Revolutionär aus Berufung

Venezuela Auch ohne Hugo Chávez wird die Bolivarische Revolution Bestand haben. Wem sie dienen wollte, das wurzelt tief im kollektiven Bewusstsein Lateinamerikas
Lutz Herden | Ausgabe 10/2013 66
Revolutionär aus Berufung
Er führte das Venezuela des 21. Jahrhunderts
Foto: Juan Barreto / AFP - Getty Images

Später hat Hugo Chávez bekannt, dass dieser 17. Dezember 1982 für ihn eine Zäsur gewesen sei. Er war zu diesem Zeitpunkt Hauptmann der Fallschirmjäger, nahe Samán del Guere stationiert und von seinem Regimentskommandeur spontan beauftragt worden, vor 1.000 Soldaten und Offizieren eine Rede zu halten, um den Kampfauftrag der Einheit für den Ernstfall zu begründen. Chávez sprach ohne Manuskript. Mehr noch, er nutzte die Gelegenheit zu einem Exkurs über die aus seiner Sicht unbefriedigende Situation Lateinamerikas. Seinerzeit gab es in Staaten wie Argentinien, Chile, Bolivien und Brasilien Militärdiktatoren, die nicht nur jeden Hauch von Humanität vermissen ließen und sich wie Obristen benahmen, sondern auch als verlässliche Gefolgschaft der USA galten. Chávez nannte das einen Schlag ins Gesicht von 200 Jahren Unabhängigkeit. Die Hörigkeit gegenüber den Amerikanern könne so nicht länger hingenommen werden.

Seine Zuhörer folgten ihm aufmerksam, aber ohne Reaktion. Als der Redner vom Podium kam, donnerte der Kommandeur: „Man könnte meinen, Sie sind ein Politiker!“ Ein Offizier, von dem man wusste, dass er zu Chávez' Freunden zählte, entgegnete spontan: „Sie irren sich, Herr Kommandant, Chávez ist durchaus kein Politiker. Er ist ein Hauptmann der heutigen Generation ...“ Daraufhin ließ der Kommandeur die Truppe strammstehen, um sie zu vergattern, über das Gehörte Stillschweigen zu bewahren.

El Caracazo

Zehn Jahre später versuchte Hugo Chávez zum ersten Mal, durch einen Putsch die Regierung zu stürzen. Was misslang, ihm jedoch viel Popularität eintrug, die Werte zwischen 60 und 70 Prozent erreichte. Der damalige Präsident Rafael Caldera von der christdemokratischen COPEI hatte Vertrauen eingebüßt, weil es ihm nicht gelungen war, die sozialen Missstände wenigstens einzudämmen, die zum Volksaufstand, dem El Caracazo, im Februar 1989 geführt hatten. Die Armenviertel von Caracas begehrten gegen steigende Lebensmittelpreise auf. Als es zu Plünderungen kam, ließ der sozialdemokratische Staatschef Carlos Andrés Perez den Aufruhr kurzerhand zusammenschießen. Bis heute konnte nicht endgültig ermittelt werden, wie viele Opfer es damals gab. Mindestens 1.000 Tote sollen es gewesen sein. Vielleicht viel mehr, fast 3.000, sagen manche Quellen.

Für Hugo Chávez war dieses Aufbegehren der letzte, entscheidende Anstoß, alles zu tun, um die Venezuela seit Jahrzehnten beherrschenden Oligarchien zu entmachten. Auf legalem demokratischen Wege gelang ihm das schließlich mit der Präsidentenwahl vom Dezember 1998, als er mit 56 Prozent triumphierte und keine Stichwahl brauchte – was auch für alle weiteren Voten galt, die ihn 2000, 2006 und zuletzt im Oktober 2012 im Amt bestätigten.

Die 1999 beginnende Bolivarische Revolution kam übrigens nie vom Weg der demokratischen Tugend ab. Gewalt kam von Chávez' Gegnern. Damit sind nicht nur die Putschisten vom 12. April 2002 gemeint, die ihn aus dem Weg räumen wollten und im Namen schuldbeladener Eliten handelten, denen die Privilegien abhanden kamen. Einem ökonomischen Gewaltakt kam auch eine Kapitalflucht gleich, der sofort mit der ersten Chávez-Präsidentschaft Ende 1998 begann und mit 90 Milliarden Dollar damals das Dreifache der Auslandsverschuldung Venezuelas betrug, während zwei Drittel der Venezolaner unter der Armutsgrenze lebten. Um so mehr verdienen die ersten Maßnahmen aus dem Jahr 1999 erinnert zu werden: Es gab Rentenzahlungen für alle Venezolaner über 65, einen besseren Kündigungsschutz, eine Begrenzung der Wochenarbeitszeit auf 42 Stunden und eine medizinische Grundbetreuung, die fortan nichts mehr kostete. Dafür musste es sich Chávez gefallen lassen, im Namen eines abendländischen Wertekanons als „Sozialdiktator“ diffamiert und mit Muammar al-Gaddafi oder Benito Mussolini verglichen zu werden. Hoffentlich hat ihn auch das in seiner Konsequenz bestärkt.

Vorbild Bolivar

Es ist dem Visionär Chávez zu verdanken, dass sich Lateinamerika heute mit nie gekanntem Selbstbewusstsein präsentiert, den USA die Stirn bietet und ein Verständnis von Souveränität und Würde in sich trägt, das die Befreier vom spanischen Kolonialismus im 19. Jahrhundert beflügelt hat.

Deshalb berief sich Chávez von Anfang an auf Nationalhelden wie Simon Bolivar und José Marti und hielt sich an ihre Idee von der Integration der Völker. Vom Geist des patriotischen Aufbruchs inspiriert, fand er Gehör, erwarb sich Respekt und konnte Gleichgesinnte überzeugen: Evo Morales, den ersten indigenen Präsidenten Boliviens, wie den klugen Wirtschaftsreformer Rafael Correa an der Spitze Ecuadors. Mit dem Bolivarismus des 21. Jahrhunderts sympathisierten das Brasilien des einstigen Gewerkschaftsführers und späteren Präsidenten Lula da Silva, das linksperonistische Argentinien oder das von der linken Frente Amplio regierte Uruguay, aber auch Paraguay und Chile. Selbst Präsident Juan Manuel Santos hat für das mehr den USA verbundene Kolumbien nach dem Tod des Comandante gewürdigt, wie der den dekolonisierenden Wandel eines Kontinents vorangetrieben hat. Wollte man sich dafür der Worte des chilenischen Dichters Pablo Nerudas aus seinem Poem der Große Gesang bedienen, müsste man von jenem Baum sprechen, „dessen Wurzeln voller Leben“ und „von Blut genährt“ sind – „der Baum der Freien, der Erdenbaum, der Wolkenbaum, der Baum des Brots ...“ Dieses Vermächtnis des Hugo Chávez lebt fort. Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Gerechtigkeit wird Lateinamerika kaum jemals wieder aufgeben.

Zerreißproben möglich

Doch was wird aus Venezuela? Aus einem Chávismo ohne Chávez? Der Regierungsstil, jener unverbrauchte Caudillismo, wie ihn dieser Präsident bis zum Beginn seiner Erkrankung vor zwei Jahren gepflegt hat, erlaubte keine alternativen Führungspersönlichkeiten. Erst im Dezember, vor seinem letzten Flug zur medizinischen Behandlung nach Kuba hat ein sichtlich müder Chávez zu verstehen gegeben, dass er sich Vizepräsident Nicolas Maduro als Nachfolger wünsche.

Wie sich der Ex-Militär Chávez in 14 Regierungsjahren im Staat Venezuela durchgesetzt hat, tat er es auch in der eigenen Bewegung. Lange Zeit gleang es, die verschiedenen Strömungen des Bolivarismus nicht auseinander driften zu lassen, sondern zu moderieren. Ob das auch Maduro vermag? Die 2008 gegründete Vereinte Sozialistische Partei Venezuelas (PSUV) trat bisher eher als Wahlverein in Erscheinung und blieb die programmatische Intuition schuldig. Durch parteiinterne Voten wurde entschieden, wer für einen Gouverneursposten oder ein Bürgermeisteramt kandidiert. Die PSUV wirkt bis heute wie eine Klientel-, nicht wie eine Avantgarde-Partei, die sich ausreichend um bisherige Alliierte wie die PTT (Vaterland für alle) oder die Kommunistische Partei (PCV) bemüht, die beim Putschversuch 2002 jene Massen von Demonstranten mobilisierten, die Chávez Rückkehr an die Macht erzwangen.

Belastungen, möglicherweise Zerreißproben für das post-chavistische Lager sind absehbar, gab es doch unter Chávez keinen Strukturwandel für die venezolanische Ökonomie. Die Sozialprogramme wurde aus den nach wie vor üppigen Erdöleinnahmen finanziert, doch scheint die Praxis einer radikalen Umverteilung allein noch kein allzeit belastbares ökonomisches Prinzip für ein eigenständiges Gesellschaftsmodell, wie es der Revolutionär Hugo Chávez mit seinem "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" im Blick hatte.

 

 

13:03 06.03.2013
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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