Muster Bataclan

Großbritannien Nach dem Anschlag in London wird wieder einmal suggeriert, dass westliche Lebensweise durch Terror nicht zu erschüttern sei. Ein paradoxer Trugschluss
Muster Bataclan
Trauer und bewaffnete Polizisten im Londoner Ausgehviertel Borough Market
Bild: Christopher Furlong/Getty Images

Das übliche Grauen von Kabul, Bagdad oder Mossul hat für eine Nacht die britische Hauptstadt erreicht. Wenn sich der Islamische Staat (IS) zum Anschlag auf der London Brigde und im Viertel Borough Market bekennt, muss das als Ausweitung seiner Kampfzone begriffen werden. Der asymmetrische Schlagabtausch, wie er in Afghanistan, im Irak oder Syrien stattfindet, ist seit jeher auf Entgrenzung aus, was den Einsatz militärischer Mittel wie die Unerbittlichkeit der Kriegführung betrifft. Dass solcher Extremismus zur territorialen Entgrenzung führt, ist in dieser Konfrontation seit jeher angelegt. Augenblicklich verdichtet sich allerdings der Eindruck, dass Terror und Terror-Abwehr einander derart die Waage halten, dass sie notwendiger Beherrschbarkeit entgleiten. Bei Anschlägen in europäischen Metropolen verkürzen sich die Abstände von Tat zu Tat, nicht allein bei den ausgeführten, erst recht den verhinderten, wie das Regierungen und Geheimdienste andeuten.

Wer als westliche Macht in den Anti-Terror-Krieg zieht, muss längst damit rechnen, ihn auch dort führen zu müssen, wo er unter keinen Umständen geführt werden sollte – im eigenen Land und ohne dass die eigenen Leute dagegen ausreichend geschützt wären. Will heißen: Die Parallelität so vieler Konflikte weltweit wird ergänzt durch eine sich vorarbeitende Omnipräsenz ihrer Austragung. Wo das enden kann, sei besser nicht beschrieben.

Tödliche Falle

Wie wird darauf reagiert? Es gibt die eingeübte professionelle Bestürzung, wie man eben Nachrichten von den Fronten eines sich hinziehenden Krieges quittiert. Zugleich wird die Unerschütterlichkeit einer westlichen Lebensweise beschworen, die – noch so schwer getroffen – unangreifbar sei. Das klingt inzwischen nicht nur ritualisiert, sondern nach einer Durchhalteparole. Wer sich darauf einlässt und daran glaubt, schwebt womöglich in tödlicher Gefahr. Es ist ein untrügliches Zeichen für sich ausweitende Kampfzonen, dass der öffentliche Raum westlicher Großstädte zur Falle werden kann, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Man erinnere sich an das Konzerthaus „Bataclan'“, die Restaurants „Le Carillon“, „Le Petit Cambodge“ und „La Belle Equipe“ am 13. November 2015 in Paris, an Brüssler U-Bahnhöfe am 22. März 2016, an die Uferpromenade von Nizza am 14. Juli 2016, an einen Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016 – und dann in Großbritannien am 22. März 2017 die Amokfahrt des Khalid Masood auf der Westminister Brigde, bald darauf das Massaker beim Konzert in Manchester, nun die London Bridge und das Viertel Borough Market am Abend des 3. Juni. Derzeit kann schon die Annahme oder Simulation eines Anschlags reichen, um eine verheerende Massenpanik auszulösen, wie das die mehr als tausend Verletzen in Turin beim Public Viewing zum Champions League-Finale auf erschreckende Weise zeigen.

Weiter wie bisher?

Der westliche Lebensstil ist sehr wohl angreifbar. Und verwundbar in seinem oft gedankenlosen Hedonismus und seiner provokanten Unbekümmertheit erst recht. Dieses Eingeständnis ist überfällig und um einiges gebotener als die stereotype Versicherung, dass die staatlichen Überwachungs-, Sicherheits- und Strafsysteme noch einmal und noch einmal hoch gerüstet werden. Wozu? Sie werden stets den ultimativen Schutz schuldig bleiben, den niemand und nichts zu geben vermag. Wird trotzdem propagiert, wir lassen uns nicht beeindrucken, wirkt das wie eine zynische Zumutung. Als würde den Bewohnern von Bombardements heimgesuchter Städte geraten, sie sollten sich im Fall eines Angriffs auf der Straße zeigen, um den Gegner zu demoralisieren. Hauptsache, es werde dieser Effekt erreicht, wie hoch die Opferzahlen auch immer sein mögen.

Es wird höchste Zeit, die Frage nach einem adäquaten Verhalten in Zeiten der terroristischen Bedrohung zu stellen. Im „Muster Bataclan“, dem 13. November 2015, liegt der Schlüssel, um zu verstehen, was im Viertel Borough Market geschehen ist. Wieder schlugen die Attentäter an einem Wochenende zu, wieder an einem sinnfälligen Ort, denn wieder traf es überwiegend junge Menschen in einem Vergnügungsviertel, die sich amüsieren wollten und so zum Feindbild derer taugten, die ihnen genau das bestreiten und als Hochmut von Konsumentennaturen auslegen.

Eines steht spätestens seit 9/11 fest und wird seither stets von Neuem bestätigt: Der Anti-Terror-Krieg hat sich einen, zu ihm passenden Mob geschaffen, und der kommt nicht aus Kabul, Bagdad oder Mossul, sondern aus den an die Peripherie gedrängten Einwanderermilieus europäischer Metropolen. Er ist mit Hass geladen, auf Rache bedacht und offenkundig von Tötungswahn besessen. Es handelt sich um zu allem entschlossene Kombattanten, die sich selbst mit Inbrunst opfern und durch permanente Kampfansagen nicht in Schach zu halten, sondern herausgefordert sind. Und es liegt in der Natur dieser – nicht zuletzt als Kulturkrieg ausgetragenen – Konfrontation, dass es dschihadistischen Überzeugungstätern nicht schwerfällt, diese Herausforderung anzunehmen. Dass alles scheint ein bisschen viel, um allen Ernstes zu behaupten, wir machen weiter wie bisher.

14:56 05.06.2017
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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