Kommst du nach Sparta

USA/Nordkorea Schauplatz des Treffens zwischen Trump und Kim Jong-un ist Hanoi – für die Amerikaner ein geschichtsträchtiger Ort
Kommst du nach Sparta
Kurz nach seiner Amtseinführung war er schon einmal da: Trump bei einer Willkommenszeremonie in Hanoi im November 2017

Foto: Jim Watson/AFP/Getty Images

Unterstellen wir, Kim Jong-un besaß ein Mitspracherecht bei der Wahl des Schauplatzes für den zweiten Gipfel USA/Nordkorea in acht Monaten. Trifft das zu – und warum sollte es anders sein? –, dürfte ihm die Entscheidung für Hanoi gefallen. Am 27. Februar wird er den US-Präsidenten auf dem Boden eines offiziell nach wie vor sozialistischen, auf jeden Fall freundlich gesinnten Staates treffen. Vietnam ist mit seinem Einparteiensystem Nordkorea verwandt und mit seiner marktwirtschaftlichen Dynamik weit voraus.

Für die USA wiederum, weniger vielleicht für den Präsidenten selbst, ist Hanoi ein Topos von ungewöhnlichem Symbolwert. An diesem Ort rumort wie kaum irgendwo sonst Amerikas Geschichte in Indochina. In der Stadt am Roten Fluss – von der Air Force ab Mitte der 60er Jahre gnadenlos bombardiert – saß die Führung eines martialischen Sparta, an dem sich drei US-Präsidenten – Kennedy, Johnson, Nixon – die Zähne ausbeißen sollten. Jeden Krieg, zu dem sich die USA später hinreißen ließen – in Somalia, im Irak, in Afghanistan oder Libyen –, hatten sie in Südostasien zwischen 1963 und 1973 schon einmal geführt. Und dabei nie so triumphiert wie erhofft.

Bei aller Overkill-Mentalität und dem Glauben an die Macht der Ressourcen lag es in Vietnam vor allem daran, dass man den Gegner unterschätzte. Die im Westen geringschätzig „Vietcong“ genannten Kombattanten, die auf ihren Märschen oft mit einer Handvoll Reis und ein paar Fetzen Rattenfleisch auskamen, verfügten über ein Beharrungsvermögen, das nur mit dem Tod erlosch. Sie kämpften auf heimatlicher Erde für ein Land, dem nichts wertvoller war als Unabhängigkeit und Freiheit, wie es Staatsgründer Ho Chi Minh formuliert hat.

Der Regisseur Francis Ford Coppola ließ in seinem Vietnamkriegs-Melodram Apocalypse Now (1979) den hochdekorierten, vor dem Horror des Krieges in den kambodschanischen Dschungel geflohenen Colonel Walter E. Kurtz über den „Vietcong“ sagen: „Das waren keine Ungeheuer, das waren Männer, geschulte Einheiten, die mit ihren Herzen kämpfen, die erfüllt sind von Liebe und die Kraft haben, ohne Hemmungen ihre ursprünglichen Instinkte einzusetzen, um zu töten.“ Prompt wird ein CIA-Killer in Marsch gesetzt, den Abtrünnigen zu liquidieren, der es gewagt hat, dem Dämon der Anmaßung ins Gesicht zu spucken.

In der kollektiven Psyche Amerikas hinterließ die Niederlage in Vietnam tiefe Narben. Ist es deshalb erstaunlich, dass Donald Trump dem Gipfelort Hanoi etwas abgewinnen kann? Womöglich fällt ins Gewicht, welche Metamorphose die Beziehungen zu Vietnam in den vergangenen beiden Jahrzehnten erfahren und so für ein Paradigma gesorgt haben, das eines Tages ebenso für das Verhältnis zwischen den USA und Nordkorea gelten könnte. Es bedürfte dazu ideologischer Abrüstung und des Willens zur Koexistenz antagonistischer Systeme.

Jedoch entfiele der notorische Reflex zur Konfrontation wohl nur dann, würde man sich militärischer Potenziale entledigen, die dazu verführen, bei Beziehungskrisen in die gewohnte Feindseligkeit abzugleiten. Um dieser Versuchung zu entgehen, müsste nicht allein Kim Jong-un seine Kernwaffen zurückbauen, für die USA wäre im Gegenzug mindestens der Verzicht auf ihre 32.000 Soldaten in Südkorea fällig. Nur dann wäre eine vertraglich sanktionierte Sicherheitspartnerschaft denkbar – die existenziellen Interessen Nordkoreas wie die geostrategischen Interessen Chinas gebieten nicht weniger als das.

Ho Chi Minhs Irrtum

Ein solche Zäsur ließe den Blick in die Zukunft statt die Vergangenheit richten, wie das die USA und Vietnam so eindrücklich zustande brachten. Sie hielten es mit der Maxime, dass man nicht zweimal in den gleichen Fluss steigt. So wurden die ersten US-Emissäre, als sie Mitte der 90er Jahre nach Vietnam zurückkehrten, mit verhaltener Distanz, aber ebenso sichtlichem Stolz empfangen. Was darin zum Ausdruck kam, war der Wunsch nach Anerkennung und Achtung, dem eine lange, geradezu verzweifelte Geschichte zugrunde lag.

Ho Chi Minh war in jungen Jahren davon überzeugt, wenn sein Land einen Alliierten brauche, um sich von französischer Kolonialmacht zu befreien, kämen dafür die USA infrage. Als Emigrant in Paris verdingte er sich 1919 während der Versailler Konferenz in einem für ausländische Gesandte reservierten Hotel als Küchenhilfe, um dem USPräsidenten Woodrow Wilson zu begegnen und ihn für ein souveränes Vietnam zu gewinnen. Wozu es freilich nie kam.

Am 2. September 1945 schließlich, als Ho Chi Minh auf dem Ba-Dinh-Platz in Hanoi die Unabhängigkeit ausrief, begann seine Rede mit den Worten von Thomas Jefferson, einem der Gründerväter der Vereinigten Staaten: „Alle Menschen sind gleich geschaffen. Sie sind von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet, dazu gehören Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.“ Danach schrieb er mehrfach an US-Präsident Truman, um dessen politischen Beistand gegen den kolonialen Berserker Frankreich zu erbitten, ohne je einer Antwort gewürdigt zu werden. Weder damals noch später verstanden die Amerikaner, dass die vietnamesischen Kommunisten vorrangig als Patrioten handelten, die niemandem erlauben wollten, ihnen das Recht auf nationale Selbstbestimmung zu bestreiten.

Als Nationalkommunisten führten sie Krieg, als solche nutzten sie die Chance zu friedlichem Ausgleich, als die USA dazu bereit waren. Sie wirkten dabei wie Pragmatiker, die sich bis zur Selbstverleugnung disziplinierten. Doch war es nur auf diese Weise möglich, sich von den eigenen Opfern zu emanzipieren, den drei Millionen vietnamesischen Kriegstoten. Nur so ließ sich verschmerzen, dass den USA Anstand und Moral fehlten, Wiedergutmachung zu leisten. Von Sühne ganz zu schweigen. Im Gegenteil, sie offenbarten „Feingefühl“, als im August 1995 der Vietnam-Veteran und einstige Kampfpilot Pete Peterson wieder eine Botschaft in Hanoi eröffnete.

Als im November 2000 Bill Clinton als erster US-Präsident die Sozialistische Republik Vietnam besuchte, legte er den Entwurf eines Vertrages auf den Tisch, der einen jährlichen Warenaustausch von einer Milliarde US-Dollar vorsah – unter einer Bedingung: Vietnam gewährt Hilfe bei der Suche nach den sterblichen Überresten von 1.643 verschollenen US-Soldaten, den „Missing in Action“ (MIA). Inzwischen habe gedeihliche Partnerschaft einst unerbittliche Feinde versöhnt, befand Barack Obama, als er 2016 kurz vor Ende seiner Amtszeit Vietnam bereiste.

Über Kim Jong-un hat Trump zuletzt geurteilt, er respektiere, was dieser Führer für sein Land leisten wolle. Auch wenn Zweifel angebracht sind, ob gemeint ist, was gesagt wird, hat der US-Präsident immerhin mit Umgangsformen gebrochen, die seinen Vorgängern als sakrosankt galten: Erst wenn Nordkorea (selbstredend von den USA festzulegende) Vorleistungen erbringt, kann es Beziehungen auf persönlicher Ebene, sprich: einen Gipfel, geben. Ein Verhaltensmuster, bei dem ebenso wie einst gegenüber Vietnam ausgeblendet blieb, dass Nordkoreas Führer ein nationalkommunistisches Selbstverständnis verkörpern, das sich auf die von Staatsgründer Kim Il-sung entwickelte Chuch’e-Ideologie beruft. Deren Credo – nur wer sich auf autarke eigene Kräfte stützt, ist souverän – erinnert an Ho Chi Minhs Beschwörung der Unabhängigkeit als des höchsten aller Werte.

06:00 26.02.2019
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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