Niemand hilft Herrn D.

Nachruf Auch als Drehbuchautor war der kürzlich verstorbene Günter Kunert ein unerschütterlicher Skeptiker
Niemand hilft Herrn D.
Der Schriftsteller ist im Alter von 90 Jahren in Norddeutschland gestorben

Foto: imago images/gezett

Wird der verstorbene Günter Kunert dieser Tage besonders als Lyriker und Romancier gewürdigt, so hat er Gleiches als Drehbuchautor verdient. Kunert schrieb Szenarien für eine Reihe von DEFA-Filmen, für den Streifen Das zweite Gleis (1962) etwa, in dem es um NS-Vergangenheit und die Schuld für vermeintlich unschuldiges Verstricktsein ging. In den Norden der DDR und die Zeit der Westfluchten führte sein Exposé für den viel Kinopublikum ziehenden Kriminalfilm Seilergasse 8 (1960). Auch der in der Regie von Egon Günther 1968 erfolgenden Verfilmung von Johannes R. Bechers Schlüsselroman Abschied nahm sich Günter Kunert an.

Woran man sich heute kaum mehr erinnert – und das sehr zu Unrecht –, ist ein gewagtes, ebenfalls in die frühen 1960er Jahre zurückführendes cineastisches Experiment. Kunert nähert sich mit dem Drehbuch für die nur 45 Minuten dauernde Spielfilmskizze Monolog für einen Taxifahrer dem Phänomen menschlicher Entfremdung und bietet der DEFA ungewohntes künstlerisches Terrain an, das ihr viel Reputation verschafft hätte, hätte sie es denn betreten dürfen.

Schauplatz der Handlung ist ein damals zwar von den meisten Kriegstrümmern geräumtes, dadurch aber leer, teils verloren wirkendes, vorübergehend um ein Gesicht gebrachtes Ostberlin. Eine Stadt, in der sich Brachen und gleißendes Licht, die schimmernde Nässe des Asphalts und die Hast der Passanten mit der trottenden Trägheit von Brauereipferden abwechseln. Die Kamera driftet zuweilen durch urbane Ödnis, deren unbehauste Tristesse ausgerechnet dann aufgebrochen wird, wenn Altberlin, wie es 1962 noch vorhanden ist, ins Blickfeld gerät: die Gertrauden-Brücke, der Krögel am Molkenmarkt, der „Fischerkietz“ mit seinen schiefen, grindigen Häusern zwischen Spree und Spreekanal im altköllnischen Revier.

Wen es an Heiligabend dorthin verschlägt, quasi in dienstlichem Auftrag, das ist ein Taxifahrer, in Kunerts Besetzungsliste nur als „Herr D.“ geführt. Am Nachmittag des 24. Dezember bringt er erst eine hochschwangere junge Frau in die Klinik, von der Herr D. kein Geld nimmt, der er allerdings die Bitte erfüllen will, den Bräutigam aufzutreiben und von der vorzeitigen Entbindung zu informieren.

In Schwarzweiß gedreht (Regie: Günter Stahnke), sind die Anleihen bei der Bildästhetik des italienischen Neorealismus unverkennbar. Mit den ins Halblicht der blauen Stunde führenden Szenen scheint auch die Handlung zu verschwimmen. Des Taxlers Vorhaben gerät zur teils kafkaesk anmutenden Irrfahrt, die von steter Bewegung zehrt, deren Sinn freilich unterzugehen droht, je länger es dauert, ein Ziel zu haben, dasselbe aber beständig zu verfehlen. Niemand hilft Herrn D., jenen Klaus Engler, den Bräutigam, zu finden. Wohin er auch fährt und geht und zu guter Letzt nur noch irrt – zu Kollegen in Englers Betrieb, einer Druckerei, zu den Nachbarn, ins Haus der Eltern –, überall erhebt sich eine Wand der Wut und des Schweigens. Warum diese Fragen? Was suchen Sie ausgerechnet den? Was fällt Ihnen ein?

Einsamer Wolf

Monolog für einen Taxifahrer, von der DEFA im Auftrag des Deutschen Fernsehfunks (DFF) produziert, ist von den Programmzeitschriften und Tageszeitungen für das Abendprogramm am 23. Dezember 1962 avisiert, es handelt sich schließlich um eine „Weihnachtsgeschichte“. Kurzerhand wird der Film aus dem Verkehr gezogen. Die Begründung der Intendanz: Die Fabel sei zu düster, zu pessimistisch, eigentlich nihilistisch. Überdies huldige der Protagonist zu sehr dem Kult des Einzelgängers, des einsamen Wolfs.

In der Tat verstört Herr D. als übellauniger, an sich selbst verzweifelnder Typ, der zu allem Überfluss sogar handgreiflich wird, als ihm die Ehefrau vorwirft, ein Versager zu sein. „Du hast es eben zu nichts gebracht und musst deshalb am Weihnachtsabend Taxi fahren.“ Kunert hat nichts weiter verbrochen, als das Abbild einer Übergangszeit und Übergangsgesellschaft zu entwerfen, von der man nicht weiß, aber bald wissen wird, dass es mit ihr noch lange so weitergeht, wie die folgenden Jahrzehnte zeigen. Auch wenn Beton inzwischen die Brachen ersetzt.

Sicher, bei Kunert treten Gestalten auf, die wie Karikaturen wirken, jedoch als Zeitgenossen auf Authentizität geeicht sind. Einem einsamen Taxifahrer werden sie zur Zumutung oder höheren Gewalt, als ihn Verkehrspolizei behelligt. „Wir sind ein Volk von verhinderten und nicht verhinderten Polizisten“, mosert Herr D., um sich dann so richtig echauffieren zu können: „Wir sind ein Volk von Normalverbrauchern, Durchschnittsmenschen, Durchschnittsnieten, Durchschnittsversagern.“ Der Monolog ist kein extrovertiertes Klagen, sondern inneres Hadern, das einem Charakter und einem missglückten Leben gerecht wird, wie es der Kulisse Tribut zollt, dem Talmi-Zauber draußen vor der Windschutzscheibe, wo Weihnachtsmänner aus Purpur und Pappmaché in Auslagen oder von Laternen winken.

Günter Kunert hat in seinem lyrischen Werk nie die Grundstimmung verleugnet, aus der einer wie er zum Schreiben fand, sodass auch der Taxi-Monolog als seismografischer Befund zu deuten war. Der Dichter blieb – nicht zuletzt aus biografischen Gründen (Angehörige fielen dem Holocaust zum Opfer) – ein unerschütterlicher Skeptiker, der nicht zuerst aufklären, sondern klären wollte, mit wem er es zu tun hatte. So wird dem Taxifahrer keine neue Menschengemeinschaft zum Refugium. In der frühen DDR konnte die kleinbürgerlich fragil und nicht jeder Situation gewachsen sein.

06:00 28.09.2019
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden
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