Pakt mit dem Teufel

Türkei Präsident Tayyip Erdoğan zeigt: Man kann auf beiden Seiten des neuen Anti-Terror-Kriegs stehen
Lutz Herden | Ausgabe 40/2014 5

Es kursiert ein Gerücht, doch kann es die Regierung des neuen Premiers Ahmet Davutoğlu weder offiziell widerlegen noch teilweise entkräften. Tausende im Nordirak arbeitende Landsleute wären gefährdet, wollte man bestreiten, es seien die guten Kontakte zum Islamischen Staat (IS) gewesen, die dazu führten, dass vor Tagen 46 türkische Geiseln aus dschihadistischem Gewahrsam entlassen wurden. So wuchern die Spekulation, was den Geretteten die Rückkehr ins Leben bescherte. Gab es ein Lösegeld? Wurde ein Gefangenenaustausch arrangiert, da gleichzeitig internierte Islamisten die Türkei verlassen durften?

Als die New York Times zuletzt mehrfach über Rekrutierungsbörsen des IS in türkischen Metropolen berichtet hat, wurde das in Ankara energisch dementiert. Man solle nur gefügig gemacht werden für ein Einschwenken ins US-geführte Anti-Terror-Regiment, hieß es inoffiziell. Dazu bestehe kein zwingender Grund, man vollbringe schließlich einen humanitären Kraftakt bei der Aufnahme nicht abreißender Flüchtlingsströme aus Syrien. Überdies wolle Präsident Erdoğan logistischen Beistand für die US-Militäroperationen gewähren. Ob damit den Amerikanern auch zugestanden ist, die Airbase Incirlik an der türkisch-syrischen Grenze zu nutzen, bleibt offen.

Als mit dem Frühjahr 2011 in Syrien aus den Anti-Assad-Demonstrationen ein bewaffneter Aufruhr und bald ein Bürgerkrieg wurde, schien Erdoğan wie besessen davon, mit dem Baath-Regime in Damaskus den letzten säkularen Staat im Nahen Osten beerdigen zu können. Regionalmächtigen Ambitionen konnte nichts mehr gelegen sein. Ein Post-Assad-Syrien – von sunnitischen Glaubensbrüdern beherrscht – würde fragil und willig sein, so das Kalkül. Sollte es eine Schutzmacht brauchen, wäre die Türkei erste Wahl. Baschar al-Assad stürzen, das verhieß, in diesem Teil der Arabischen Welt eine neo-osmanische Hegemonie zu etablieren. Und sich nicht mit leeren Händen zu exponieren. Die AKP bot ihr Gesellschaftsmodell zur Nachahmung an, dessen Credo lautet: Lasst Staat, Religion und einen konservativen Wertekanon zueinanderfinden – das Resultat wird nicht Restauration, sondern Prosperität sein, wie sie den Türken seit Jahren widerfährt.

Sträflich unterschätzt

Doch es kam anders, Erdoğan hatte sein Land zwar in einen Bürgerkrieg verstrickt, aber Durchhaltewillen und Rückhalt des syrischen Staatschefs, seiner Armee und Alliierten in Teheran wie Beirut sträflich unterschätzt. Man sah einen Hegemon ohne Fortune, dem jeder Alliierte recht war, mit dem sich das ändern ließ. Man hatte das zerstrittene Anti-Assad-Exil in Istanbul hofiert, dazu die ähnlich disponierte Freie Syrische Armee (FSA), und war an den USA verzweifelt, weil die das letzte Risiko gegen Assad scheuten. Warum nicht auf die radikalen Dschihadisten zugehen? Ihnen ein Transitrecht, Ausbildungscamps und Rückzugsräume gewähren?

Begreift man dies als Pakt mit dem Teufel, wird schnell klar, dass der nicht tatenlos bleiben dürfte, sollte sich Ankara für Barack Obamas Anti-Terror-Krieg einspannen lassen. Bis heute ist der Doppelanschlag in der türkischen Grenzstadt Reyhanli vom Mai 2013 nicht restlos aufgeklärt. Es gab 51 Tote, Vermutungen über einen islamistischen Hintergrund wurden nie restlos entkräftet.

Da muss einer wie Tayyip Erdoğan schon balancieren können, will er nicht ins Straucheln kommen. Immerhin liegt bei alldem die Frage in der Luft: Was ist ein von der türkischen Mehrheit dominierter Einheitsstaat noch wert, sollten die Kurden irgendwann dank des westlichen Waffenbruders über den IS triumphieren und die türkisch-kurdische Arbeiterpartei PKK daran Anteil haben? Erst vor Wochenfrist hat deren Führung die Anhänger aufgerufen, „den bedrängten Brüdern und Schwestern auf allen Schlachtfeldern“ beizustehen.

Das gehört zu den strategischen Paradoxien der neuen US-geführten Anti-Terror-Koalition: PKK-Kader im Nordirak kämpfen gegen IS-Einheiten, aber ihre Partei wird in Washington wie von der EU weiter als Terrororganisation stigmatisiert, während die AKP-Regierung in Ankara als nachweislicher Mäzen des islamistischen Terrors als Anti-Terror-Sozius umworben ist.

Und nicht nur das. Nach wie vor hat der Nordatlantikpakt eine Beistandspflicht gegenüber dem NATO-Mitglied Türkei, der seit 2012 durch die Stationierung von Patriot-Abwehrraketen im Grenzgebiet zu Syrien nachgekommen wird. Woran die USA, Deutschland (200 Soldaten) und die Niederlande beteiligt sind. Anlass war der mutmaßliche Abschuss eines türkischen Militärflugzeugs über internationalen Gewässern im Juni 2012 durch einen syrischen Abfangjäger. Später stellte sich heraus, dass am Wrack des F-4-Phantom-Jets keine Spuren eines Raketenbeschusses zu finden waren. Aber da hatte sich die NATO schon entschieden für ihre Vorpostenpräsenz in einer Konfliktregion, in der so vieles möglich ist. Wie die Türkei zu beweisen versteht.

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06:00 03.10.2014
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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