Kreativer Umgang mit dem Zinsverbot

"SCHARIA" UND WELTWIRTSCHAFT Islamische Banken folgen einem eigenen Reglement, aber marktwirtschaftlichen Regeln

Mit der Islamisierung der algerischen Gesellschaft sind auch die Grundsätze eines islamischen Geld- und Finanzwesens stärker ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Dies gilt beispielsweise für Verhaltensmuster im Wirtschaftsleben, die sich von europäischen Normen deutlich unterscheiden. Der Islam betrachtet den Schöpfer als alleinigen "Eigentümer" auch wirtschaftlicher Güter - iridischer Besitz, also besonders das Eigentum an Produktiv-Vermögen, sei dem Menschen insofern nur auf Zeit überlassen worden. Er habe dies als Auszeichnung zu empfinden und die ihm als "Eigentümer" entstehende soziale und ethische Verantwortung zu tragen.

Noch gravierender ist das im Koran und in der Lehre des Propheten Mohammed verankerte Verbot des Zinsnehmens, der "Riba". Ein Verdikt, das streng genommen in islamischen Staaten den Aufbau eines Banken- und Finanzsystem verbieten müsste. Allerdings folgen zeitgenössische Interpretationen seit geraumer Zeit der Auffassung, die Vergabe von Krediten sei als Hilfestellung bei unternehmerischer Tätigkeit zu verstehen und entspreche daher auch der stets reklamierten sozialen Verpflichtung eines "Eigentümers". Schon 1978 wurde so in Saudi-Arabien die Islamic Development Bank gegründet sowie - wenig später - im Emirat Kuwait das Kuwait Finance House, andere Institute folgten. Tochtergesellschaften und Niederlassungen dieser und anderer Einrichtungen existieren heute in Bahrein, Ägypten, Marokko, Oman und in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Als Dachorganisation fungiert die International Association of Islamic Banks, der bisher allerdings eher eine symbolische denn koordinierende Funktion zukommt.

Diese islamischen Finanzinstitute verwalten inzwischen beträchtliche Vermögenswerte - Schätzungen sprechen von 300 bis 400 Milliarden US-Dollar. Länder wie Pakistan und der Sudan haben zudem Gesetze erlassen, die Bankhäuser ausdrücklich zur Einhaltung der Scharia verpflichten.

Problematisch ist nach wie vor der Umgang mit Alternativen zu verzinsten Darlehen, wenn es um Kooperationen mit europäischen oder nordamerikanischen Finanzinstituten geht. Ein Weg, die Zwänge eines modernen, zusehends globalisierten Wirtschaftslebens mit den Geboten der Scharia in Einklang zu bringen, ist die Vertragsform der Mudaraba: Sie verbindet ein islamisches Bankhaus nicht nur mit dem kreditbedürftigen Unternehmer, sondern zusätzlich mit einer "Interessengemeinschaft", die sowohl Gewinnchancen als auch Verlustrisiken aufzufangen hat. Ein fester Zins wird von vornherein ausgeschlossen - das effektive Resultat der Kapitalanlage vielmehr nach einer bestimmten Matrix verteilt. Die Bank tritt also in diesem System nicht als direkter Profiteur von Zinseinnahmen in Erscheinung. Ähnlich verhält es sich beim Kauf von Immobilien oder Investitionsgütern durch eine Bank, die dem interessierten Kunden in der Regel mietweise überlassen werden. Die Sicherheit für die Bank besteht dann darin, dass der Klient einen Vertrag unterzeichnet, der ihn zur käuflichen Übernahme - beispielsweise der Immobilie - per Ratenzahlung verpflichtet.

In Algerien, das allein durch seine Beziehungen zu Frankreich über ein ausgesprochen europäisiertes Wirtschaftsleben verfügt, dürfte sich diese Art von Finanzbeziehungen nur dann als Alternative ins Gespräch bringen lassen, sollte ein großer Teil der Bevölkerung aus dem Wirtschaftskreislauf gedrängt, sprich: sozial über das bisherige Maß hinaus marginalisiert werden. Aber auch dann wäre eher eine Übernahme von Modellen anderer islamischer Staaten zu erwarten als eine aktive, wirtschaftsgestaltende Rolle des FIS.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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