Mut zum Verzicht

USA/Russland Wenn der INF-Vertrag am 2. August ausläuft, wird auch die Außenpolitik der Perestroika abgewickelt
Mut zum Verzicht
Mit der Moral und der Vernunft des Verzichts näherten sich Ost und West während des Kalten Krieges einander an

Foto: Jerome Delay/AFP/Getty Images

Die Menschheit hat die letzte Schlacht längst geschlagen, sie muss sich jeden Krieg verkneifen, besonders auf die USA und die Sowjetunion trifft das zu. Beide verfügen über Kernwaffen in einer Qualität und Menge, um sich selbst und damit die gesamte Zivilisation 30-mal zu vernichten. So weit die Gewissheiten Mitte der 1980er, als die DDR-Rockband Karat mit ihrem Titel der Blaue Planet fragte: „Tanzt unsere Welt mit sich selbst schon im Fieber? Liegt unser Glück nur im Spiel der Dämonen?“

Alle Trägersysteme der Supermächte, die sich mit Atomsprengköpfen ausstatten ließen, besaßen das Vermögen zu totaler Vernichtung – auf einen Waffentyp jedoch traf das besonders zu: Mittelstreckenraketen mit Reichweiten zwischen 500 und 5.500 Kilometern, bei denen es eine extrem kurze Vorwarnzeit zwischen der Auslösung eines Atomalarms und dem Abschussbefehl für amerikanische Marschflugkörper oder sowjetische SS-20-Raketen gab. Sie waren größtenteils in oder rings um Europa disloziert und konnten nur Europa treffen.

Es geschah im Wissen um dieses Gefahrenmoment, dass Michail Gorbatschow, noch kein Jahr KPdSU-Generalsekretär, am 15. Januar 1986 von einer unumgänglichen Entnuklearisierung der Erde sprach. Weshalb sich die USA und die UdSSR darauf einigen sollten, statt 10.000 bis 12.000 künftig nicht mehr als 1.000 Kernsprengköpfe in ihren Arsenalen vorzuhalten. Das Copyright für eine solche Zäsur gehörte dem damaligen Generalstabschef Sergej Achromejew und Vizeaußenminister Georgi Kornijenko, die für den Mut zu Verzicht und Vorleistung plädierten. So regte Gorbatschow nicht nur eine „Nulllösung“ bei Mittelstreckenraketen an, sondern versicherte zugleich, sein Land werde niemals als erstes Atomwaffen einsetzen.

Politische Dividende dieses „Neuen Denkens“ war der im Dezember 1987 zwischen der UdSSR und den USA geschlossene INF-Vertrag, durch den erstmals im Nuklearzeitalter real abgerüstet wurde. Aus den Depots beider Staaten verschwanden gut 2.700 Trägerwaffen und 4.000 Atomsprengköpfe. Bei allem, was Moskau und Washington bis dahin vereinbart hatten – seien es die SALT-Verträge ab 1969 und die START-Abkommen danach –, waren stets Kapazitäten limitiert, nie reduziert worden. Das heißt, wenn nun am 2. August 2019 nach dem erklärten Willen der USA und Russlands der INF-Deal ausläuft, wird auch abgewickelt, was von der Außenpolitik der Perestroika noch übrig und gerade von ihrer Philosophie her ein Segen für die Menschheit war.

Moral und Vernunft

Bevor der INF-Vertrag unterzeichnet wurde, reisten gut ein Jahr zuvor, im September 1986, Gorbatschow und US-Präsident Reagan zum Gipfel nach Reykjavík, der zwar ohne Ergebnis blieb, aber wegen einer erstaunlichen Pressekonferenz Gorbatschows Aufsehen erregte. Der sagte sinngemäß: Wir geben das Prinzip der Gleichheit bei Sicherheit und Abrüstung keineswegs auf, aber wir ordnen es nicht bloßer Arithmetik unter. Konkret bedeutete das, mit der Nulllösung bei Mittelstreckenraketen würde die Sowjetunion, die diese Waffe als Kontinentalmacht bis dahin für unverzichtbar hielt, mehr aufgeben als die USA. Aber sie sei dazu bereit. Bald darauf gab Gorbatschow auch sein Junktim auf: Vor einer Nulllösung müssten die Amerikaner ihre Strategische Verteidigungsinitiative SDI canceln, mit der atomare Potenziale durch Abwehrwaffen in den Weltraum verlagert werden sollten.

Es waren die Moral und Vernunft des Verzichts, mit denen sich vor gut drei Jahrzehnten mehr Vertrauen zwischen Ost und West gewinnen und der Kalte Krieg eindämmen ließ. Als Osteuropa 1989/90 im Wechselbad von Revolution und Konterrevolution steckte, lohnte es kaum, in seine Asche zu blasen und auf Glutreste zu hoffen, die auflodern konnten. Wird nun in den nächsten Wochen diese „Wende“ gefeiert und Gorbatschow salutiert, um sein Vermächtnis zu würdigen, reicht der Verweis auf das Schicksal des INF-Vertrags, um zu sagen, was wirklich daraus gemacht wurde.

Sergej Achromejew übrigens nahm sich am 24. August 1991 – den Zusammenbruch der Sowjetunion vor Augen – das Leben. Verzicht kann auch Selbstaufgabe sein, schien er sagen zu wollen.

06:00 02.08.2019
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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