Moschee und Kathedrale

TATARSTAN Scheich Adin verkörpert eine neue moslemische Elite in der Russischen Föderation

Für Kasan - die Kapitale Tatarstans - symbolisiert die alte Burganlage seit fünf Jahrhunderten die Zugehörigkeit zu Russland und beherbergt demzufolge neben dem Präsidentenpalast auch eine russisch-orthodoxe Kathedrale. Seit zehn Jahren allerdings wird das Ensemble durch eine wuchtige Moschee mit vier grazilen Minaretten ergänzt, ein Zeichen für die islamische Grundierung der Titularnation, die einst von einem der mongolisch-turksprachigen Völker gebildet wurde und erst Mitte des 16. Jahrhunderts durch die Eroberungen Iwans des Schrecklichen dem Russischen Reich zufiel. Dabei blieb es bis zum Jahr 1994, als die politische Führung in Kasan unter Mintimer Schaimijew einen Grundvertrag mit der Zentralmacht über eine Autonomie aushandelte, die - gemessen an anderen Regionen und Republiken - beträchtliche Rechte einräumt. Unter anderem die alleinige Verfügung über die Einnahmen aus dem Erdöl- und Erdgasexport beziehungsweise die Autarkie bei weiteren Außenhandelsgeschäften. Insofern kommt die ohnehin nicht homogene islamische Bewegung Tatarstans kaum als alleiniger Gralshüter der erstrebten Selbstbestimmung in Betracht - es fällt zudem der Umstand ins Gewicht, dass von den 3,7 Millionen Einwohnern des Landes nur 49 Prozent Tataren sind - ihnen steht ein russischer Bevölkerungsanteil von 43 Prozent gegenüber.

Fanis Scheich Adin bürgt dabei nicht für das "islamische Projekt" Tatarstans in seiner Gesamtheit, sondern eher für eine neue fundamentalistische Elite. Sie sieht sich im Widerstand gegen Pfründe und Privilegien einer mutmaßlich konformistischen Geistlichkeit, die auch wegen ihrer Demut gegenüber der weltlichen Führung wie einer zu großen Konzessionsbereitschaft gegenüber Moskau kritisiert wird. Diese Elite ist unverkennbar internationalisiert, hat überwiegend an islamischen Universitäten im Nahen Osten studiert und zeigt sich vielfach von radikalen Ideologien beeindruckt, insonderheit vom saudischen Wahhabismus. Daraus mag die Hinwendung zum tschetschenischen Widerstand resultieren, lassen sich auch gewisse Sympathien für die afghanischen Taleban wie zur pro-islamischen Oppositionsallianz (OTO) in Tadschikistan erklären. Andererseits lebt in vielen jungen Religionsgelehrten die Überzeugung, mit einer islamischen Ordnung in Tatarstan werde die Gerechtigkeit triumphieren und die entbehrte soziale Sicherheit garantiert. Dass sozialutopische Vorstellungen gerade in der Stadt Naberschneje Tschelni viele Anhänger finden, hängt nicht zuletzt mit dem Siechtum des einstigen Industrieriesen Kamas zusammen - ein Fahrzeugkonzern, der zu Sowjetzeiten 145.000 Menschen beschäftigte.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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