Letztes Gefecht

Tage im August Mit dem Putsch führender Politiker und Militärs vor 20 Jahren war das Ende der UdSSR besiegelt, aber kein Sieg einer demokratischen Bewegung oder gar des Volkes errungen

Die Legende über den August-Putsch in Moskau zwischen dem 19. und 21. August 1991 besagt, er sei am Widerstand des Volkes und der demokratischen Bewegung zerbrochen. Doch waren diese beiden Phänomene gar nicht oder nur in Maßen gefragt, geschweige denn gefordert, um einem scheinbar anachronistischen Geschehen Einhalt zu gebieten. Das „Volk“ dekorierte bestenfalls das letzte Gefecht eines im Zerfall begriffenen Staatsapparates. Wenn junge Moskauer schon am Abend des ersten Putschtages auf Panzern saßen und mit deren Kommandanten Zigaretten rauchten, taten sie es in dem Bewusstsein, dabei nicht mehr zu riskieren als Verbrüderungsszenen. Die Putschisten um Vizepräsident Janajew, Verteidigungsminister Jasow oder Innenminister Pugo wollten ein verzweifeltes Zeichen setzen, aber keinen Bürgerkrieg anzetteln. Sie zogen in ein letztes Gefecht, um die Sowjetunion zu retten oder es wenigstens versucht zu haben. Was ihnen dafür an Instrumentarien zur Verfügung stand – ob es um die Geheimdienste, die Truppen des Innenministeriums oder die in der Hauptstadt eingesetzten Armee-Einheiten ging – erwies sich als kaum mehr gebrauchsfähig – sprich: kaum mehr zuverlässig. Nichts davon funktionierte so, wie es sich die Führer dieses Aufbäumens gegen das Unabwendbare vorgestellt hatten. Niemand schien mehr Lust zu verspüren, eine Arche Noah zu besteigen, die überall stranden mochte – nur nicht in einer erneuerten und vor allem (über-)lebensfähigen Sowjetunion.

Auch wenn der neue, kurz vor seiner Unterzeichnung stehende Unionsvertrag noch eine Gnadenfrist gewährt hätte – da ihn von vornherein nicht alle Sowjetrepubliken wollten, waren die Tage des Vielvölker-Konglomerats UdSSR, wie es 1922 nach den Ideen Lenins entstand, längst gezählt. Und das unwiderruflich.

Noch 20 Jahres später erinnert man sich der zitternden Hand und der belegten Stimme von Gennadij Janajew, der ein überstürzt gegründetes Notstandskomitee anführte, als er dessen Deklaration am Vormittag des 19. August verlas. Er saß vor Fernsehkameras und mit dem Rücken zur Wand. Nicht allein der sowjetische Staat hatte an Konsistenz und Funktionsfähigkeit verloren, mehr noch galt das für die KPdSU selbst. Sie war im August 1991 in mindestens zehn Fraktionen zerfallen, die von Anhängern des Ultra-Bolschewismus bis zu moderaten Sozialdemokraten reichten. Seit im März 1990 Artikel 6 der Unionsverfassung über die führende Rolle der Partei gestrichen wurde, konnte die KPdSU nicht mehr einleuchtend begründen, weshalb sie überhaupt noch existierte. Und sich keiner Oppositionspartei erwehren musste.

Dennoch wirkte es schockierend, als am 23. August – Tage, nachdem der Putsch endgültig in sich zusammengebrochen und Gorbatschow aus seinem Urlaub und zeitweiliger Isolierung im Kaukasus zurückgekehrt war – Russlands Präsident Jelzin zu einer Demütigung der großen Galionsfigur der Perestroika ausholte. Er unterbrach Auftritt und Rede Gorbatschows vor dem russischen Parlament, um ein Dekret zu unterzeichnen. Dies bestand im wesentlichen aus einem Satz: Hiermit verbiete ich jede Tätigkeit der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) auf dem Boden der Russischen Föderation. Gorbatschow – immerhin seit 1985 KPdSU-Generalsekretär – war sichtlich konsterniert und überrumpelt. Noch im Saal verhaftet wurde er freilich nicht – Jelzin hatte ja, was er wollte. Vor den Augen der Welt, das russische Fernsehen übertrug die Szene live, wurde Gorbatschow erledigt und zum ohnmächtigen Statisten degradiert. Er war nach dieser Brüskierung politisch ein toter Mann und fristete als Präsident der Sowjetunionbis zu deren Selbstauflösung Ende Dezember 1991 nicht mehr als ein Schattendasein, das an einen Hausarrest im Kreml zu erinnern schien. Der Ex-Kommunist Jelzin hatte als ehemaliges Politbüro-Mitglied der einst größten und einflussreichsten Kommunistischen Partei der Welt im Zeichen des Antikommunismus vollendete Tatsachen geschaffen. Das zu beobachten, hieß den Abgesang auf einen refomerischen Umbruch mitzuerleben, der nicht nur gescheitert, sondern zum Schluss von geradezu von selbstzerstörerischer Konsequenz war. Um von Perestroika zu reden, empfahl sich fortan der Gebrauch des Imperfekts. Die Sowjetunion hatte die Revolution von oben nicht überlebt.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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