Rebell aus einem Unbehagen

US-Außenpolitik Donald Trump buchstabiert die Welt. Sie zu lesen, das blieb ihm bisher verwehrt
Rebell aus einem Unbehagen
Trump wirkt wie der Prototyp eines Zeitgeistes, der Multilateralität als Anachronismus verwirft

Foto: Chip Somodevilla/Getty Images

Entspannt parierte der iranische Präsident Rohani im September vor der UNO den provokanten Aufritt von Donald Trump an gleicher Stelle. Der US-Präsident hatte sich mit ätzender Kritik am Nuklearabkommen mit Teheran versucht. Man habe es mit einem „Schurkenstaat“ geschlossen, daher sei das letzte Wort noch nicht gesprochen. Für sein Land schon, reagierte Rohani, doch befürchte er, dass die Übereinkunft von „Schurken-Neulingen auf der politischen Bühne“ zerstört werde. Vor aller Welt fand sich Trump als dilettierender Novize klassifiziert, was ihm nur bedingt gerecht wurde.

Sicher, er hatte vor der UN-Generalversammlung den undiplomatischen, auf Denunziation versessenen Anti-Politiker gegeben, der simuliert, Politik zu machen, indem er verdammt, was Politiker vor ihm zustande brachten. Kurzzeitig kursierte die Annahme, Trump könnte sich am Atomvertrag schadlos halten, nachdem seine Drohung, Nordkorea „mit Feuer und Wut“ auszulöschen, von den Realitäten – etwa dem Veto Chinas – außer Vollzug gesetzt wurde. Dann aber ließ er es damit bewenden, den Atomdeal lediglich nicht zu bestätigen und einen Ausstieg zu verschieben. Alles andere hätte die westeuropäischen Verbündeten brüskiert wie nie zuvor in der Amtszeit dieses Präsidenten. Trump hatte sie als NATO-Schmarotzer beschimpft , die auf Kosten der USA lebten, der EU Konzessionen in der Klimapolitik verweigert und Deutschland in schroffen Tweets wegen seines aggressiven Außenhandels („The Germans are bad, very bad“) geschmäht.

Es hätte der Attacke auf den Atomvertrag nicht bedurft, um zu wissen, dass auf „den Westen“ keine Rücksicht mehr genommen wurde. So erratisch die Außenpolitik dieses Präsidenten ansonsten sein mochte, in dieser Hinsicht fiel sie klar und eindeutig aus: Die Auffassung im Weißen Haus, wenn Amerika seine Macht gebrauche, sei das gut für die Welt, den Westen allemal, hat ausgedient. Schließlich würde eine Kündigung des Atomvertrages elementare – um nicht zu sagen: existenzielle – Interessen Europas verletzen und bezeugen: America first heißt Amerika im Alleingang.

Und genau hier tritt Trump nicht als hypermanischer Neurotiker oder „Schurken-Neuling“ in Erscheinung. Er wirkt stattdessen wie der Prototyp eines Zeitgeistes, der Multilateralität als Anachronismus verwirft. In einer Welt sich häufender regionaler und asymmetrischer Kriege, volatiler Fronten, fragiler Nationalstaaten und mächtiger nichtstaatlicher Konfliktparteien sind tradierte Bündnisse normativ zu ambitioniert und institutionell zu träge. Auch und gerade die NATO. Sie lebt in dem identitären Zwiespalt, durch einen flexiblen Interventionismus Weltordnungsmacht sein zu wollen und sich andererseits in einen Konflikt mit Russland zu verbeißen, bei dem Reflexe des bipolaren Zeitalters gepflegt werden.

Trump rebelliert aus instinktivem Unbehagen und nationalistischem Furor gegen die Verstrickung in Bündnispflicht. Er betrachtet diese offenkundig als Ballast und sucht den pragmatischen Deal zum ausschließlich eigenen Vorteil: mit Russland, um ein Syrien-Agreement auszuhandeln, ohne dass die USA als großer Verlierer dastehen; mit China, um halbwegs unbeschadet einen Krieg mit Nordkorea wieder absagen zu können; mit Japan, um eine chinesische Hegemonie im Südchinesischen Meer zu verhindern. Dieser Präsident geriert sich als Überzeugungstäter und Einzelgänger, nur ist er der Komplexität des internationalen Geschehens wie den Unwuchten im internationalen System nicht einmal ansatzweise gewachsen. Das gefährdet nicht allein die USA ganz erheblich.

06:00 16.11.2017
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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