Lutz Herden
21.08.2012 | 13:33 23

Rhetorik der Eskalation

Israel/Iran Präsident Peres hat einen militärischen Alleingang seines Landes gegen iranische Atomanlagen abgelehnt und wird dafür von Premier Netanjahu öffentlich kritisiert

Rhetorik der Eskalation

Anti-israelische Demonstration am 17. August, dem Jerusalem-Tag, in Teheran

Foto: Behrouz Mehri / AFP / Getty Images

Diese Ankündigungen sind so alt wie das Gerücht von der iranischen Bombe. Seit 2002 heißt es, die Islamische Republik werde in kurzer Zeit eine rundum satisfaktionsfähige Atommacht sein. Seither drohen israelische Politiker und Militärs, dies mit einem Präventivschlag abwenden zu wollen. Genauso lange ist diese Drohung außer Vollzug und wird doch permanent auf die Tagesordnung gesetzt. 

Es ist über keinen Krieg so viel geredet worden, ohne dass er stattfand. Auch jetzt wieder. Matan Vilnai, Israels Minister für innere Sicherheit, weiß genau: ein Angriff werde mindestens 30 Tage dauern, mehrere Fronten haben und etwa 500 eigene Opfer kosten. Weder Premier Benjamin Netanjahu noch der beim Thema Iran äußerst exponierte Verteidigungsminister Ehud Barak pfeifen ihn zurück. Sie dementieren noch nicht einmal die Opferprognose. Die stimmt auf mehr Tote ein, als es sie beim verlustreichen Einfall in den Libanon vor sechs Jahren, im Sommer 2006, gab. Und sie liegt nicht weit unterhalb der Zahl der Gefallenen, die bei der Libanon-Intervention 1982 zu beklagen waren. Ist es Vilnai, Netanjahu und Barak so ernst wie nie? Oder klingt ihre Rhetorik der Eskalation nur martialischer als üblich?

Es gibt ein Zeitfenster

Theoretisch öffnet sich für Netanjahu ein Zeitfenster bis zum Votum in den USA über den Präsidenten der Jahre 2013 bis 2017. Bis zum 6. November darf Obama potenzielle jüdische Wähler, vor allem deren Lobby, nicht verprellen. Erst wenn ihm eine zweite Amtszeit sicher und keine dritte mehr möglich ist, könnte er zum Geist seiner am 4. Juni 2009 in Kairo gehaltenen Nahost-Rede zurückkehren. In der war das Recht der Palästinenser auf ihren Staat ohne Wenn und Aber bestätigt worden. Würde eine weiter unter Obamas Führung stehende US-Regierung den kompromisslosen Positionen Netanjahus gegenüber den Palästinensern nicht länger so ergeben folgen wie in den zurückliegenden Jahren? Und wäre das vielleicht auch beim Atomstreit mit dem Iran der Fall?  

Auch hier gilt der Vorbehalt – theoretisch. Praktisch rennt die Nahost-Politik dieser Administration verlorenem Einfluss und schwindender Macht hinterher. Der Arabische Frühling traf sie unerwartet und kostete willige Verbündete. In der Syrien-Krise wird zwar Bashar al-Assad nach Kräften demontiert, aber das ganz große Risiko gemieden. Und im israelisch-palästinensischen Konflikt wird vor Netanjahus Hang zur Obstruktion kapituliert und eine Aufrüstung seiner Armee betrieben, wie sie noch kein US-Präsident vor Obama zustande brachte.

Er müsste alles tun

Was also spricht wirklich dagegen, dass Israel seine vermeintlich offene Rechnung mit Teheran in aller nächster Zeit begleicht? Und sich die Amerikaner ins sprichwörtliche Kanonenboot holt? Dagegen spricht die Tatsache, dass Obama im Wahlkampf nichts ungelegener käme als ein neuer Nahost-Krieg. Sofort würde der Abzug aus dem Irak verblassen. Was wäre der noch wert, käme es zu einem Waffengang mit regionalen, teils globalen Risiken? Außerdem lauert da noch die Herausforderung Syrien samt der Versuchung, Assad vielleicht doch durch eine Intervention in die Knie zu zwingen.

Aber warum nennt Matan Vilnai eine solch hohe Zahl möglicher Opfer auf israelischer Seite? Kaum vorstellbar, dass sie durch über dem Iran abgeschossene Kampfjets entsteht. Diese Zahl ist nur denkbar, sollte es einen iranischen Gegenangriff geben oder einen Gegenschlag der mit Teheran verbündeten Hisbollah aus dem Libanon heraus. Genau hier erscheinen die Kalkulationen israelischer Politiker und Militärs schon nicht mehr so phantastisch oder irreal, wissen sie doch: Derartige Operationen tangieren amerikanische Interessen und zwar gewaltig. Präsident Obama wäre gezwungen, als Führer der Nahost-Macht USA zu erklären, er müsse und werde alles tun, um Israel zu retten. Es sei von Feinden umstellt und existenziell bedroht.

Andernfalls würde er angeklagt, Israel im Stich zu lassen. Für Mitt Romney käme das einer Traumvorlage gleich, um zu sagen: unter meiner Präsidentschaft wäre das nie und nimmer passiert.

Israelische Regierungen haben in der Vergangenheit selten darauf verzichtet, ein amerikanisches Wahljahr für ihre Zwecke auszunutzen.

Kommentare (23)

Johannes Renault 21.08.2012 | 14:40

Unter den drei Irren Regimen (Iran, Israel, USA) ist das des Iran wohl das erste das reale Gefahren von aussen zu befürchten hätte, siehe seine Nachbarn. Israels hat geringe Chancen durch den Irren v. Teheran angegriffen zu werden, das der USA überhaupt keine. Innenpolitischen Nutzen wollen nur die beiden Irren in Jerusalem u. Teheran aus ihrem mörderischem Spiel ziehen. Im Propagandagetöse haben die westlichen TV, Radio u. grösstenteils Pressemedien ihr Ziel erreicht. Natürlich gäbe es weniger Tote wenn man sich nicht bekriegt. Selbst die Kriegserklärungen GBs u. der USA etc. gegen den Irren von Berlin waren in dem Sinne ein fataler Fehler. Aber ums m o r d e n geht es den Irren ja nicht. Die Regime haben (meist) wirtschaftliche Interessen ihrer Kernindustrien zu Vertreten, dazu benutzen sie die Medien welche die Bevölkerung zum sterben bereitstellen sollen. Deshalb gibt es ja Israel in Palestina überhaupt wieder, deshalb bekamen die USA ihr Reich, deshalb zahlte GB mit seinem veraltetem Empire und bekam modernere Boni. Die Demokratien der heutigen Zeit sind Versüssungen in dem grossen Spiel -Gott sei Dank etwas. Das alles oder so ähnlich, glaube ich ganz fest.

Hans Springstein 21.08.2012 | 15:47

Wie ich schon an anderer Stelle zum Thema schrieb:

Für die israelische Kriegstreiberei und die Kriegspläne gegen den Iran, ob nun sechs Tage oder 30 Tage oder Jahre - aus manchem "Blitzkrieg" wurde ein jahrelanges Gemetzel - gibt es keine Rechtfertigung! Wie verkommen und pervers sind diese Politiker denn, die einen Krieg als machbar sehen, weil er laut ihren Planungen nur 500 Tote auf der eigenen Seite bringt? Das ist genauso schlimm und pervers wie dieser verdeckte Krieg gegen Syrien! Ich kann das nicht anders bezeichnen.

Ich weiß auch, dass ich mit meiner moralischen udn verbalen Entrüstung nicht ändern kann. Aber ich kann diesen ganzen Unsinn, der da veranstaltet wird, nicht schweigend hinnehmen.

denkii 22.08.2012 | 11:46

Aber warum? Niemand verbietet unseren Medien, über die möglichen iranischen Opfer zu schreiben.

Iraner sind Menschen wie wir alle. Und diese haben uns nichts getan. Es gibt keinen Grund, sie zu hassen. Warum also darüber schweigen? Unsere Journalisten sind doch nicht dumm?

Als erstes sterben wahrscheinlich hunderte Soldaten und Ingeniuere. Ein Angriff auf Atomanlagen birgt doch gewaltige Risiken. Eine Verstrahlung wäre doch sehr wahrscheinlich oder nicht? Warum diskutiert das niemand?

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Ehemaliger Nutzer 22.08.2012 | 15:35

Die Konflikte zwischen dem Iran und Israel werden künstlich durch Ultranationalisten und der Waffenindustrie beschworen, weil allein diese durch einen furchtbaren Krieg gewinnen würden.

Juden und Moslems haben über Jahrtausende ihre Kenntnisse ausgetauscht, die Mathemathik und Medizin quasi erfunden.

Ganz platt und allgemein verständlich: lest alle mal "der medicus", verfilmt jetzt mit Ben Kingsley. Das Persische Volk ist in den letzten Jahrzehnten durch eine Hölle gegangen, es ist hochgebildet! Das aktuelle Regime schafft es, mittelalterliche Strukturen durchzusetzen. Ein Angriffskrieg würde mal wieder nur die intelligenten, sensiblen und anständigen Zivilisten vernichten, die Extremisten würden sich vorher in Sicherheit bringen.

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Ehemaliger Nutzer 22.08.2012 | 17:43

Überhaupt aufgrund der viermal bis unendlich (8) die ganze Welt zerstörender Waffen, ein einziges Volk für die Unzulänglichkeit des Versagens der ganzen UN verantwortlich zu machen, nachdem sämtliche militärische Einsätze nur Schutt und Asche hinterlassen haben und allein die geifernden Auftragshascher jetzt schon Aktien für den Wiederaufbau mehrmals verkaufen auf dem Rücken mal wieder der unschuldigen, nicht radikalen, nur ihr Leben leben wollenden Zivilbevölkerung ausspekulierend, ist es an der Zeit die Kriegswirtschaft zu stoppen. Unsere menschliche und demokratische Pflicht ist es, Krankenhäuser und Schulen auszubauen und nicht zu bombardieren. unsere Pflicht in der UNO ist es, Kriege zu stoppen! Unsere demokratische Pflicht ist es, Völkern, welche ihre eigenen inneren Probleme nicht lösen können, Einhalt zu gebieten, wenn diese ablenken wollen von vor ihrer Tür stehenden Konflikten ausweichen auf Kosten des Friedens des gesammten Völkerabkommens der UN. Und wenn der Kosovo unabhängig ist, dann muss auch ein von der UN seit über 30 Jahren unterstützt und subventioniert, ein Staat, welcher aus einem schrecklichen Krieg heraus okkupiert wurde, endlich seine Unabhängigkeit erfahren.

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Ehemaliger Nutzer 22.08.2012 | 17:49

Bevor die aktuelle Regierung Israels eine Bombardierung des "IRANS" vornimmt, sollte sie vielleicht darüber nachdenken, ob sie ihr eigen Fleisch und Blut wirklich opfern möchte, wo doch innenpolitisch drängendere Probleme zu bewerkstelligen sind. Die aktuelle siedlungspolitik und die Enteignung bereits zugesprochenner Gebiete schürt Hass und ist völkerrechtlich ein no go!

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Ehemaliger Nutzer 22.08.2012 | 18:18

Wir haben in dieser Welt massive Nahrungsmittel- und Wasserversorgungsprobleme! Und weil ein Mensch, von "Gott" geschaffen, hier hungern muss, ist es religionübergreifend eine Schande und deutet auf die menschliche Unzulänglichkeit hin. Die Ablenkung durch internationale Rüstungsinteressen und somit verbundene "Politik" zeigt nur, wie korrupt und skrupellos in dieser Welt Menschen, welche die falsche Religionszugehörigkeit oder das falsche Parteibuch haben, einfach vor den Belustigungsmedien in real time verhungern, verdursten und ausgeblutet werden. Wieviele Flüchtlingslager brauchen wir, bis die Gesamtbevölkerung auf ein "wirtschaftlich", "wettbewerbsfähiges", "Gewinn-maximierendes" Maß vernichtet ist?!

jens kassner 22.08.2012 | 18:33

Hat es eigentlich jemals Versuche der UNO oder anderer internationaler Organisationen gegeben, Aufklärung über das israelische Atomwaffen-Programm zu bekommen? Heute ist es in den Medien allgemein üblich anzunehmen, dass Israel über Atomwaffen verfügt. Warum wird das nicht genau untersucht? Und Israel droht offen mit Angriffskrieg gegen ein Land, von zumindest der Versuch, Atomwaffen herzustellen, vermutet wird. Warum gelten so unterschiedliche Maßstäbe der Bewertung. Achmadinedjad ist zweifellos ein antisemitischer, nationalistischer Hetzer und Pokerspieler der schlimmsten Art. Aber um wieviel besser ist Netanjahu?

denkii 22.08.2012 | 19:36

Nethanjahu und die israelische Regierung sind per se respektiert. Niemand in der westlichen Welt kann es sich leisten, denen keinen Respekt zu zollen. Sie sind für die Amerikaner der wichtigste Partner in dieser Region, die geostrategisch wohl die bedeutenste der Welt ist. In Europa gilt das gleiche, hinzu kommt die geschichtliche Perspektive, die uns eine vermeintliche Verantwortung überträgt.

Ist auch alles soweit in Ordnung, da wir daran nichts ändern können. Aber warum die Perspektive Irans, und da vor allem der zivilen Bevölkerung nicht untersucht wird, ist mir immernoch schleierhaft. Im Zusammenhang mit der sog. "grünen Revolution" und persepolis wird dies getan.

Aber wenn es um die Folgen von Sanktionen oder eines israelischen Angriffskrieges und vor allem die Folgen einer nuklearen Anreicherungsanlage nicht getan wird. Das ist doch die interessante Frage. Kein Journalist wird darn gehindert, trotzdem tut es keiner.

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Ehemaliger Nutzer 22.08.2012 | 21:09

Der Frieden in unserem Lande, Deutschland!, ist im wesentlichen durch den Export garantiert, Scheisslöhne, kein Mindestlohn wie in den restlichen EU-Nationen. Das heisst aufgrund der Vernichtungswaffen, welche Deutschland liefert zur Unterdrückung von fernen Drittnationen, über welches hierzulande Beschäftigte nicht nachdenken, sichert den Frieden im Inneren und Krieg nach außen? Eine Frage oder Rätsel an Sie alle!

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Ehemaliger Nutzer 22.08.2012 | 21:21

Rules, Regeln are made to be, sind dafür da, to be steadily broken, täglich gebrochen zu werden, besser: actually in desperate need to be renewed and adequatual optimised, besser: in absoluter bedürftigkeit erneuert zu werden und aktuell und adequat optimiert zu werden. Das ist wofür wir ein EU parlament oder eine UNO haben, zeitaktuell Erneuerungen zu verarbeiten und zeitgerecht darauf zu antworten.

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Ehemaliger Nutzer 22.08.2012 | 21:56

Die Angst vor "Atomwaffen" ist lächerlich, weil Deutschland, Russland, die USA, Nord- und Süd-Korea, Indien, Pakistan, China,Indien, Südamerika haben diese bereits! Also über was reden wir hier eigentlich? Die Atomwaffen einer dieser Nationen können die Welt mehrmals vernichten.

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Ehemaliger Nutzer 22.08.2012 | 22:38

Eure Angst vor oder seitens des BVG: ich lasse mich lieber hier im Binnenland exekutieren, als dass ich einen Militäreinsatz zur Bombardierung Persiens unterstütze! Wenn Israel Persien, weil die Politiker oder Militärs bombardieren ja immer Lebende, wenn dieser Fall eintreten sollte und deutsche Truppen oder so called democratic soldiers darin involviert werden sollten, werde ich meinen deutschen Pass verschenken!

Rosa Sconto 23.08.2012 | 10:37

Diese Rhetorik passt in diese wunderschöne Region mit all den Olivenbäumen, den Schafen und Ziegen und patriarchalischen Denkweisen. Die Rhetorik passt auch zur Rechtfertigung der Ghettos in den besetzten Gebieten, passt zu dem David gegen Goliath Klischee, damit ungestraft mittels Phosphor- und Kassettenbomben wahl- & folgenlos Kinder in zivilen Wohngegenden massakriert werden "dürfen". Weil nicht davon auszugehen ist das sich der Sicherheitsrat der UNO zu vergleichbaren Erkenntnissen bei der Beurteilung von Kriegsverbrechen durchlebt, bleibt nur zu hoffen das dieses Gequarke sich zumindest nicht in Taten umsetzt, denn das liefe auf eine Wiederholung von Massada hinaus. Das sind mehr als nur 500 Dummköpfe die sich als potentielle "Opfer" einer solchen expansionistische Politik einspannen lassen. Irgendwann kapiert auch der Starrsinnigste in dieser Region das die Helden alle auf dem Friedhof liegen. Es darf als allgemein bekannt vorausgesetzt werden, daß die Geschichte Israels eine Geschichte von Besetzung und Vertreibung ist. Das gelingt nun seit fast 70 Jahren ohne Probleme. Die einzigen die ein Problem daraus machen würden wären Leute wie Romney und Konsorten. Von den kontra-produktiven Sanktionen der EU und USA gegen den Iran helfen den BRICS, - nur nicht für die Millionen von Vertriebenen aus Westbank und Gaza. Die Massakrierten in den besetzten Gebieten werden durch die Sanktionen auch nicht mehr lebendig. Das ist aber noch ein weiterer Punkt: nämlich das ich mittlerweile überzeugt bin das die Medien, genau wie die UNO, längst den Pfad der Rationalität verlassen haben, sich dieses Gequarke von dem "Minister für innere Sicherheit" nach dem Abenteuer in Syrien durchsetzt eben vielleicht doch in Taten umsetzt, dann mit einer weiteren "Facebook-Revolution" im Iran. Haben wir erst-mal einen Romney wird das noch viel flotter gehen. Das uns Israel dann alle genauso in den Schlamassel reisst, wie es schon der "Bushman" mit der Extremverschuldung für seine "Befreiungsorgie" im Irak, den er dann bekanntlich dem Iran übergab, dürfte wohl jedem einleuchten. Es sieht fast so aus als wollten diese Kriegstreiber einen Fehler mit einem weiteren ausgleichen. Wenn das denn so ist, wäre es mir lieber Romney und Klein-Benny zünden nun auch diese Lunte an. Wenigstens würde es den Verfall der maroden westlichen Politik beschleunigen und wir hätten dieses langsame Sterben endlich mal vom Tisch. Solange das alles ohne israelische Atombömbchen geschieht weil sonst wieder wegen der Verstrahlung eine Migration einsetzt. So, jetzt trink ich noch eine Flasche Wein.