Pistole im Plaid

Fallstudie Ein Buch bescheinigt dem Kriegsgefangenen Fontane ein gefiltertes Erinnern
Pistole im Plaid
Die Zitadelle von Besançon in Ostfrankreich

Foto: Jeff Pachoud/AFP/Getty Images

Als ob er es geahnt hätte. Im Prolog zu den Wanderungen durch die Mark Brandenburg vermerkt Theodor Fontane über das Reisen: „Es wird einem selten das Schlimmste zugemutet, aber es kommt doch vor, und keine Lokalkenntnis, keine Reiseerfahrung reichen aus, dich im Voraus wissen zu lassen, wo es vorkommen wird ...“ Es soll nicht „vorkommen“, es wird ihn heimsuchen, als Fontane im Herbst 1870, unterwegs im Deutsch-Französischen Krieg, vom Beobachter zum Betroffenen und Bedrohten wird, damit umgehen lernt und darüber schreiben wird. Die Literaturwissenschaftlerin Gabriele Radecke und der Historiker Robert Rauh sind mit ihrem Buch über diese erregende Episode nicht im Fontane-Jahr 2019 aufgetreten, sondern haben die 150-jährige Wiederkehr der Schlachten von 1870/71 abgewartet, um ihren literaturhistorischen Exkurs Fontanes Kriegsgefangenschaft. Wie der Dichter in Frankreich dem Tod entging vorzulegen.

Um zu rekapitulieren, was seinerzeit geschah: Vom Aufmarsch des Norddeutschen Bundes gegen Napoleon III. im Ostseeurlaub überrascht, kehrt Fontane vorzeitig nach Berlin zurück, um den Auftrag des Verlegers Rudolf von Decker anzunehmen und ein weiteres „Kriegsbuch“ zu schreiben (nach denen über den Deutsch-Dänischen Krieg 1864 und den Deutsch-Österreichischen 1866). Am 27. September 1870 ins „alte romantische Land“ aufgebrochen, wird ihm ein Abstecher aus dem von preußischen Truppen besetzten Toul ins unbesetzte Domrémy, dem Geburtsort Jeanne d’Arcs, zum Verhängnis. „Um den Ursprüngen der nationalen Identität Frankreichs nahe zu sein“, notiert Fontane, habe er „jede Mühe und jeden Preis darangesetzt“, an diesem Ort zu sein.

Unter Spionageverdacht

Wie sich zeigt, fällt der Preis hoch aus – es geht um Leben und Tod. Als ihn bewaffnete Milizionäre (oder aufgebrachte Franzosen in einem Gasthaus nahe der Taufkirche Jeanne d’Arcs, wie die Autoren nach ihren Recherchen glauben) festnehmen, beginnt für Fontane eine Internierung mit womöglich tödlichem Ausgang. Er hat preußische Legitimationspapiere im Gepäck, eine Pistole im Plaid und eine Rot-Kreuz-Binde am Arm. Sie soll ihn als Korrespondenten schützen, könnte freilich ebenso den Agenten tarnen. Zum Glück bleibt das in Toul zurückgelassene Gepäck unbeachtet, werden weder Gefechtspläne noch Karten entdeckt, die Fontane zur Orientierung mit sich führte. Kaum auszudenken, was in der aufgeheizten Stimmung eines wegen der Niederlage von Sedan um Fassung ringenden Landes solches Material für den schwer unter Verdacht Geratenen bewirkt hätte.

Der Verhaftung in Domrémy folgt eine zermürbende Odyssee über die Zitadelle von Besançon bis zur Festung Oléron im Atlantik, sie führt durch Kasematten, Zellen und komfortableren Arrest, wird unterbrochen durch Verhöre auf Präfekturen und vor Militärrichtern. Die ärgste Gefahr ist gebannt, als Fontane am 24. Oktober 1870 in Besançon vom Vorwurf der Spionage entlastet wird, was nicht sofortige Freiheit bedeutet, aber den Status eines „Officier Supérieur“ beschert, der an den Orten seines Gewahrsams auf Vorzugsbehandlung rechnen darf, so der Richterspruch. Frankreichs postnapoleonische Regierung, namentlich Justizminister Crémieux, angetrieben durch eine drakonische Intervention Otto von Bismarcks, verfügt Ende November Fontanes „Entlassung auf Ehrenwort“. Zum Umweg über die Schweiz gezwungen, kehrt er am 5. Dezember 1870 nach Berlin zurück. Der literarische Ertrag der erfahrenen Prüfung kann ab 25. Dezember als Fortsetzungsserie in der Vossischen Zeitung besichtigt werden, bevor Kriegsgefangen, Erlebtes 1870 als Buch erscheint, um damit präsent zu sein, solange der Krieg andauert (zum Friedensvertrag kommt es erst im Mai 1871).

Die Autoren erzählen das nach, versehen sich vieler Zitate aus Fontanes Erinnerungen und spiegeln dessen künstlerisches Resümee mit ihren Recherchen. Sie greifen auf bekannte wie bisher wenig beachtete Dokumente zurück – tagebuchartige Notizen des Dichters, den Schriftverkehr der Fontane-Retter etwa aus dem Dichterzirkel „Rütli“ oder Briefe, die Frau Emilie Fontane erhielt. Um ein Beispiel zu nennen: Der lothringische Lehrer Charles Vinckel, Mitgefangener Fontanes in Besançon, wird nach seiner Entlassung bei lokalen Autoritäten im Elsass vorstellig, um Alarm zu schlagen, was der dort stationierte Preußen-Major Gies erfährt. Am 20. Oktober 1870 schreibt er an die Familie Fontane, Vinckel habe durchblicken lassen, „wenn er (Fontane) keine bessere Luft bekäme, würde er es nicht lange überstehen“.

Aus diesem Fundus zu schöpfen, heißt auch, auf diplomatische Depeschen einzugehen, mit denen preußische Autoritäten wie Bismarck den Triumphator über den Erbfeind herauskehren und androhen, Geiseln zu nehmen, sollten Fontane Freiheit und Sicherheit verwehrt bleiben. Was bringt es, dies minutiös zu rekonstruieren? Vor allem eines, es wird die Absicht Fontanes unterlaufen, im Wissen um das gute Ende seiner Affäre keine „haarsträubende Räubergeschichte“ zu verbreiten, stattdessen sein Gefangenenschicksal so weit abzuschwächen, dass – wie zunächst beabsichtigt – der Bildungsreisende zu seinem Recht kommt. Diese literarische Ambition wollen Radecke und Rauh dem Dichter gern zugutehalten, wenn auch nicht ohne Weiteres durchgehen lassen. Was sie dazu legitimiert, sind neben ihren Quellen Lokaltermine an den Schauplätzen von einst. Es entsteht eine Perspektive des zweiten Blicks, die sich mit dem Originaltext insoweit versöhnt, als man sich an den dort vorgezeichneten Ablauf hält. Als Verfahren sicher zulässig, aber nicht dagegen gefeit, den Eindruck eines Aufgusses zu hinterlassen, zumal bei aller Akribie im Detail die Sinnhaftigkeit des Unterfangens nicht ganz einleuchtet. Ist es wirklich unverzichtbar, abschließend zu klären, wann genau Emilie Fontane die erste Nachricht ihres Mannes erhielt und wer den letzten Anstoß zu Bismarcks forscher Note gab?

Zu viele ungeklärte Fragen

Bis heute ungeklärt sind viel relevantere Fragen: Warum hat sich für Fontanes Rettung ein solches Netzwerk der Sympathisanten ins Zeug gelegt? Lag es an seinem Renommee als Autor? 1870 schrieb er an den Wanderungen durch die Mark Brandenburg und war als Balladen-Dichter auffällig, aber noch nicht der Romancier von weltliterarischem Rang. Was hat ihn bewogen, bei der bereits in der Haft begonnenen Niederschrift von Kriegsgefangen ein so wohlwollendes Bild des Feindes zu zeichnen, dem jede nationalistische Tönung fehlt? Schließlich, woher das krasse Schwanken im Urteil über den „vierten Stand“? Einerseits Fontanes Beklemmung, ein plebejischer Mob könnte im Affekt die Gefängnisse stürmen und einen Insassen wie ihn lynchen? Andererseits sein Respekt vor der sozialen Integrität der Mitgefangenen. Ob Franzosen oder Deutsche, auf jeden Fall kleine Leute. Weshalb Fontane allzu sehr aus seiner Zeit heraus deuten, wo doch seine späte literarische Welt (etwa die des Stechlin) in ihrer kultivierten Lauterkeit so vieles von dem ersehnt, was einer helleren, den etablierten Kasten entrissenen Epoche vorbehalten sein sollte?

Info

Fontanes Kriegsgefangenschaft Gabriele Radecke, Robert Rauh be.bra verlag 2020, 190 S., 22 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 15.10.2020
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 44/2020

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