Polizeiruf 110 „An der Saale hellem Strande“: Realismus statt „Tatort“

Sonntagabendkrimi Der neue „Polizeiruf“ aus Halle riskiert mehr als einen Anflug von Authentizität und macht ein Kaleidoskop der Subkultur und der prekären Verhältnisse sichtbar
Ausgabe 22/2021
Peter Kurth als Kriminalhauptkommissar Henry Koitzsch im „Polizeiruf 110“
Peter Kurth als Kriminalhauptkommissar Henry Koitzsch im „Polizeiruf 110“

Foto: © MDR/filmpool fiction/Felix Abraham

Man hat sie geschätzt, die dandyhafte, in Maßen versnobte Selbstironie eines Jaeckie Schwarz und den Gegenpart des davon genervten, weil total geerdeten Wolfgang Winkler. Sie gaben bis 2013 die Ermittler Schmücke und Schneider in 50 Folgen des Polizeirufs 110 aus dem anhaltinischen Halle. Passend zum Charisma der Figuren wurde die Saalestadt gern als zuckrig saniertes Gründerzeitidyll im Paulus- und Marktviertel gespiegelt, zugleich das herbe Dekor der Plattenbauten nicht ausgespart.

Wenn der Polizeiruf von der Saale hellem Strande, wie am Sonntag geschehen, nach acht Jahren Pause zur ARD-Primetime aufersteht, scheint – zunächst oder generell? – ein anderes Abbild gefragt. Den Vorzug erhält Halle als Diva in Schwarz, getaucht in Düsternis. Die Kamera wischt durch mittelalterliche Gassen, erfasst stillgelegte Bahnanlagen oder monströse Autotrassen, die einer Stadtlandschaft das Gesicht zerschneiden. Draufsichten als Ansichten, für die sich der Schriftsteller Clemens Meyer (Als wir träumten) als Drehbuchautor und geborener Hallenser besonders verwendet haben dürfte.

Warum das der Erwähnung wert ist? Weil einem Format wieder Tugenden eingehaucht werden, die den ARD-Platzhirsch Tatort mit seinen häufig manierierten, von psychotischen oder verschrobenen Ermittlern okkupierten Plots konterkarieren. Der Polizeiruf aus Halle hält es stattdessen mit einer glaubwürdigen Geschichte und riskiert mehr als einen Anflug von Authentizität. Eine Reverenz an den Realismus einer Reihe, mit der das DDR-Fernsehen vor 50 Jahren debütierte, als im Juni 1971 mit Der Fall Lisa Murnau die erste Folge ausgestrahlt wurde? Für die Stoffe der Serie sorgte das Innenleben einer Gesellschaft, in der kriminelle Abwege bis hin zu Kapitalverbrechen nicht ausgeschlossen waren.

Und das von Anfang an, nicht erst im letzten Jahrzehnt der DDR, wie das eine ebenfalls am Sonntag von der ARD gesendete MDR-Dokumentation herablassend paternalistisch suggerierte. Schon in den 1970ern ging es mit Der Tote im Fließ, Doppeltes Spiel oder Der Tod des Professors nicht um Handtaschendiebstahl auf dem Rummelplatz, sondern um Mord und Totschlag. Gerade der MDR, der sein dünnpfiffiges Abendprogramm seit jeher zum Nulltarif mit dem DDR-Polizeiruf füllt, sollte wissen, wovon er lebt. Freihändiger Umgang mit der Wahrheit jedenfalls ist den neuen Hallenser Kommissaren Koitzsch (Peter Kurth) und Lehmann (Peter Schneider) fremd, als sie ihren ersten Fall durch die Funkzellenauswertung eines Tatorts zu lösen hoffen. Wer telefoniert hat, als in der Nähe ein Mann erstochen wurde, muss zum Verhör. In bewährter Polizeiruf-Manier verhilft szenische Dramaturgie zu sozialer Anatomie. Mit denen, die sich erklären müssen, wird ein Kaleidoskop der Subkultur und der prekären Verhältnisse sichtbar, der Absteiger, Außenseiter, tragischen Figuren. Der pensionierte Eisenbahner (großartig: Hermann Beyer) etwa, der Nacht für Nacht zu seinem einstigen, längst ausgemusterten Stellwerk trottet und sich auf dem Rückweg regelmäßig verirrt. Schattenmenschen wie er scheinen aus der Zeit gefallen und gehören doch dazu. Sie waren mit sich versöhnt, solange ihnen Anerkennung durch Arbeit zuteilwurde. Kommt die abhanden, sind sie verloren.

Es spricht für den 110-Wiedergänger aus Halle, dass Koitzsch und Lehmann den Mord (noch?) nicht aufklären und sich auch darin von Schmücke und Schneider unterscheiden. Denen ist das nie passiert.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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