Man trug wieder Demokratie

Es war einmal Afrikas vergessene "Perestroika"

Gab es anfangs noch eine Pattsituation, so wendet sich in Kenia das Blatt immer mehr zugunsten des Herausforderers Raila Odinga. Präsident Kibaki und die von seiner Herrschaft profitierende Kikuyu-Elite haben sich mit ihrem Verhalten nach den Wahlen vom 27. Dezember 2007 selbst die Legitimation entzogen. Ein politischer Neuanfang scheint unumgänglich.

Wieder ist die Welt aus dem afrikanischen Katastrophen-Fundus bedient worden. Kenia, tagelang einem Amoklauf der Gewalt verfallen, beschwört Erinnerungen herauf. Flashartig explodieren die Bilder - brennende Wohnviertel, in denen Menschen gejagt und umgebracht werden, lassen an Ruanda im Jahr 1994 denken, als bei einer von ethnischen Extremisten angestifteten Bartholomäus-Nacht 500.000 Menschen starben. Die Trecks der Vertriebenen haben ihre Vorlage sowieso überall, von Somalia über Kongos Osten bis Darfur. Das klassische Negativ-Saldo Afrikas bleibt eine erschreckend zuverlässige Größe.

Dabei schien sich vor zwei Jahrzehnten vieles zu wenden. Ein ganzes Zeitalter sollte in die Geschichtsbücher gekehrt und nur noch als Episode erinnert werden. Wie bei solch verwegenen Ansinnen üblich, tat die Wortwahl das Ihre. Von einer "afrikanischen Perestroika" oder einer "Renaissance Afrikas" war die Rede, als Anfang der neunziger Jahre der Schwarze Kontinent aus dem Schatten des Ost-West-Konflikts trat und sich selbst überlassen schien wie nie zuvor.

Despoten wie Idi Amin in Uganda oder Siad Barre in Somalia hatten abgewirtschaftet oder sahen wie General Mobutu in Kongo-Zaire unsicheren Zeiten entgegen, die ihren baldigen Sturz verhießen. Auch die smartere Spielart des afrikanischen Führers hatte sich überlebt. Kenias Gründungspräsident Yomo Kenyatta, der den Ehrentitel Mzwee, - "der weise alte Mann" - getragen hatte, war bereits 1978 verstorben. Julius Nyerere, der zum Mwalimu, zum "Lehrer der Nation" verklärte Präsident Tansanias, sprach vom "Ende einer Epoche", die einst mit der Souveränität fast aller Staaten Afrikas in den frühen sechziger Jahren begonnen hatte. Die Präsidenten des ersten Jahrzehnts nach der Unabhängigkeit verstanden es nicht selten, sich wie sakrosankte, mehr oder weniger aufgeklärte Patriarchen zu inszenieren. Sie optierten in einer bipolaren Weltordnung für Ost oder West und regierten ihre Ländern kaum anders als die Kolonialgouverneure vor ihnen. Sie haben Clans und Cliquen protegiert und den Staat als Rückversicherung dafür betrachtet, dass sich am Status quo möglichst wenig änderte. Demokratie sei eine Sache des Nordens, hieß es, auf die Traditionen Afrikas nicht übertragbar. Das bemäntelte die Versuchung der einheimischen Eliten, die überkommenen kolonialen Staatsbürokratien zu konservieren.

Bürgerkriege, ethnischer Dissens, Hungerkatastrophen und Epidemien waren nicht selten die Folge politischer Stagnation und sorgten für die Schreckensszenarien eines Kontinents, der auf dem besten Wege war, im toten Winkel der Weltpolitik zu verschwinden. 1989 erwirtschaftete Afrika mit einer Bevölkerung von 620 Millionen Menschen nur ein Prozent des Weltsozialprodukts. Es war höchste Zeit, als Mitte 1989 - also vor dem Abschied von der bipolaren Weltordnung - die UN-Wirtschaftskommission für Afrika (ECA) zusammen mit der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) den Masterplan einer "afrikanischen Wende" vorlegte, der eine innere Demokratisierung an eine regenerierte Ökonomie band. Der Kontinent wollte endlich den Status des willigen Rohstoffexporteurs loswerden, einen eigenen Binnen- und Regionalmarkt entwickeln - die Subsistenzwirtschaft weniger als Schande denn als Katalysator der nationalen Ökonomie begreifen. Kein selbstvergessener Aufbauwille, sondern purer existenzieller Zwang wurde zum imperativen Leitmotiv dieses Umbruchs.

Neue Führer erschienen auf der Bildfläche und bekannten sich zu Mehrparteien-Systemen - Jerry Rawlings in Ghana, Yoweri Museveni in Uganda, Paul Kagame in Ruanda oder Meles Zenawi in Äthiopien. Über allen schwebte Nelson Mandela wie eine Ikone schwarzer Selbstbefreiung, hatte er doch im Land der Apartheid den geglücktesten und versöhnlichsten Wandels der postkolonialen Ära zustande gebracht. Falls je Anlass bestand, von einer "afrikanischen Perestroika" zu sprechen, dann 1994 mit Blick auf Südafrika, als der ANC die Regierung übernahm.

Im März 1998 und August 2000 war US-Präsident Clinton zweimal zwischen Accra, Kigali, Kampala und Kapstadt unterwegs, um die Hoffnungsträger des Wandels zu treffen. Sein Plädoyer für eine Partnerschaft mit Afrika erinnerte an die Missionare des Peace Corps, die 40 Jahre zuvor John F. Kennedy fast an die gleichen Orte entsandt hatte, um die Führer der ersten Generation auf den westlichen Wertekanon einzuschwören und vor Experimenten à la Kuba zu warnen.

Um Partner der Amerikaner zu sein, durften sich die "neuen Führer" freilich wirtschaftlichem Liberalismus und Freihandel ebenso wenig verweigern wie dem Kampf gegen den islamischen Fundamentalismus, etwa im Sudan. Dessen Hauptstadt Khartum ließ Clinton Ende August 1998 handstreichartig bombardieren, weil nach den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam zwei Wochen zuvor einer der "üblichen Verdächtigen" bestraft werden sollte.

Schon damals warf der 11. September 2001 seine Schatten voraus und mit ihm eine neue Weltordnung, in der sich die Afrikaner zwar nicht mehr zwischen Ost und West - nun aber zwischen Terror und Gegenterror, Wut und Vergeltung zu entscheiden hatten. Der Wind of change flaute ab, die demokratische Läuterung der frühen neunziger Jahre wurde nun ihrerseits als Episode erinnert, die Bruderschaft der "neuen Führer" fand sich um die Erkenntnis bereichert: Es hatte lediglich eine Demokratisierung der eigenen (weltpolitischen) Machtlosigkeit gegeben. Im Zeitalter der "neuen Kriege" blieb ein ganzer Kontinent dem gleichen pragmatischen Zugriff unterworfen wie vor 1989/90. Wenn es je eine "Perestroika" für Afrika gab, dann keine des Nord-Süd-Verhältnisses.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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