Raketen auf Kabul

Taliban In Afghanistan rüsten die Taliban zum Angriff auf die Präsidentenwahl am 20. August, um eine hohe Beteiligung zu verhindern und den afghanischen Staat vorzuführen

Die Gotteskrieger beschießen Kabul – und damit dem Staat, der am 20. August Präsidentenwahlen abhalten will, buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. Wer nicht einmal in der Hauptstadt Herr im Hause ist, kann das wohl kaum über den Staat sagen, den er als Staatschef zu regieren gedenkt. Mit den Angriffen der Taliban auf die Hauptstadt rächt sich, was die neue Verfassung Afghanistans seit 2003 festgeschrieben hat. Der Präsident besitzt danach größeres Gewicht als die Parteien, die Zentralregierung genießt Vorrang vor den Provinzen.

Für ein eingespieltes politisches System mit der entsprechenden Tradition mag das ein sinnvoller Ansatz sein – nicht für Afghanistan. Eine die Realitäten des Landes ignorierende Magna Carta liefert den Taliban derzeit die Zielkoordinaten für ihre Angriffe. Sie müssen die Autorität des Staates und seines Präsidenten treffen, wenn sie einen möglichst großen Flurschaden anrichten wollen. Vor dem Urnengang am 20. August erscheint das besonders lohnend, weil es nach dem Willen der Besatzer und ihres Protegés Karzai möglichst gar keine oder nur sehr wenige weißen Flecken geben soll.

Gemeint sind Gebiete, in denen die Bevölkerung diesem Votum in großer Zahl fernbleibt, weil sie einer anderen Autorität gehorcht oder gehorchen muss. Deshalb sind Amerikaner und Briten zur "Operation Schwertstoß" in der Südprovinz Helmand ausgerückt. Deshalb haben Bundeswehrtrupps in der Region Kundus das Terrain zu säubern versucht. Allerdings sind es nicht allein die Taliban, die es dem afghanischen Staat erschweren, am 20. August nachweisen zu können, dass und wie er existiert – es ist der Zustand dieses rudimentären Staatswesens selbst.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Seit Ende 2001 ist Afghanistan ein Protektorat. Anfänglich dominiert von den USA, die sich dafür den Segen der UNO und als Ordnungsmacht das Schutzkorps (ISAF) holten – seit 2003, mit dem Übergang des ISAF-Kommandos an den Nordatlantik-Pakt, ein Protektorat der NATO. Charakteristisch für diesen Status ist nicht die Besatzung allein, sondern das höchst brüchige ökonomische Fundament dieser Staatsruine. Zwei Drittel des Budgets der Regierung Karzai wurden 2008 durch internationale Subventionen bestritten, soviel wie nie seit 2001. Was notgedrungen staatlicher Souveränität nicht über Gebühr zum Durchbruch verhilft. Gönner und Geber alimentieren kaum zum politischen Nulltarif, auch wenn die Wahl am 20. August genutzt werden soll, diese Art der Kolonisierung mit der suggestiven Aura staatlicher Willenskraft zu verklären.

Die Außenwirkung einer solchen Inszenierung wird Grenzen haben. Genau genommen dürfte sie nur den erreichen, der sich dieser Suggestion hingibt, um Realitäten auszublenden. Ein Teil der deutschen Öffentlichkeit etwa, die immer noch ernsthaft glaubt, ein Besatzungsregime verleite zur demokratischen Selbstertüchtigung. Und wenn das nicht klappt, ließen sich immer noch Brunnen bohren. Eine Quittung für diesen Selbstbetrug hat gerade Ex-Verteidigungsminister Struck mit seiner Prognose ausgestellt, man habe noch mindestens zehn Jahren Militärpräsenz vor sich. Hätte sich dieser Prophet im Dezember 2001 zu Wort gemeldet, als Bundesregierung und Bundestag über den Bundeswehreinsatz am Hindukusch entschieden, und verkündet, man werde mindestens bis 2019 bleiben – was wäre wohl passiert? Hätte dann eine rot-grüne Mehrheit Ja gesagt? Hätte Schröder mehr tun müssen, als seine rot-grüne Koalition mit der Vetrauensfrage zu erpressen? Oder hätte die Vernunft gegenüber der Bündnisdisziplin ihre Chance gehabt?

Doch zurück zu den Wahlen vom 20. August. Wenn es den Taliban gelingt, dem Protektorat seine Grenzen aufzuzeigen – gilt das für den afghanischen Rumpfstaat allemal. Was bleibt von ihm übrig, wenn er seine Autorität nicht durch eine hohe Wahlbeteiligung nachweisen kann? Was bleibt von der Autorität seiner Paten USA und NATO? Genau auf diese Kraftprobe haben es die Gotteskrieger und ihre Alliierten abgesehen.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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