Lutz Herden
Ausgabe 1714 | 30.04.2014 | 06:00 5

Moralist mit Mission

1914 350.000 Franzosen wurden nach dem Ersten Weltkrieg vermisst. In seinem Film „Das Leben und nichts anderes“ erzählt Bertrand Tavernier, was es hieß, nach ihnen zu suchen

Eine Granate wird aus der Erde gerissen, die Pflugschar hängt daran fest, das Pferd zerrt am Geschirr. Jede falsche Bewegung kann jetzt entsetzliche Folgen haben. Soll der Bauer alles stehen und liegen lassen und sich retten? Dann würde er das Zugtier mit ziemlicher Sicherheit verlieren. Also ruft er seinem Neffen am Feldrand zu: „Lauf schnell zu den Minensuchern, sie sollen sofort kommen. Los lauf, so schnell du kannst!“

Die Minensucher sind im nahen Dorf stationiert, aber nicht greifbar. Es gibt im Herbst des Jahres 1920 so viele Orte im Norden Frankreichs, an denen Blindgänger entschärft werden müssen. Der Junge will die Soldaten suchen, die Leute rufen ihm zu, wo er sie vielleicht finden kann. Man sieht eine schlammige Dorfstraße, gesäumt von Ruinen links und rechts – da kracht es. Der Krieg ist seit zwei Jahren vorbei und tötet noch immer.

Zu den ersten Episoden des Spielfilms Das Leben und nichts anderes, inszeniert von Bertrand Tavernier im Jahr 1989, gehört dieses Unglück. Der Tod auf dem Feld, das ein Schlachtfeld war. Wie sollte es auch anders sein in einer Landschaft so kurz nach dem Krieg? Obwohl die Handlung unweit der Kanalküste spielt, hat der Regisseur fast alle Szenen in der Gegend von Verdun und in der Stadt selbst gedreht. Wir dürfen nie dem dort 1916 verübten Massenmord an 700.000 Menschen entkommen, soll das wohl heißen. Der Film widersetzt sich der Legende, am 11. November 1918, als die Waffen endlich schwiegen, sei alles überstanden und so gut wie vorbei gewesen. Man habe bald wieder Pernod getrunken und Charleston getanzt. Und nicht mehr an die Toten dieses unsühnbaren Wahnsinns gedacht, weil die im Pantheon der Helden gut verwahrt schienen?

Mitten durch die dumpfe Trostlosigkeit der Überlebenden lässt Tavernier seinen Kommandanten Dellaplane (gespielt von Philippe Noiret) stapfen. Er soll vermisste Soldaten suchen und identifizieren – zwei Jahre nach dem letzten Schuss ist das Schicksal von mehr als 350.000 Franzosen noch immer ungewiss. Die Familien wollen Klarheit, Kriegsministerium und Generalität die Akten schließen. Aber was ist eigentlich ein Vermisster nach dem Inferno mit all den Materialschlachten?

Ein Gefallener mehr

Der kann tot oder lebendig oder halbtot oder halb lebendig sein. Er kann sein Gedächtnis eingebüßt haben und sich nicht mehr erinnern, wer er ist. Er kann die Sprache verloren haben nach einem Gasangriff. Er kann verrückt geworden sein, als er verschüttet im Granatrichter lag. Dellaplane will keinen Einzigen zu früh aufgeben. Es gelingt ihm, von Zeit zu Zeit einen Namen einer Person oder einer Person einen Namen zuzuordnen. Dann gibt es einen Vermissten weniger und – in der Regel – einen Gefallenen mehr. Und genau hier werden die akribischen Recherchen zum Störfall. Denn Dellaplane präsentiert eine Rechnung, die seinen Vorgesetzten höchst suspekt ist. Es stellt sich heraus, in der offiziellen Opferbilanz der Armee fehlen 200.000 Gefallene. Offenbar wurden sie vertuscht, damit der Sieg über Deutschland nicht an Glanz verliert und vor neuen Kriegen abschreckt.

Tavernier zeichnet mit der Figur des Dellaplane keinen Pazifisten, doch was dieser Offizier dank seiner leidenschaftlichen Moral auslöst, wirkt so antimilitaristisch, dass es pazifistischer kaum sein kann. Als Teil des Militärapparates – oder des Systems – erfüllt er seinen Auftrag mit einem solchen Respekt vor den Toten, dass er für das System zum Problem wird. Tavernier wollte nicht nur einen düsteren Film drehen, der erzählt, wie schwer es 1920 sein konnte, den verlorenen Faden des Lebens wieder aufzunehmen. Er wollte dem französischen Volk auch etwas von seiner Geschichte im Krieg zurückgeben, damit das „Nie wieder“ nie wieder die Münder verschließt, falls der nächste Kriegsgott die Sterblichen verführt. So steht dieser Film in einer Reihe mit Werken wie Wege zum Ruhm von Stanley Kubrick (1957) oder der cineastischen Adaption des Arnold-Zweig-Romans Erziehung vor Verdun durch Egon Günther (1973). Kunst ist Bannung, wie sonst sollte man nach einem Weltkrieg zivilisiert weiterleben?

Bei alldem wird Dellaplane keine Dornenkrone verbitterter Einsamkeit verpasst. Im Gegenteil, er darf erfahren, wie in ihm die Sehnsucht nach Glück zaghaft zu leben beginnt. In elegantem Pelz und mit eigenem Chauffeur reist Madame Irène durch die einstige Kampfzone, um ihren verschollenen Mann zu finden. Der Schwiegervater ist Senator in Paris und einflussreicher Industrieller, woraufhin ihr Dellaplane erst recht eine privilegierte Behandlung verweigert. Irène ist erbost und angetan zugleich. Und zögernd beginnt eine neue Liebe.

Flaschenpost im Tunnel

Sie ist nicht mehr aufzuhalten, als der Eisenbahntunnel bei Vitry ins Blickfeld gerät. Die Deutschen haben ihn auf ihrem Rückmarsch im Herbst 1918 vermint. Wenig später sollte das einem französischen Lazarettzug zum Verhängnis werden, der auch Waggons mit Munition und Gasgranaten durch die Gegend zog. Alle Bemühungen, die Reste freizulegen, sind bisher gescheitert. Nun versuchen es Dellaplanes Leute erneut. Es kostet noch einmal Opfer. Was sie finden, als die Zugtüren aufgebrochen werden, an denen noch die Schreie der Sterbenden kleben, sind Trümmer und Asche, mumifizierte Leichen, Brustbeutel mit Fotos von Frauen und Kindern oder ganzen Familien, goldene Ringe und Gebetsbücher. Als treibe durch den Tunnel die Flaschenpost aus einer anderen Welt.

Irène begegnet Dellaplane, der am Kopf blutend aus dem Schlund des Infernos taumelt. „Man könne denken, es sei noch Krieg“, sagt sie spontan. Der Kommandant widerspricht. „Sie haben ihn nur aus der Ferne erlebt. Der Krieg ist schlimmer, viel schlimmer. Hunderte Hektar schwarz von Leichen, kein Baum mehr. In einem Wasserloch sieht man einen Fuß oder einen Kopf voller Fliegen.“ Dellaplane will nicht aufhören, es herauszuschreien. Er wehrt sich gegen die pathetischen Phrasen der Nachkriegszeit. Ihn erschüttert, wie das Grauen verklärt oder gar bestritten wird. Für einen Mann wie Dellaplane das Niederträchtigste, was es geben kann. „Der Krieg mit seinen Verheerungen hat nur den Anschein der Zerstörung. Das habe ich gelesen, unterschrieben von einem General.“ Haben auch die Exhumierten, denen Dellaplane – wenn schon kein Gesicht – so wenigstens ihren Namen wiedergeben will, nur den Anschein von Sterblichkeit? In einem Interview, das 1993 geführt wurde, ließ Tavernier keinen Zweifel, das von Dellaplane gebrauchte Zitat sei keine Erfindung, sondern authentisch. Er selbst habe es bei Recherchen zu seinem Film entdeckt.

Die Hirnverheerer in Uniform und ihre medialen Beipflichter – leider bis heute keine ausgestorbene Spezies – können nicht anders, als sich selbst treu zu bleiben. Erst recht unter der Last von Millionen Toten. Tavernier geißelt ihre Sucht nach dem Heroenkult, indem er gegen Ende seines Films die Suche nach dem „Unbekannten Soldaten“ beschreibt, der 1920 „zur Ehre Frankreichs“ unter den Pariser Arc de Triomphe gelegt werden soll. Dellaplane erhält Order, ihn auszusuchen, und empfindet dies als Negation seiner Mission, die doch helfen soll, jeden „Unbekannten“ zu erkennen. Als in der Zitadelle von Verdun mit einem makabren Zeremoniell bestimmt wird, wer der „Unbekannte“ sein soll, raunt Dellaplane seinem General zu: „Anderthalb Millionen hat man in den Tod geschickt, aber man denkt jetzt nur noch an diesen einen – diese Ausflucht ist ein Skandal.“

In seinem Aufsatz Vor Verdun hatte Kurt Tucholsky 1924 gefragt: „Ist es vorbei –? Sühne, Buße, Absolution? … Habt ihr einmal, ein einziges Mal nur, wenigstens nachher die volle, nackte, verlaust blutige Wahrheit gezeigt?“

Tavernier antwortet ein halbes Jahrhundert und einen Weltkrieg später: Nein, es ist nicht vorbei. Deshalb wollte ich zeigen, was diese Wahrheit in den Seelen meiner Helden angerichtet hat. Wir dürfen uns nicht ausreden lassen, was allein gilt: „Das Leben und nichts anderes.“ Die Zeile stammt aus einem Gedicht von Paul Éluard, der im Ersten Weltkrieg eine Gasvergiftung überlebte.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 17/14.

Kommentare (5)

pingback 01.05.2014 | 22:17

Tod auf dem Acker. Das passierte auch vielen Bauern im 2. Weltkrieg. Auch gegen Ende des 2. WK, als die Allierten die absolute Lufthoheit hatten und die Jagdflieger praktisch nach Arbeit suchten, stürzten sie sich auf alles was sich bewegte. Pferdefuhrwerke, Ochsenkarren, Feldarbeiter, Schulkinder, Trauergesellschaften auf dem Friedhof...

Die Spirale der Gewalt macht vor nichts halt und die Welt lässt sich nicht in die Guten und die Bösen teilen.

pingback 01.05.2014 | 22:30

auf dem Friedhof im Nachbarort waren von diesem Ereignis noch Jahrzehnte die Einschusslöcher in der Friedhofsmauer und auf Grabsteinen zu sehen. Und jetzt haben unsere "Freunde" zum wiederholten male gezündelt. Wohl kein Ende in Sicht.

Der Grund:

Das große Geld hinter dem Krieg: der militärisch-industrielle Komplex von Jonathan Turkey, Professor für öffentliches Recht an der Universität Washington, veröffentlicht am 11.1.2014. Vervielfältigung und Weitergabe erwünscht.