Lust auf Stahlbäder

Kommentar Das Petersilien-Inselchen und der Zeitgeist

Eine Posse kann dem Genie Carlo Goldonis, sie kann aber auch der Fortsetzung von Diplomatie mit den Mitteln des absurden Theaters zu danken sein. Vielleicht verdient die hitzige Rempelei zwischen Spanien und Marokko um die unbewohnte Islote de Perejil (Petersilien-Inselchen) eine solchen Eindruck des Beobachters, vielleicht auch nicht. Acht Soldaten mit einem Flottenaufmarsch zu attackieren, als wollte man eine Landeoperation ins Werk setzen, die ganz Marokko in die Knie zwingt, zu diesem martialischen Betragen dürfte sich Madrid kaum durchgerungen haben, um eine Vorliebe für groteske Eskapaden anzudeuten. Eine Kriegsgefahr, zumindest die Gefahr eines Schlagabtauschs - bis hin zu einer Größenordnung, die sich Großbritannien und Argentinien 1982 im Südpazifik beim Kampf um die Falklandinseln nicht schenken wollten - schien durchaus real.
Das Marokko des aufgeklärten Monarchen Mohammed VI. vertraute auf die postkolonialen Reflexe des aufgeklärten Europäers José Maria Aznar und sollte nicht enttäuscht werden. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass es wohl um Perejil ging, aber tatsächlich die West-Sahara gemeint war. Wenn das so war, dann lautete die Botschaft aus Rabat: Acht marokkanische Soldaten lassen sich von Perejil vertreiben, eine marokkanische Armee hält seit 1976 die West-Sahara - wie wollt ihr die vertreiben, wenn ihr schon wegen einer Bagatelle eine Armada aus Kriegsschiffen und U-Booten bemüht?
Es könnte ein Gebot der Rücksicht auf die Reputation Spaniens sein, die Angelegenheit nicht zu vertiefen. Aber festzuhalten bleibt: Nach dem Ende der spanischen Kolonialmacht über die West-Sahara vor 26 Jahren hat Marokkos damaliger König Hassan II. dieses Gebiet annektiert und fortan allen Vermittlungen der UN widerstanden. Das seit 1992 immer wieder sabotierte Referendum der West-Sahraouis über ihre politische Zukunft scheiterte stets an der Frage, wer darf abstimmen und wer nicht. Im Juni 2001 wagte daraufhin UN-Emissär James Baker den Befreiungsschlag, als er vorschlug, das Votum um weitere fünf Jahre, also auf 2006, zu verschieben. Sehr zum Wohlwollen Rabats, sehr zum Ärger Madrids, das Marokko Erpressung der UN und kolonialen Hochmut sondergleichen attestierte. Dieser Vorwurf lässt sich angesichts der Perejil-Affäre nun prächtig parieren. Es ist in Rabat vom "andauernden kolonialistischen Geist der Europäer" die Rede. Die alte und neue Kolonialmacht haben einander spiegelbildlich porträtiert - bis hin zur kriegerischen Attitüde, die eigener Hybris, nicht minder dem Zeitgeist, Tribut zollt. Man zieht gern blank in diesen Zeiten. Auch ein Inselchen ist dafür schon wichtig genug. Die Bereitschaft zu Gewalttätigkeit entscheidet darüber, in welcher politischen Klasse man spielt. Das Stahlbad als letztes Refugium für grassierenden Zivilisationsverdruss - Krieg um ein unbewohntes Eiland, um ein Niemandsland, wenn man so will.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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