Lutz Herden
Ausgabe 3613 | 05.09.2013 | 09:30 27

„Qualifizierte Vermutungen“

Im Gespräch Jan van Aken, ehemaliger UN-Biowaffen-Kontrolleur, über das zu erwartende Ergebnis der UN-Inspektion in Syrien und Chemiewaffen als Zeitbombe im Nahen Osten

„Qualifizierte Vermutungen“

UN-Waffeninspekteure kontaktieren bei Damaskus einen Offizier der Freien Syrischen Armee

Foto: Mohamed Abdullah/Shaam News Network/AFP

Freitag: Grundsätzlich gefragt – können Inspekteure der Vereinten Nationen beim Einsatz von chemischen Kampfstoffen eindeutig klären, wer dafür die Verantwortung trägt?

Jan van Aken: Ja und nein. Bei bestimmten Fällen lässt sich durch die chemische Analyse erkennen, welche der verwendeten Kampfstoffe aus dieser oder jener Produktion stammen. In Syrien können die Inspekteure allerdings nicht feststellen, wer etwas eingesetzt hat, weil auf beiden Seiten teils die gleichen Waffen vorhanden sind.

Inwiefern?

Man muss davon ausgehen, dass Rebellengruppen durch die Einnahme von Armeestützpunkten, Waffenlagern oder durch Überläufer an chemische Kampfstoffe herangekommen sind, die einst in den Depots der Regierungsarmee waren. Selbst eine Analyse der verwendeten Raketen oder Granaten sagt in diesem Fall nichts über den Täter aus.

Was können die Inspekteure dann überhaupt sagen?

Sie können herausfinden, welcher Kampfstoff verwendet wurde, zum Beispiel Sarin oder eine andere Substanz. Aber sie können und werden auch kein einziges Wort darüber verlieren, wen sie für diesen Angriff am 21. August im Ort Al-Ghuta verantwortlich machen.

Es hieß nun, weil zwischen dem mutmaßlichen Chemiewaffeneinsatz in Al-Ghuta am 21. August und den ersten Inspektionen 72 Stunden vergingen, seien vermutlich Spuren vernichtet worden. Es könne daher keine verlässlichen Befunde mehr geben. Teilen Sie diese Auffassung?

Nein, das ist Teil der Propagandamaschinerie, mit der seit dem 21. August, dem Tag des mutmaßlichen Angriffs, versucht wurde, die Schuldfrage einseitig zu klären. Grundsätzlich ist es so, dass die meisten Nervengase sehr leicht flüchtig sind. Das heißt, sie sind möglicherweise schon nach Stunden komplett verflogen, doch gilt das nicht für ihre Abbauprodukte. Daher kann ich auch nach Wochen durch Umwelt-, Urin- und Blut-proben immer noch nachweisen, welcher chemische Kampfstoff gebraucht wurde.

Was Sie sagen, wirkt wie die Erklärung für das eigentliche Mandat der UN-Inspektion, das sich ja auf Geschehnisse bezog, die teils schon Monate zurücklagen.

Ja, weil es überhaupt kein Problem ist, auch über einen solchen Zeitraum hinweg die entsprechenden Nachweise zu erbringen. Wenn Sarin mit Feuchtigkeit in Berührung kommt, zersetzt es sich sehr schnell, aber über die Abbauprodukte kann ich auch nach Monaten noch bestimmen, ob es eingesetzt wurde oder nicht.

Im Mai bereits gab es den Hinweis der UN-Sonderermittlerin Carla del Ponte, dass auch Rebellenformationen über derartige Waffenbestände verfügen und diese auch einsetzen. Für wie belastbar halten Sie diese Aussage?

Für nicht sehr belastbar. Woher will sie das wissen? Wir haben es eher mit einer qualifizierten Vermutung zu tun. Auch ich gehe allerdings mit ziemlicher Sicherheit davon aus, dass die Rebellen Zugang zu diesen Waffen haben.

Nun hat Damaskus die 1997 in Kraft getretene internationale Chemiewaffen-Konvention CWK – wie auch Israel, Ägypten, der Sudan und andere Staaten – nicht unterzeichnet. Heißt das automatisch, die darin fixierten Pflichten gelten für Syrien nicht?

Zunächst einmal darf Syrien als Nicht-Signatarstaat natürlich Chemiewaffen besitzen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass diese im Konfliktfall auch eingesetzt werden dürfen. Derartiges wird durch die Genfer Konvention untersagt, die inzwischen als Gewohnheitsvölkerrecht gilt. Mit anderen Worten: Der Gebrauch von Chemiewaffen ist für alle Staaten verboten, egal ob sie die CWK unterschrieben haben oder nicht. Aber Erforschung, Entwicklung, Herstellung und Besitz sind einem Nichtunterzeichner-Staat der Konvention weiter erlaubt. So wie es für die Amerikaner leider weiterhin legal ist, ihre Bestände an Streumunition aufzufüllen oder fortgesetzt Landminen zu produzieren, weil sie den entsprechenden internationalen Verträgen nicht beigetreten sind.

Gilt die von Ihnen geschilderte Praxis auch bei biologischen Waffen, die schon 1971 von der UN-Generalversammlung als Mittel der Kriegsführung geächtet wurden?

Bio- und die Chemiewaffenkonvention gelten hier in analoger Weise und untersagen im Übrigen auch ganz klar jede Weitergabe dieser Massenvernichtungswaffen.

Was bringt Staaten wie Syrien dazu, sich einem fast weltweit geltenden Anti-Chemie-Waffen-Regime zu verweigern?

Das sind Sicherheitserwägungen, aus denen heraus erklärt wird, wir wollen dieses generelle Verbot nicht mittragen. Wir haben es hier mit einem anderen Verhalten zu tun als dem der Sowjetunion, die sich einst der Biowaffen-Konvention angeschlossen hatte und trotzdem weiter bakteriologische Waffen entwickelte. Syrien will sich die Option auf Chemiewaffen offenhalten, weil für Damaskus seit Jahrzehnten das Prinzip gilt: Solange der Gegner Israel über Massenvernichtungsmittel verfügt, brauchen wir die auch. Das finde ich falsch, aber ein solches Verhalten ergibt sich aus der Logik des Regimes, die besagt: Wir wollen die Chemiewaffen als Antwort auf die israelische Atombombe haben.

Wo werden die Chemiewaffen der syrischen Streitkräfte produziert?

Mit ganz großer Sicherheit im Lande selbst. Denn Chemiewaffen sind extrem geächtet, da bis Juli 2013 189 Staaten das Übereinkommen zum Verbot dieser Arsenale unterschrieben haben. Also, woher sollten die Syrer bekommen, was sie wollen? Saddam Hussein hatte in den achtziger Jahren ein Programm, wovon Syrien profitiert haben könnte, aber ich halte eher eine Eigenproduktion für gegeben, weil es eben keinen Markt für diese Waffen mehr gibt. Andererseits haben die Syrer nie etwas zugegeben oder offengelegt. Deshalb ist es bis heute genau genommen eine Vermutung, dass sie über solche Bestände verfügen. Ich halte dies aber für sehr wahrscheinlich, da sie schon in den siebziger Jahren ein eigenes Programm verfolgt haben.

Sie haben erklärt, jeder Giftgas-Angriff müsse bestraft werden, welche gerichtliche Instanz schwebt Ihnen vor?

Wenn es irgendwie geht, sollte ein syrisches Gericht darüber verhandeln. Falls das nicht möglich ist – aus welchen Gründen auch immer – , muss ein internationales Gericht diese Kriegsverbrechen ahnden.

Denken Sie an den Internatio-nalen Strafgerichtshof ICC?

Unter Umständen, ja. Doch werden wir das Geschehen erst vollständig aufklären können, wenn der Bürgerkrieg vorbei ist. Irgendwann werden wir wissen, wer es war. Weil jemand anfängt zu reden, weil Dokumente auftauchen oder was auch immer – und wenn es erst in zehn Jahren so weit ist. Dann müssen die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden. Nur wäre es mir lieber, wenn dies ein syrisches Gericht übernimmt.

Sind Chemiewaffen so etwas wie eine vergessene Zeitbombe, die bei Konflikten im Nahen Osten und in Nordafrika für die mit der Arabellion in Turbulenzen geratenen Staaten demnächst wieder eine größere Rolle spielt?

Ich finde, Zeitbombe ist ein sehr treffender Begriff. Alle gehen seit Jahrzehnten davon aus, dass Syrien über diese Potenziale verfügt, und haben es wieder vergessen, weil man immer meinte, dies sei ein Moment der strategischen Balance zu Israel. Deshalb müsse man sich nur für den Fall eines neuen Nahostkrieges Sorgen machen. Bei Libyen verhielt es sich nicht viel anders. Präsident Gaddafi hat zwar 1993 seine Tore geöffnet und internationale Kontrolleure ins Land gelassen, sodass mit der Vernichtung einiger Lager begonnen wurde, aber auch das geriet bald wieder in Vergessenheit. Jetzt merkt man plötzlich: Diese Zeitbombe tickt. Falls Syrien als Staat zerfällt und ein halbes Dutzend von Milizen und Rebellengruppen plötzlich Zugriff auf Chemiewaffen hat, möchte ich nicht wissen, wo die am Ende überall auftauchen. Das wäre eine Katastrophe.

Warnen Sie vor einem Chemiewaffen-Terrorismus, sollten sich in Syrien wie in Libyen nach einem Regimewechsel teils chaotische Verhältnisse ergeben?

Ja, aber ohne alarmistisch zu sein. Natürlich ist das Szenario nicht unrealistisch, dass in Syrien Al-Qaida-nahe Formationen wie die Al-Nusra-Front nicht lange zögern oder nicht lange gezögert haben, Chemiewaffen in ihr Arsenal zu holen.

Der lautlose Tod

 

Tag des Verderbens I


22. Juni 1915: „Die französischen Truppen beobachteten über die Brustwehr ihrer Gräben hinweg diese merkwürdige Wolke; da sah man plötzlich, wie die Soldaten die Arme in die Luft warfen, die Hände an den Hals legten und sich am Boden wälzten. Viele erhoben sich nicht wieder, während andere kopflos nach hinten flohen, als ob sie wahnsinnig geworden wären ...“, heißt es im Bericht eines Augenzeugen über jenen Tag, als das deutsche Heer über den Schützengräben bei Ypern in Flandern erstmals Chlorgas als Kampfstoff einsetzte und einen Präzedenzfall schuf.

Genfer Protokoll


Der Einsatz von chemischen und bakteriologischen Waffen während des I. Weltkrieges mit Tausenden von Toten und noch mehr ihr Leben lang von Vergiftungen gezeichneten Soldaten ließ begreifen, dass mit dieser Art der Kriegsführung eine Büchse der Pandora geöffnet war. Die Völkerbund-Staaten einigten sich daher im Juni 1925 auf das „Genfer Protokoll“. Mit seinem Inkrafttreten 1928 wurde „der Einsatz von erstickenden und giftigen Gasen und vergleichbaren Flüssigkeiten oder anderen Stoffen“ ausdrücklich geächtet. Deutschland trat dem Vertrag 1929 bei.

Chemiewaffenkonvention

Nach dem II. Weltkrieg, in dem keine chemischen und biologischen Waffen eingesetzt wurden, bezeichnete die UNO das „Genfer Protokoll“ als unzureichend. Doch bedurfte es jahrzehntelanger Sondierungen, bis 1992 durch die UN-Vollversammlung eine Konvention angenommen wurde, die Entwicklung, Herstellung, Lagerung und Einsatz von Chemiewaffen verbietet. Alle inzwischen 189 Signatarstaaten waren verpflichtet, bis Ende 2012 vorhandene Bestände unter Kontrolle der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) zu vernichten.

Tag des Verderbens II

16. März 1988: Durch einen Giftgas-Angriff der Armee Saddam Husseins auf Halabja, eine Stadt im eigenen Land, verlieren etwa 3.500 irakische Kurden ihr Leben, vor allem Frauen und Kinder. Zu dieser Operation kommt es kurz vor Ende des Golfkrieges zwischen Irak und Iran (1980 – 1988). Halabja ist von iranischen Truppen und kurdischen Verbänden erobert worden. Die sich dagegen richtende Al-Anfal-Offensive der irakischen Streitkräfte wird als „ethnische Säuberung“ gegen die Kurden betrieben und durch den Einsatz von Sarin sowie Tabun zum Kriegsverbrechen.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 36/13.

Kommentare (27)

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Ehemaliger Nutzer 05.09.2013 | 11:11

Ein informativer, überzeugender, sachlicher Beitrag. Fragen und Antworten, die zum Erkenntnisgewinn beitragen (können) und verdeutlichen, dass ein Militärschlag -mit samt seinen allen möglichen und denkbaren Folgen - keinesfalls geeignet ist Gefahren bzw. weitere Giftgasanschläge (durch wen auch immer) abzuwehren.

Ein Militärangriff, um Gefahren abzuwehren entspricht der "Logik":

"Je mehr Käse, desto mehr Löcher; je mehr Löcher, desto weniger Käse. → Je mehr Käse, desto weniger Käse."

Vaustein 05.09.2013 | 12:05

Da auch die US-Armee nicht weiß, wo genau welche Art von Chemiewaffen lagern, birgt das Bombenwerfen auf syrisches Militärgelände das nicht zu beherrschende Risiko, dass diese Chemiewaffen gesprengt werden, die tödlichen Giftgase freisetzen und Tausende Unschuldiger töten.

Will der Friedsensnobelpreisträger als Gaskiller in die Geschichte eingehen? Eigentlich schwer vorstellbar.

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Ehemaliger Nutzer 05.09.2013 | 14:50

Die aktuelle Diskussion um die Chemiewaffen zeigt doch sehr deutlich, dass es in einem Konflikt beinahe gleichgültig geworden ist, wer sie gegen wen einsetzt, weil das Schwert der internationalen Ächtung stumpf und verrostet ist.

Auf der einen Seiten flüchten Millionen Menschen aus Syrien, es sind bereits über 100.000 Menschen getötet und unzählige mehr seelisch und körperlich verletzt worden, auf der anderen Seite diskutieren die Gutmenschen, ob ein Ende dieses Abschlachtens völkerrechtlich statthaft ist. Ich könnte kotzen.

Jaques 05.09.2013 | 18:42

@J.Taylor und @Hans Springstein: Wie sieht eure jeweilige Lösung für dieses Dilemma aus? Es ist jetzt ein Elend und griffe eine militärische Kraft von außen ein, wäre das Elend minimal größer - ein toter Mensch ist und bleibt ein toter Mensch, dessen Lebensverlust zu beklagen ist, egal durch wen. Ein getötetes Kind, ein toter Student, ein vermeintlicher Dschihadist oder ein toter syrischer Soldat - keins der Leben ist weniger wert als das andere.
Was also ist die Lösung?

(Gutmensch-Modus ein) Mein Traum wäre ja, irrsinnig viele Menschen aus aller Welt führen nach Syrien und verwirrten rein durch Anwesenheit die Kämpfenden aller Seiten so sehr, dass die die Waffen sinken ließen (Gutmensch-Modus aus).

Also - schtoa djelatch, Freunde?
Und siehe Libyen, Irak, Ägypten, Afghanistan: Und dann? Wie weiter?

Insgesamt finde ich, keiner soll sich von außen einmischen, denn das zieht unter Umständen auch Kreise. Nachher will keiner den Steinbrück als Kanzler und die italienische Armee befreit Deutschland oder so.

Das klingt alles hingeworfen, aber das ethische Dilemma ist wirklich - für mich - unlösbar. Helft mir auf!

Beaux regards, J.

Grabert 05.09.2013 | 19:19

Moin, lieber Jaques,

das Dilemma ist nicht erst seit gestern da, es besteht seit mehr als drei Jahren, in denen unter dem Schutz der internationalen Ignoranz und Wahrnehmung von nationalen Partikularinteressen vieler, bis hin zu Russland und China, Lösungen verbummelt wurden.

Frühzeitiges Eingreifen, für das es bis heute noch immer keine Mindeststandards gibt, ganz im Gegensatz zur Kriegsführung, wäre möglicherweise ein Eingreifen ohne Waffengewalt gewesen. In all den Ländern, die Sie aufgezählt haben, hat aber genau der Begriff "frühzeitig" oder alternativ "rechtzeitig" gefehlt. Bisher können sich Despoten sicher sein, sie werden schon irgendwo Anerkennung finden und Geschäfte machen können.

In Libyen, in Ägypten und in Syrien gab es ähnlich gelagerte Proteste, zumindest bezogen auf Ursachen und Verlauf. In allen drei Staaten aber andere Entwicklungen. Es war, das muss immer wieder betont werden, ein zivilgesellschaftlicher Protest gegen herrschende Lebensbedingungen, bei dem es neben persönlichen Freiheiten auch um die wirtschaftlichen Verhältnisse ging. Dieser Protest, der vielerorts sich zum Aufstand entwickelte, teils bewaffnet, wurde aber zunächst immer so lange es eben ging, ignoriert. Das war überall der Fehler, auch und gerade in Syrien. Denn in der Phase der internationalen Ignoranz haben es radikale oder zumindest radikalere Kräfte verstanden, sich der Protestbewegung zu bemächtigen und für ihre eigenen Ziele umzulenken. Sehr schön war dies in Ägypten mit dem Muslimbrüdern zu beobachten.

Man darf dabei auch nicht vergessen, warum Assad an der Macht ist. Er war eingesetzt worden, um Reformen einzuleiten, die Syrien aus der Isolation und der Ächtung heraus zu holen. Da war also internationaler Druck und eine führende Partei (Baath), die diesen beenden wollte. Das eigene Volk war aber mit den Fortschritten der Reform unzufrieden, daher die Proteste.

Hier ging aber das Kalkül vieler Beteiligten und demonstrativen Wegschauer nicht so gut auf, wie etwa im Iran, wo eine Protestbewegung erfolgreich abgewürgt wurde.

Mir scheint, es wird Ruhe und Ordnung, im Zweifelsfalle Grabesstille, mit Frieden verwechselt. Dabei sollten gerade die Deutschen mal einen Moment reflektieren, wie es hier wohl aussehen würde, wenn vor rd. 20 Jahren in der DDR der Protest den Verlauf von Libyen, von Ägypten oder gar von Syrien genommen hätte. Ich möchte es mir lieber nicht ausmalen, um so tragischer bewerte ich die Position von van Aken.

Beste Grüße

Grabert

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Ehemaliger Nutzer 05.09.2013 | 21:19

Ich hoffe, Sie verstehen ein wenig Humor, wenn ich jetzt politisch völlig unkorrekt schreibe: Wenn das die Allierten im Falle Nazideutschlands auch so gesehen hätten, würden Sie heute den ganzen Tag über Sauerkraut essen und im Stechschritt durch den Wohnort laufen.

Im Ernst: Was ist denn die Alternative, zusehen?

Assad gehört vor ein Gericht in Den Haag und dieser Vorladung wird er wohl nur folgen, wenn er Geleit bekommt, oder?

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Ehemaliger Nutzer 05.09.2013 | 21:26

Es gibt nur schlechte Lösungen. Wenn man es einmal so weit hat eskalieren lassen wie im Falle Syriens, dann ist jede Veränderung des status quo, auch dann, wenn es um den Schutz von Nichtkombattanten geht, eine Verschlimmbesserung, die über einen kommt, wie ein böser Traum. Die Weltgemeinschaft hat gepennt, als es noch möglich gewesen wäre, die Eskalation einzudämmen.

Die Lösung, dass Russland das Problem in die Hand nimmt, was ja denkbar wäre, traue ich Mr Putin nicht zu. Aber, es soll ja Wunder geben, wenn man nur genug trinkt und fest daran glaubt.

Hans Springstein 05.09.2013 | 21:33

Ja, schto djelatch ... Ich verweise da auf all die Vorschläge seit zwei Jahren für eine firedliche Lösung, für ein Ende der von Anfang an stattfindenden Einmischung von außen im Sinne des Anheizens des inneren syrischen Konfliktes, die genau von jenen ignoriert udn beiseite gewischt wurden, die sich von Anfang an dort einmischen.

Ich verweise zugleich auf meine Texte hier seit fast zwei Jahren zum Thema, in denen ich mich immer gegen die Einmischung von außen gewandt habe, zugleich darauf hingewiesen und vor den Folgen gewarnt habe, aber auch die zu Grunde liegenden Interessen benannt habe, belegt habe, so dass diese ganze Entwicklugn allein durch meine Texte ein wenig nachvollziehbar ist. Da gibt es ganz klare Vorschläge, die umsetzbar waren, wenn ... wenn nicht die Interessen des Westens wären, der, wie der Staatsrechtler Reinhard Merkel unlängst in der FAZ erklärte, schuldig ist, dass aus einem inneren Konflikt in Syrien mit allen Ursachen ein mörderischer Krieg der von innen geführt und von außen vom Westen und seinen Verbündeten gefördert wird.

Ich habe keine Lust, mich immer wieder zu wiederholen, schlage Ihnen deshalb vor nachzulesen, wenn Sie mehr wissen wollen, was ich denke zu Syrien, und bitte Sie um Verständnis dafür. Genauso kann ich gut verstehen, dass nur wenige all meine texte gewissermaßen mitlesen.

Zurück zur alten Frage Was tun? Da schließe ich mich dem Papst, dem UN-Generalsekretär, dem Antikommunisten Jürgen Todenhöfer, den beiden ehemaligen NATO-Generalsekretäre Jaap de Hoop Scheffer und Javier Solana, auch dem russischen Präsidenten und allen anderen an, die sagen: Alles tun für ein Ende des Krieges in und gegen Syrien und für eine friedliche Lösung des inneren Konfliktes durch Verhandlungen ohne Vorbedingung, von der keine der beteiligten Seiten von vornherein ausgeschlossen wird, auch ohne Syrien als unsouveräner, schon neokolonialisiertes land zu behandeln, dass nur tun muss, was die "internationale Staatengemeinschaft" ihm anordnet. Es gibt keine Lösung von heute auf morgen. Dafür sind wie gesagt in besodnerem Ma? die westlichen Regimewechsler und Kriegstreiber verantwortlich. Aber es muss für eine Lösung gesorgt werden, die in absehbarer Zeit diesen Krieg beendet. Das muss zu allererst gewollt sein. Und genau daran fehlt es, vor allem und gerade bei den westlichen Kriegstreibern.

Fakten und Belege, dass ich falsch liege, nehme ich mit Interesse zur Kenntnis. Nur keine Pauschalvorwürfe ohne Argumente und Fakten.

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Ehemaliger Nutzer 05.09.2013 | 22:00

Stimmt. Es ist politisch und historisch völlig unkorrekt, was Sie geschrieben haben.

Zur Erinnerung: Nazideutschland war es, das nach dem inszenierten Überfall auf den Sender Gleiwitz und unter dem Vorwand "Es wird zurück geschossen" "militärische Ziele" in Warschau bombardierte, um "Rohstoffe und Lebensraum" für das "arische Herrenvolk" im Osten zu erobern und die Welt neu aufzuteilen.

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Ehemaliger Nutzer 05.09.2013 | 22:07

"Am Sonntag hatte sich der Papst in dramatischen Worten gegen das Blutvergießen in Syrien gewandt:

„Krieg erzeugt Krieg, Gewalt ruft Gewalt.“

Stattdessen, so Franziskus,

„möge überall der laute Schrei nach Frieden aufsteigen. Nie wieder Krieg!“

Der Papst rief zu einer „Menschenkette für den Frieden” auf. „Dringend“ lud er dazu die „Christen aller Konfessionen ein, die Angehörigen aller Religionen und auch die Brüder und Schwestern, die nicht glauben“. Er selbst wird am Samstagabend eine mehrstündige „Gebetswache“ auf dem Petersplatz in Rom leiten.

Papst appelliert an Weltmächte - Militärschlag gegen Syrien verhindern | WAZ.de - Lesen Sie mehr auf:"
http://www.derwesten.de/politik/papst-appelliert-an-weltmaechte-militaerschlag-gegen-syrien-verhindern-id8407264.html#292839810

So, ich war hier im Forum nicht zimperlich, was meine Kritik an Jorge Mario Bergoglio, alias Papst Franziskus, betrifft.

Aber das, was er jetzt sagt und tut: Meine allergrößte Hochachtung!

Roger11 06.09.2013 | 00:09

Dass die UN-Inspektoren keine eindeutige Schuldzuweisung formulieren können und werden, wissen alle Beteiligten schon lange.

Ergo wird der schwarze Peter wieder bei Obama liegen.

Ich an seiner Stelle würde jetzt den Friedens-Nobelpreis zurückgeben und die Reaktion der Medien 1-2 Tage beobachten. Dann würde ich zuschlagen - oder eben auch nicht!

Womöglich wäre Letzteres das genau richtige Zeichen. Gen Syrien, gegenüber der islamischen Welt insgesamt, Putin, genau genommen gegenüber allen testosterongestörten Individuen auf dem Planeten.

balsamico 06.09.2013 | 11:11

Vielleicht hat bisher nur niemand tief genug in meine dunkle Seele geblickt.

Sie sind nicht alleine. Meine Seele ist ebenso schwarz, tief schwarz, genauer gesagt.

Tatsächlich ist es im internationalen Rahmen wie im kleindeutschen Waffenrecht: Man darf Waffen haben, auch die Munition dazu - aber man darf sie nicht benutzen. Das geht natürlich nicht, denn wo kämen wird dahin? Merke also: Waffen, mit denen man Menschen umbringen kann, darf man haben, auch zu Hause, wohlverwahrt versteht sich, zum Angucken und zum sich daran Erfreuen, nach der Devise: Guckt mal, was ich hier habe! Bin ich nicht toll? Aber benutzen? Nein, das geht nicht! Das ist doch klar.

Richtig ist aber: Natürlich werden Waffen, die man hat, auch benutzt, was denn sonst?

So lange aber dieser Grundwiderspruch zwischen dem Habendürfen inklusive dem Produzierendürfen und dem Nichtbenutzendürfen nicht aufgelöst ist - im nationalen Bereich, bei den Besitzern von Gewehren, Pistolen oder sogenannten Sportwaffen, mit denen zwar schon mal einer Amok läuft und was natürlich schreckliche Einzelereignissse sind, aus denen man im Interesse der Waffenindustrie nichts für ein generelles Verbot ableiten kann, und weshalb ja auch keine Veranlassung besteht an den bestehenden Zuständen etwas zu ändern - wie im internationalen Bereich bei konventionellen Waffen genauso wie bei B und C-Waffen, die man, wenn man nicht explizit darauf verzichtet hat, ebenso wie Handfeuerwaffen haben aber nicht benutzen darf, wird die Welt nicht besser.

Besonders gut gefallen hat mir übrigens in dem Interview am Anfang diese Passage hier:

Wenn es irgendwie geht, sollte ein syrisches Gericht darüber verhandeln. Falls das nicht möglich ist – aus welchen Gründen auch immer – , muss ein internationales Gericht diese Kriegsverbrechen ahnden.

Denken Sie an den Internationalen Strafgerichtshof ICC?

Unter Umständen, ja. Doch werden wir das Geschehen erst vollständig aufklären können, wenn der Bürgerkrieg vorbei ist. Irgendwann werden wir wissen, wer es war. Weil jemand anfängt zu reden, weil Dokumente auftauchen oder was auch immer – und wenn es erst in zehn Jahren so weit ist. Dann müssen die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden. Nur wäre es mir lieber, wenn dies ein syrisches Gericht übernimmt.

Das ist doch richtig süß! Wenn ich sowas lese, hüpft meine schwarze Seele vor Wonne. Heißt es doch nicht anderes, alls die absolut notwendige Vergeltung von und für einen widerlichen Massenmord auf den St. Nimmerleinstag zu verschieben. Das ist doch mal eine gute Nachricht, über die sich jeder gute Schweinehund so richtig freuen kann, rein gutmenschmäßig gesehen. Tut mir Leid, da komme ich nicht mit. Deshalb sehe ich es ganz schlicht und archaisch nach der Devise: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Assads Verbrechen ist, dass er Chemiewaffen aufgehäuft hat und dass er sie, wenn er sie nicht selbst angewendet hat und woran es kaum einen vernünftigen Zweifel gibt, jedenfalls nicht so behütet hat, dass sich die Rebellen ihrer bemächtigen konnten. Allein dafür hat er sich einen Schlag auf die Mütze redlich verdient.

Auch hübsch ist in diesem Zusammenhang, dass, nach dem Interview oben, der arme Hund Assad die Chemiewaffen angeblich haben musste, um der Bedrohung seines Landes aus Israel standzuhalten; die hätten schließlich auch welche, und da könne er ja nicht mit leeren Händen dastehen. Das leuchtet natürlich jedem erfahrenen Israelkritiker sofort ein. Nur scheint es immerhin so zu sein, dass die Israelis ihre C-Waffen hübsch unter Verschluss haben. Und es sieht auch nicht so aus, als hätten sie im eigenen Land solche Probleme wie Assad, der diese Probleme übrigens auch nicht erst seit gestern hat.

Was lernen wir daraus? Die sog. internationale Gemeinschaft - dass ich sie nicht ehrenwerte Gesellschaft nenne - sieht seit Jahr und Tag zu, wie diese Typ bei den höchst instabilen Verhältnissen in seinem Land Chemiewaffen anhäuft und stellt sich vor: Die wird der nie benützen. Ganz ausgeschlossen. Und die hat er auch immer gut unter Verschluss, damit sie gar nie und niemals in falsche Händer geraten. Ganz wie bei den kleinen Pistolen in Deutschland, die man haben aber nie, nie benutzen darf um was Böses damit zu tun.

Was für eine Idiotie!

balsamico 06.09.2013 | 13:56

Sie verwechseln da was. Sie geben hier den klassischen "Gutmensch".

Da können Sie mal den Schlamassel betrachten. Richtig ist: Gutmenschen sind diejenigen, die nie eine Waffe in die Hand nehmen würden, sondern lieber die rechte Backe hinhalten, wenn sie auf die linke geschlagen werden. Angeblich, jedenfalls. Und Schlechtmenschen sind diejenigen, die - auch mit der Waffe in der Hand - aufbegehren, wenn Giftgas über ihren Mitmenschen ausgeschüttet wird, also J. Taylor und ich z.B. Damit müssen wir leben - und können es auch.

Kurios übrigens, dass es in Frankreich gerade die Sozialisten sind, die eine militärische Reaktion gegen Assad für geboten halten. Hier dagegen ist man - quer durch alle Parteien - für's Sichfeinraushalten. Ist aber auch klar. Wer will schon mitten im Wahlkampf auf der falschen Seite stehen, zumal wenn einem der Kompass verloren gegangen ist, der einem zeigt, was die richtige Seite ist?

gweberbv 07.09.2013 | 01:33

@Balsamico

Was ist damit gewonnen, Herrn Assad "was auf die Mütze zu geben"? Er befindet sich im Krieg, da kriegen er und die seinen ständig "auf die Mütze" - mancher Schlag mag da sogar schon weit schmerzhafter gewesen sein als ein kurzes Bombardement durch USA & Co.

Wenn es dir tatsächlich um Abschreckung geht, um weitere Einsätze von Chemiewaffen zu verhindern, dann müsste man ihn ja ganz aus dem Amt bomben. Ob das gelingen kann, was es an Menschenleben kosten würde, man weiß es nicht.

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Ehemaliger Nutzer 15.09.2013 | 17:09

Die Menschen haben m.E. noch nicht realisiert, was es bedeutet, wenn Verbrechen gegen die Menschlichkeit keine Konsequenzen für die Urheber haben. Die internationale Gemeinschaft hat sich blamiert und wenn man diesen Faden bis zum Ende denkt, weiß ich gar nicht mehr, wer Unrecht überhaupt noch Einhalt gebieten kann. Allein der Besitz von Massenvernichtungswaffen müsste im Konfliktfall schon ausreichen, diesen Staat zu sanktionieren. Ganz zu schweigen von der Verfügbarkeit der sogenannten konventionellen Waffen. Die Europäer können froh sein, dass das alles so weit ist - noch.

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Ehemaliger Nutzer 15.09.2013 | 19:01

Werter J.Taylor, ich weiß nicht, was Sie mit "wenn das die Alliierten im Falle Nazideutschland auch so gesehen hätten..." meinen.

Der Vergleich zwischen Nazideutschland und Syrien hinkt aus mehreren Gründen ganz gewaltig. Sie sind klug genug, das zu wissen, denke ich. Ebenso wie das hier:

Der 2.WK wurde nicht dadurch beendet, dass Engländer und Amerikaner militärische und zivile Ziele in Deutschland bombardierten, sondern in erster Linie durch die Opfer, die die SU-Armee, ich erinnere hier nur an Stalingrad, gebracht hat.

Das ist Fakt, ob es passt oder nicht. Dazu kommt, dass es auch in Deutschland Widerstand gab, Menschen, die sich geweigert haben im Stechschritt irgendwohin zu marschieren. Deutsche z.B., die gemeinsam mit Russen, Franzosen u.a., im Lager Dora (Buchenwald) in den unterirdischen Werken die waffenproduktion sabotiert haben, so dass nicht wenige V2-Raketen ihr Ziel nicht erreichten. Diese menschen, überwiegend Sozialisten und Kommunisten (unter Ihnen auch Juden und Christen) wurden bestialisch gefoltert und zu Tode gequält.

"Im Ernst: Was ist denn die Alternative, zusehen?"

Die Alternative ist, dass man nach den Ursachen und Profiteuren von Kriegen sucht, ...

Wissen Sie was, ich glaube, Sie können sehr gut selbst Alternativen finden. So schwer ist das nicht.

"Assad gehört vor ein Gericht in Den Haag und dieser Vorladung wird er wohl nur folgen, wenn er Geleit bekommt, oder?"

Vor Gericht gehören ALLE, die Angriffskriege/Kriegsverbrechen begangen haben. Auch die, die Guantanamo u.ä. zu verantworten haben...

MfG elisRea

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Ehemaliger Nutzer 16.09.2013 | 12:01

Nachdem ich im März 2013 einen sterbenden kleinen syrischen Jungen im Arm hatte, dem ein Scharfschütze einen Teil des Gesichts weggeschossen hatte, sehe ich das wie folgt:

Assad ist ein Diktator

es gibt bereits über 100.000 Tote

es gibt über 2.000.000 Flüchtlinge

Assad gehört vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag, und kommt er nicht freiwilig, muss er geholt werden.

Die Kämpfer aller Parteien müssen sofort massiv getrennt und entwaffnet werden.

Ich könnte natürlich der neuen Argumentation von Herrn Herden folgen und dem nächsten Kind, das von einem Schafschützen erlegt wird, sagen: "Sterbe in Frieden, nur keine Bilder für Europa, nur keinen Grund liefern, dass Europäer sich einmischen. Sei stolz, dass Du für einen Stützpunkt Russlands in Tartus und den Weltmachtstatus der USA elend verrecken durftest." Stimmt, aber dann könnte ich nicht mehr in den Spiegel sehen.