logik des bisherigen Kriegsverlaufs, kein anderes Rezept zu haben, diesen Feldzug über die Zeit zu bringen, als Übermacht in Gestalt von Overkill-Kapazitäten auszuspielen. Wofür dann – wie in Helmand – Zivilisten ihr Recht auf Leben einbüßen. Damit wird Deutschland – um noch einmal de Maizière zu zitieren – „internationaler Verantwortung“ gerecht. Und wie! Helmand im Süden steht neben Talokan in der Nordost-Provinz Tachar, wo am 18 . und 19. Mai 17 Afghanen getötet wurden, als sie vor einem Außenposten der Bundeswehr gegen den Tod von Landsleuten protestierten, die unter ähnlichen Umständen starben wie gerade Frauen und Kinder in Helmand.

Gegenüber der afghanischen Bevölkerung hat die NATO längst verloren. Aber sie bleibt, um zu zeigen, worum es eigentlich geht. Die Selbstermächtigung zum Weltordnungsregime, dem sich die Allianz verschrieben hat, auch wenn es dafür noch an der nötigen inneren Geschlossenheit und operativen Qualität fehlt. Aber die potenziellen Einsatz-Staaten lassen wissen, wohin es künftig geht, verdienen es, durch Libyen ergänzt zu werden. Auch dort hat bekanntlich der Schutz der Zivilbevölkerung ebenso Priorität wie in Afghanistan. Auch dort werden Schiffe versenkt, Straßen blockiert, Wohnviertel zerstört, Menschen durch Bomben getötet und Rebellenformationen zum Bürgerkrieg hoch gerüstet – alles zum Schutz der Zivilbevölkerung. Es gibt kein Argument für diese Intervention, das zu fadenscheinig wäre und nicht unterboten werden könnte. Es sind viele militärische Mittel recht, ihr zum Erfolg zu helfen. In Libyen wie in Afghanistan. In Tripolis wie in Helmand.

Kommentare (16)

Maria Jacobi 30.05.2011 | 18:39

Die Regierung der BRD legt ihre aggressive Militärpolitik immer offener zutage. So nach dem Motto: "Ist erst der Ruf ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert". Hat die Aussage, dass die BW auch für Rohstoffe in den Krieg zieht, dem Bundespräsidenten Köhler noch bewogen, das Amt zu verlassen, gehört die gleiche Aussage, nur viel eindeutiger formuliert - und auf praktische jede labile Ecke dieser Welt fokussiert - zur "Regierungserklärung" des neuen Kriegsministers. Seit Hitler hat kein deutscher Staatsmann jemals wieder so unverblümt die aggressiven Ziele einer deutschen Armee dargelegt. Da braucht es auch niemand zu wundern, dass mittlerweile auch tote deutsche Soldaten zu den Kollateralschäden dieser Staatsform gehören.

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Ehemaliger Nutzer 30.05.2011 | 20:06

Besonders bedenklich ist dies, wenn man in Betracht zieht, dass Deutschland Kraft seiner Verfassung keinen Angriffskrieg führen DARF. Es zeigt sich wiederum, mit welchem eiskalten Kalkül unsere Regierung versucht, das eigene Grundgesetz zu um- und übergehen. Das dafür immernoch Menschen sterben müssen, erachte ich als unmögliche und unendschuldbare Tatsache.

Friede den Hütten
Krieg den Palästen
Gruß
Simon Pschorr

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Ehemaliger Nutzer 30.05.2011 | 20:22

@R Stilzchen
…mit dieser Einstellung könnten Staaten generell keinen ZWECKMÄßIGEN Krieg führen!

Völlig gleichgültig, ob deren Armeen mit Hakenkreuz- oder Natofahne fremde Souveräne überfallen.

Dass es allerdings, nicht nur seit Adolfs Zeiten, immer noch erfolgreich ist, den eigenen patriotischen Affen die Zweckmäßige Kriegsführung als sein glattes Gegenteil zu verkaufen, belegen ja leider nicht nur viele Kommentare hier.

Oder wollten Sie oben einfach nur anmerken, dass nur ein robuster und überraschender Präventivschlag der Roten Armee gegen Hitlerdeutschland, vielleicht schlimmeres vermieden hätte?

Nietzsche 2011 30.05.2011 | 20:47

Meinen Vorschlag zur "Umgestaltung" der Bundeswehr hab ich soeben bei Uwe Ness hinterlassen; wiederhole ich jetzt nicht.
Zu Afghanistan: Warum scheut man sich, das Szenario nach einem NATO-Abzug durchzuspielen? Die Taliban übernehmen die Macht und errichten ein islamistisches Regime. Vermutlich wird sich der Stadtpräsident von Kabul namens Karsai mit ihnen arrangieren. Aus eigener wirtschaftlicher Kraft dürfte dieser Staat nicht überlebensfähig sein. Unterstützung ist wohl am ehesten von Iran und Saudi-Arabien (Verbündeter der USA) zu erwarten.
Grundsätzlich stehe ich auf dem Standpunkt, dass innere Probleme eines Landes von der eigenen Bevölkerung gelöst werden müssen. Daher vertraue ich den Afghanen, dass sie aus eigener Kraft eine Taliban-Herrschaft abschütteln würden - ein afghanischer Frühling gewissermaßen.

Drommetenrot 31.05.2011 | 07:27

Ich bin noch nicht so ganz entschieden ob das Problem in AFG in erster Linie ist dass wir wohlmeinende Idioten sind oder doch eher zynische Arschlöcher, aber ja, Abzug sofort. Verstehe nicht, warum deswegen keiner auf die Straße geht, sonst kriegt man für jeden unwichtigen Scheiß - Castor, S21 - Zehntausende auf die Straße. Und hier werden haufenweise Menschenleben und Geld verbrannt ohne Sinn und Verstand und keiner zuckt mit der Wimper.