Keine Trulla

Literatur Eine Biografie will das Bild von Heinrich Manns Lebensgefährtin Nelly Kröger zurecht rücken
Keine Trulla
Heinrich und Nelly Mann, 1938, Nelly am Strand von Nizza, 1935

Fotos: Akademie Der Künste, Berlin

Man hat sie kaum ignorieren können, umso mehr gebührend behandeln wollen. Nelly Mann (1898 – 1944) ist nicht vom Rang der Dichter und Schauspieler, deren mit der Ehrenreihe auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin gedacht wird. Die kleine Plakette, um an sie zu erinnern, lehnt an der Stele ihres Ehemannes Heinrich Mann (1871 – 1950), der hier neben Helene Weigel, Bertolt Brecht, Anna Seghers und Johannes R. Becher begraben ist. Das Unten vor Oben bedient das Standesgemäße für die nicht Standesgemäße aus dem Fischerdorf Ahrensbök an der Ostsee. Als müsse ein leiser Zweifel an der biografischen Integrität der einstigen Bardame aus dem Berliner Westen auch an diesem Ort angedeutet sein.

Nelly Kröger, wie sie damals heißt, wird 1929 zur Geliebten Heinrich Manns und bleibt seine Gefährtin in den zermürbenden Jahren der Fluchten nach 1933, der Refugien in Frankreich und den USA. Bis sie, erst 46 Jahre alt, am 17. Dezember 1944 in Los Angeles selbst zur Flüchtigen wird. Nach einer Überdosis Veronal kann ihr niemand mehr helfen. Elf Jahre der Emigration haben an Überlebenskunst verbraucht, was Nelly aufbieten kann. Sie stirbt am gebrochenen Herz einer Verzweifelten, die dem Hang zur Selbstzerstörung immer weniger zu widerstehen vermag. Heinrich Mann, mit Nelly seit 1939 verheiratet, muss ohnmächtig trauernd hinnehmen, was nicht aufzuhalten ist.

Eine politisierte Antifaschistin

Dem Ansinnen, Nellys Schicksal in einer Weise zu ergründen, die ihrem Leben gerecht wird, folgt die Soziologin Annette Lorey mit dem Erinnerungsbuch Nelly Mann. Heinrich Manns Gefährtin im Exil. Was sie vorlegt, gerät – stellenweise – zur Kampfansage an Klischee und Vorurteil. Man liest und denkt unwillkürlich an Heinrich Breloers Dokudrama Die Manns – Ein Jahrhundertroman (2001). In diesem Fernsehdreiteiler fand sich Nelly Kröger-Mann vorwiegend auf das Stereotyp einer enthemmten, der Trunksucht verfallenen, lasziven Femme fatale reduziert. Zu Recht, wie es schien, war sie vom Thomas-Mann-Clan und dem „Zauberer“ selbst als nicht salonfähige, typische „Heinrichfrau“ verschrien. Die „schreckliche Trulle“, wie der Literaturnobelpreisträger und jüngere Bruder Heinrich Manns „Frau Kröger“ im Tagebuch nennt, ist mitnichten „comme il faut“, sondern ein Ausbund an Zumutung, eine „arge Hur“ (Katia Mann). Um gegen einen Hochmut der Deklassierung anzuschreiben, bereitet Lorey auf, was an Quellen verfügbar ist, aber kaum je mit solcher Akribie erschlossen wurde. Zitiert wird aus den ersten Briefen überhaupt, die Nelly im April 1933 dem bereits nach Frankreich emigrierten Heinrich Mann schickt, um in der Tarnsprache einer Haushälterin zu berichten, wie sie um seine Hinterlassenschaft in Berlin, die Bibliothek vor allem, kämpft. Da schreibt keine politisch Ahnungslose, sondern eine politisierte Antifaschistin, die weiß, wie man die Gestapo täuscht. „Warum man so furchtbar böse auf Sie ist, sagt man mir einfach nicht.“ Als Bereicherung in Loreys Abhandlung erweist sich ebenso die Korrespondenz Nelly Manns mit der jüdischen Emigrantin Salomea Rottenberg in New York, die Trost spendet, als ab 1940 im US-Exil der soziale Abstieg Heinrich Manns in einen freien Fall überzugehen droht. Doch der Reihe nach. In Berlin zusehends bedroht, trifft Nelly Kröger Ende Juni 1933 im südfranzösischen Bandol Heinrich Mann endlich wieder. Der notiert über ihre Ankunft: „Das ist das höchste Zeichen menschlicher Anhänglichkeit, das ich jemals empfangen habe.“ Es sei in „voller Wahrheit das Glück“ einer großen Liebe, die ihm zuteil werde.

Annette Lorey hält sich an das bewährte Prinzip des biografischen Sachbuchs, indem sie Lebens- mit Zeitgeschichte verschränkt, doch statt zur Chronik zum Exkurs neigt, der erschöpfende Wahrheiten schuldig bleibt. Davon ist die Autorin gegen Ende ihres Buches so weit entfernt wie an dessen Anfang. Sie tastet sich durch ein fernes, fremdes Leben, ohne es fassen zu wollen, und fragt mehr als einmal, wie Nellys psychische Labilität, ihre Zusammenbrüche, die sich häufenden Klinikaufenthalte zu erklären sind. Ist Alkoholsucht die maßgebliche Ursache? Oder wühlt in ihr bis zum Unerträglichen die Gewissheit, als Lebenshilfe ihres Mannes unentbehrlich, dem aber immer weniger gewachsen zu sein? In den USA ist Heinrich Mann, ein Erzähler von europäischem Format, der Verfasser von Werken wie Der Untertan oder Professor Unrat, nicht gefragt, weder als Drehbuchautor noch als Publizist, geschweige denn als Romancier. Er lebt von den Tantiemen sowjetischer Verlage und den Almosen des Bruders.

Für einen bitteren Kontrast sorgen die Bilder aus den „besseren Jahren“, Fotografien von Nelly allein oder mit Heinrich Mann, die über das Buch verteilt sind, ohne kommentiert zu werden. Der Leser kann selbst urteilen. Eine Aufnahme aus den 1920ern zeigt eine junge Frau am Strand, den Kopf aufgestützt, lebensfroh lachend mit Fuchspelz am Hals und Tuch im Haar. Ganz anders das Foto aus Nizza Mitte der 1930er Jahre, Nelly und Heinrich Mann beim Wein, ein mondänes Paar, der Dichter mit Krawatte und Einstecktuch, Nelly mit eleganter Kappe schräg auf dem Kopf, lachend auch jetzt. Schließlich ein Moment aus dem Sommer 1938, noch zwei Jahre bis zum Abschied aus Europa, Nelly mit ausrasierten Augenbrauen, in weißer Bluse, mehr lächelnd als lachend. Heinrich Mann mit treusorgendem Blick, der gütige Vater einer reifen Tochter? Ihrer Schicksalsgemeinschaft kommt die Gnade des Glücks abhanden, als für Nelly Lebensangst in Todessehnsucht mündet. Wie Theodor Fontanes Stine gibt sie sich auf, als für den Geliebten nichts mehr getan werden kann. Der Fontane-Gestalt gilt eines der letzten Essays Heinrich Manns, geschrieben kurz vor seinem Tod im März 1950. „Süß, herzzerbrechend süß“ sei Stine, heißt es da. Stand ihm Nelly vor Augen?

Info

Nelly Mann. Heinrich Manns Gefährtin im Exil Annette Lorey Königshausen & Neumann 2021, 410 S., 26 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 21.09.2021
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 38/2021

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