Lorbeeren auf Vorschuss

Iran Seit Teheran zusätzliche Inspektionen in seinen Urananreicherungsanlagen erlaubt, stehen auch die vereinbarten Verhandlungen mit den USA unter hohem Erwartungsdruck

Was ist geschehen, dass mit kaum erklärbarer Euphorie die Aussicht auf Atom-Verhandlungen mit dem Iran wie ein Durchbruch behandelt wird? Hat allein die Gefahr weiterer Sanktionen, denen plötzlich auch Russland etwas abgewinnt, Teheran zum Einlenken veranlasst? Hat sich schon die Androhung derselben als Zuchtrute bewährt, um Revolutionsführer Khamenei und Präsident Ahmadinedjad zur Räson zu bringen. Zweifel sind angebracht.

Die Erinnerung lehrt, wenn Sanktionen wie ein Strafgericht über die Islamische Republik kommen, lassen sich vielleicht noch Gespräche, aber keine Verhandlungen mehr führen. Unter Druck werden Regierungen in Teheran beharrlich und unerschrocken. Das war schon unter dem im Westen gern zum Tabernakel reformerischen Aufbruchs verklärten Präsidenten Mohammed Khatami nicht anders – das wäre auch mit einem Präsidenten Mir-Hossein Moussawi nicht anders gewesen. Als die Bush-Administration 2005 damit begann, am Persischen Golf eine Drohkulisse vom Schnürboden zu lassen, die an das Vorspiel zu den Irak-Kriegen von 1991 und 2003 denken ließ, blieb der Iran unbeirrbar. Er fand seine Souveränität und Würde herausgefordert, die sich mit Bomben zwar angreifen, aber nicht zerstören lassen.

Als Garantie geheiligt

Hinzu kommt, ein Großteil der politischen Elite des Iran scheint über alle Fraktions- und Klientelgrenzen hinweg von der Überzeugung beseelt, dass es die Nukleartechnologie verdient, als Garantie-Urkunde der nationalen Unabhängigkeit geheiligt zu werden. Das Höchste, was einem Land zuteil werden kann, das als Regionalmacht wahrgenommen sein möchte. Die Brücke von der Atomtechnologie zu nationaler Selbst- und Zukunftsgewissheit wird sich keine iranische Regierung je einreißen lassen. Wer mit einem ihrer Emissäre verhandelt, muss wissen, dass diese Überzeugung nicht verhandelbar ist. Darin offenbart sich weder gläubiger Fanatismus, noch haben wir es mit der übertriebenen Reaktion auf einen vorhandenen oder kommenden Ressourcen-Notstand zu tun. Der Iran besitzt nicht nur die viertgrößten Öl- und die zweitgrößten Gasvorräte der Welt, sondern auch ein beachtliches Potenzial regenerativer Energiequellen. Die Atomenergie wird bestenfalls für die künftige, nicht die heutige Energieversorgung des Landes gebraucht. Sie jetzt aufzubauen, heißt Vorsorge zu treffen, um energiepolitische Autarkie zu bewahren und sicherheitspolitische Autorität zu gewinnen. Natürlich ist es von der Kerntechnologie bis zur Kernwaffenproduktion kein riesiger Schritt. Diese „Möglichkeit“ kann jedoch nur aus der Welt verbannen, wer dem Iran die sofortige Verbannung aller Nuklearwaffen garantiert und iranische Inspektoren einlädt, das zu überprüfen.

Atommacht Israel

Allein regel- – sprich: verhandel- und aushandelbar – ist das Tempo, mit dem ein Land wie der Iran dieser „Möglichkeit“ näher tritt. Es lässt sich verringern, beschleunigen oder auf Null bringen. Abhängig ist das unter anderem davon, ob die Macht- und Bedrohungsasymmetrie zwischen Israel und seiner regionalen Nachbarschaft als ein Umstand anerkannt wird, den der Iran nicht unberücksichtigt lassen kann. Die Nicht-Atommacht Iran kann nicht zur Koexistenz mit der Atom-Macht Israel vergattert werden – nirgendwo auf der Welt würde das funktionieren, im Nahen Osten schon gar nicht. Erst wenn die USA und ihre Partner diese Realität endlich anerkennen, sind Verhandlungen denkbar und vor allem führbar, die Vorschusslorbeeren tatsächlich verdienen.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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