"La Paloma" in Lahore

PAKISTAN Ein Putsch und die Schizophrenien eines nuklearen Schwellenlandes

Natürlich lässt sich der Durchmarsch des Generals Musharraf als Niederlage der Demokratie betrauern, wenn man meint, es habe in Pakistan jemals eine solche gegeben. In Wirklichkeit spricht aus den alarmierten Reaktionen der USA und anderer denn auch weniger Sorge um die Demokratie als viel mehr Furcht vor einer fortschreitenden Degeneration pakistanischer Politik. Das wiederum erklärt sich wohl vor allem aus den bedenklichen Optionen eines nuklearen Schwellenlandes. Optionen, die Islamabad vorzugsweise als Vehikel einer stabilen Konfrontation mit Indien betrachtet, obwohl sie dem Land noch nie die Handlungsfähigkeit verschafft haben, die es sich erhoffte. Der Widerspruch zwischen Ambition und Vermögen ist zuletzt eher größer geworden.

Das gilt um so mehr, seit 1998 mit den Nukleartests beider Seiten die pakistanischen Defizite gegenüber dem indischen Potenzial mehr als deutlich wurden. Islamabad leitete daraus den Zwang zur politischen wie miltärisch-konventionellen Kompensation ab. Allerdings schien es lange Zeit so, als wollten Premier Sharif als Staatsschef und General Musharraf als Armeechef dabei getrennte Wege gehen.

Gemeinsam blieb man indes dabei, das Nuklearpotenzial weiterhin als "letzte Rettung" vor territorialen Zugriffen des indischen Gegners hochzustilisieren. Es lag in der Logik dieser "Überlebensphilosophie", Angebote aus Delhi über den gegenseitigen Verzicht auf einen nuklearen Erstschlag regelmäßig abzulehnen, aber gleichzeitig genau zu wissen, dass eine Erstschlagsoption eigentlich wertlos blieb, solange einer indischen Vergeltung wenig entgegenzusetzen war. Die klassische Schizophrenie einer Nuklearmacht, die nicht so kann, wie sie will, aber nicht wahrhaben will, dass es so ist. Letztlich hat ein gestörtes Verhältnis zur Realität maßgeblich dazu beigetragen, dass auf pakistanischer Seite ein Lavieren zwischen Diplomatie und Konfrontation gegenüber Indien zusehends die Politik beherrschte. Unabhängig davon, ob es sich bei den Akteuren um den Autokraten Sharif oder den Autokraten Musharraf handelte.

Erinnert sei nur an das spektakuläre Versöhnungstreffen Sharifs mit dem indischen Premier Vajpayee vom Februar im pakistanischen Lahore. Schon damals erschien es mehr inszeniert als ernst gemeint. Sharif wusste, Indien wollte keinesfalls über Kaschmir, aber viel über Versöhnung reden. Das hieß, den Rauch zu loben und das Feuer zu verdammen. Sharif ging trotzdem nach Lahore. Als sein Gast Vajpayee mit seinem Bus über die Grenze kam, wurde auf pakistanischer Seite "La Paloma" intoniert, "einmal muss es vorbei sein ..." - Aber was war gemeint? Der Kaschmir-Konflikt? Eine zähe Feindschaft? Die stets kriegerische Versuchung eines Subkontinents? Immerhin unterschrieben Vajpayee und Sharif in Lahore eine "Gemeinsame Erklärung" und ein Protokoll über vertrauensbildende Maßnahmen. Das hinderte Pakistans Armeeführung allerdings nicht daran, zur gleichen Zeit in Islamabad den chinesischen Verteidigungsminister Chi Haotian zu empfangen, der die sino-pakistanische Militär-Kooperation in den höchsten Tönen lobte. Und das hinderte sie ebenso wenig, jene Operation im Kaschmir vorzubereiten, bei der muslimische Freischärler Ende März die Demarkationslinie überschritten, um indische Infanterie-Stellungen und Hubschrauberlandeplätze zu besetzen - ausgerüstet mit amerikanischen Boden-Luft-Raketen des Typs Stinger, die seit dem Afghanistan-Krieg zur Grundausstattung pakistanischer Kampf einheiten gehören.

Offenkundig hatte man sich in ein doppeltes Spiel verstrickt: Sharif verhandelte - Musharraf marschierte. Marschierte, um den Beweis für die Dringlichkeit einer verstärkten konventionellen Aufrüstung Pakistans anzutreten, um mit dem Krieg im Bergland in Ladakh den Kaschmir-Konflikt aus dem toten Winkel der Weltpolitik zu holen und um Indien in einem Augenblick zu treffen, als die Regierung Vajpayee gerade ihre Mehrheit verlor. - Doch dieses Kalkül ist auf der ganzen Linie gescheitert. Nicht zuletzt, weil die alten Verbündeten USA und China kein neues Spiel mit einem Land riskieren wollten, das Realitäten ausblendet und an Selbstüberschätzung leidet.

So blieben eine niederschmetternde Bilanz und der selbstmörderische Wahn des Premiers Sharif, einen pakistanischen Armee-Chef für das Desaster verantwortlich zu machen. Ein Sakrileg. Ein Ausstieg aus der Politik - zumindest in Pakistan.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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