Mit 13 Knoten

2009 jährt sich der Beginn des zweiten Weltkrieges zum 70. Mal. Es wäre an der Zeit, die Rolle Russlands, Frankreichs und Großbritanniens neu zu beleuchten

Vielleicht sollte man darauf gefasst sein, dass die Deutung von Geschichte weitere eindrucksvolle Erkenntnisse präsentiert, wenn sich der 1. September 1939 zum 80. Mal jährt. Vielleicht sind dann Thesen fällig wie: Sicher, der Enthauptungsschlag gegen Polen ging von der Wehrmacht aus. Aber hat nicht Stalin den Deutschen die Hand geführt? War Hitler nicht nur die Kreatur des auf Polen gerichteten Vernichtungswillens der Sowjets? ­Haben die nicht große Schuld auf sich geladen? Größere als das NS-Regime?

Zum 70. Jahrestag wurde die Schuld vorerst noch paritätisch verteilt. So hieß es in einer Erklärung von 140 deutschen Historikern, Publizisten und Politikern: „Der Überfall auf Polen durch Deutschland und die Sowjetunion im September 1939 war der Auftakt zu einem beispiellosen Eroberungs- und Vernichtungskrieg.“ Im Klartext, die Entfesselung des Krieges – ein kollektives Verbrechen verbrecherischer Diktaturen.

Muss man wirklich daran erinnern, dass nach dem 1. September 1939 die Sowjetunion weder am Einmarsch in Dänemark und Norwegen (April 1940) noch an der Aggression gegen die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Frankreich (Mai 1940) noch am Überfall auf Jugoslawien (April 1941) beteiligt war? Aber mit dem 22. Juni 1941 selbst Opfer eines „beispiellosen Eroberungs- und Vernichtungskrieg(es)“ wurde wie kein anderer Staat zwischen 1939 und 1945? In besagter ­Erklärung wie in vielen Dokumentationen zum 1. September 1939 firmiert der Nichtangriffspakt zwischen Moskau und Berlin als der Auslöser des Zweiten Weltkrieges. Historische Tatsachen werden wie Billard-Kugeln hin und her gestoßen, bis alles ins ideologische Raster passt.

Eher beiläufig wird davon ­Notiz genommen, dass sich Frankreich und Großbritannien im August 1939 die Frage ­Mourir pour Dantzig? so lange auf der Zunge zergehen ließen, dass von den Pflichten, die ihnen aus Beistandsverträgen mit Polen erwuchsen, nicht viel übrig blieb. Doch hätte ein Zwei-Fronten-Krieg die deutsche Kriegsmaschine ins Stottern gebracht. Wer Geschichte nicht nur als Wühlkorb für antikommunistische Klischees zu schätzen weiß, dem sollte auch erinnerlich sein, wen die westlichen Demokratien bis September 1939 Hitler kaltblütig geopfert hatten: eine Demokratie namens Tschechoslowakei, einen Staat wie Österreich, Litauens Memelgebiet. Mit dem Segen Frankreichs und Großbritanniens für das Münchner Abkommen 1938 wurde die Tschechoslowakei schlichtweg verraten. Daladier und Chamberlain gaben dem Diktator, was er wollte und richteten seinen Expan­sionsdrang nach Osten. War das kein Auslöser des 1. September 1939? Kein Vorspiel zum Hitler-Stalin-Pakt? Als deutsche Truppen am 15. März 1939 in Prag einmarschierten, rührten sich die Westmächte zwar, doch Bündnisgespräche mit der UdSSR kamen nur schleppend in Gang. Eine Anti-Hitler-Koalition war nicht wirklich gewollt, eine englisch-französische Militärdelegation zog es vor, am 5. August 1939 mit dem Schiff zu Verhandlungen nach Moskau aufzubrechen. Mit 13 Knoten schlichen sie durch die letzten Tage im Frieden.


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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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