Mubarak verliert seine Paten

Ägypten Urplötzlich fällt Ägyptens langjährigen treuen Verbündeten USA, Deutschland und Frankreich auf, welchem Ausbund an Despotie man innig verbunden war

Das Regime in Ägypten sollte sein Ende annehmen und nicht auf Rettung sinnen, indem es das Land in den Bürgerkrieg treibt und Menschenleben auslöscht, als würde daraus neue Legitimation verbrauchter Macht erwachsen. Wir werden Zeugen eines Aufstands der Verlierer, dem nicht verwehrt werden kann, über die arabischen Aufstandszonen hinaus Schule zu machen. Die Botschaft lautet: das so lange Unerschütterliche, so ungerührt Demütigende, so kompromisslos auf sich selbst Bedachte ist angreifbar. Menschen sind nicht dazu verurteilt, mit dem Gleichmut der Resignation und Unterwerfung, ein ihnen zugedachtes soziales Schicksal zu ertragen, geschweige denn anzubeten.

Es mutet in einem solchen Augenblick schon einigermaßen grotesk an, wenn sich Präsident Obama und Außenministerin Clinton – und nun auch die Regierungen Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands – dazu aufraffen, vom morbiden Regime Mubarak zu fordern, es möge dem eigenen Volk Respekt zollen, ihm Demonstrationsfreiheit und demokratische Rechte einräumen. Warum fällt all denen erst jetzt auf, dass es daran fehlt? In mehr als 30 Jahren Mubarak gab es Zeit und Anlass genug, diesem Ansinnen Nachdruck zu verleihen. Man wusste doch um die Autokratie am Nil, die sich als Patriarchat privilegierter Eliten dank Armee und Geheimdienst über Wasser hielt. Es dürfte keinem amerikanischen Präsidenten von Reagan über Clinton und Bush bis Obama entgangen sein, dass sich der zuverlässige Verbündete brutaler Praktiken bis hin zu Folter und Totschlag nicht schämte, um ein Volk durch die Macht der Abschreckung in Schach zu halten. Immer in der Gewissheit, nur Tote kommen nicht wieder.

Aber Moral war für den Westen bei der Partnerwahl schon immer eine taktische Größe. Wer wie die USA dem System Mubarak jährlich mit zwei Milliarden Dollar das Überleben sichert, besitzt schlichtweg keine und sollte sich jetzt nicht darauf berufen. Das Weiße Haus hat die Hilflosigkeit und den Wankelmut vollauf verdient, zu denen es der Zorn und die Anarchie der ägyptischen Straße verurteilen. Das Lauffeuer der Empörung hat mit Jordanien und dem Jemen weitere Trittbrettfahrer der amerikanischen Nahostpolitik erreicht. Dort entladen sich Wut und Verzweiflung kaum weniger brachial als in Ägypten. Und bisher sind keine islamischen Fundamentalisten erkennbar, die sich zu Führern aufschwingen oder als solche zu erkennen geben. Das muss nicht so bleiben. Wird es wohl auch nicht.

Um so mehr hätten die Aufrührer von Kairo bis Suez eine Führung verdient, die sie davor bewahrt ungerecht, vandalistisch – kurzum selbstzerstörerisch – zu sein. Wie hat es doch Georg Büchner einst dem Revolutionär Maximilien de Robespierre in den Mund gelegt? "Aber, Volk, deine Streiche dürfen deinen eignen Leib nicht verwunden; du mordest dich selbst in deinem Grimm. Du kannst nur durch deine eigene Kraft fallen, das wissen deine Feinde." (aus: Dantons Tod).

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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