Rote Grütze von Dr. Oetker

DDR '89 Vor 25 Jahren wird bei der Kundgebung der 300.000 auf dem Berliner Alexanderplatz viel von einem erneuerten Sozialismus geredet – und kaum von deutscher Einheit
Rote Grütze von Dr. Oetker
Berlin am 4. November 1989 - Wende-Panorama

Foto: Imago

Zum Jahreswechsel 1989/90 taucht in Zeitungen und Illustrierten der DDR eine Karikatur auf, die es später gar auf Plakate schaffen wird. Sie zeigt einen listigen, wichtelhaften Karl Marx, der mitteilt, das mit dem Sozialismus sei „nur so eine Idee“ gewesen, was soviel heißt wie: Mit eurem deutschen Sozialismus, das war gut gemeint, aber mehr ein Experiment. Und das ist leider schiefgegangen, hakt es ab.

Was die 300.000 am 4. November 1989 in Berlin schon abgehakt haben, darüber lässt sich nichts sagen. Bei den 27 Redeauftritten ist das anders. Da sind die erklärten Gegner des Sozialismus in der Minderheit. Die meisten wollen eine gründliche Inventur der DDR-Gesellschaft, ohne ihr eine kategorische Absage zu erteilen. Es gibt Utopien und Visionen zuhauf, denen nicht abgesprochen werden kann, dass sie zuweilen das „Experimentelle“ streifen.

Gelbgrüne Schärpen

Doch zunächst zur Vorgeschichte dieses 4. November 1989. Dazu gehört, dass Egon Krenz, der Honecker-Nachfolger, Tage zuvor als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates den Befehl „Über Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit und Ordnung in den Bezirken der DDR" unterschrieben hat. Darin heißt es, ein „Einsatz polizeilicher Mittel gegen Demonstranten“ dürfe nur „bei Gewaltanwendung gegen bewaffnete Kräfte“ erfolgen. „Die Anwendung der Schusswaffe in Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen ist grundsätzlich verboten.“

Auf dass daran nicht gerüttelt und kein Keil getrieben wird zwischen die Vernunft der (Noch-)Herrschenden und die Vernunft der Straße, wird am 4. November die Berliner Demonstration von zivilen Ordnern eskortiert. Sie tragen gelbgrüne Schärpen mit der Aufschrift „Keine Gewalt“. Dazu kursiert ein Wort aus dem diplomatischen Milieu: "Sicherheitspartnerschaft". Sie ist ausgerufen zwischen Demonstranten und Volkspolizisten, zwischen Opposition und Staat, der neuen und der alten Macht.

„Aus Wittenberg kommend, erinnere ich Regierende und Regierte – also uns alle – an ein Wort Martin Luthers“ – wird bei der Kundgebung auf dem Alexanderplatz der Pfarrer Friedrich Schorlemmer allen ins Gewissen reden – "lasset die Geister aufeinander prallen, aber die Fäuste haltet stille!“

Zur Faust geballt

Recht ungestüm prallen in den fast drei Stunden Massenmeeting die Geister freilich nicht aufeinander. Fäuste werden eher in den Hosentaschen geballt, aber sonst „stille“ gehalten. Heute erinnert man sich vor allem des zur Faust geballten Gesichts, mit dem Günter Schabowski, Politbüromitglied und Krenz-Vertrauter, gegen ein an- und abschwellendes Pfeifkonzert anredet. „Wir sind gewillt und lernen unverdrossen, mit Widerspruch zu leben. Wir wollen die Produktivität des Widerspruchs nutzen“, kündigt er der Menge an.

Jahre später schreibt der Parlamentär aus der SED-Führung in seinem Erinnerungsbuch Der Absturz: „Für mich gehörte es zum neuen politischen Ambiente, ja, es feuerte mich an, dass ich mir als ein Oberer, ein Bonze, gegen Widerspruch Gehör verschaffen musste.“

Der Schriftsteller Stefan Heym bedeutet dem „Oberen“ bei seiner Rede auf dem so provisorischen wie historischen Podest, es solle nun in der DDR ein Sozialismus herrschen, der diesen Namen verdient. „Alle müssen teilhaben an dieser Macht. Und wer und wo immer sie ausübt, muss unterworfen sein der Kontrolle der Bürger. Denn Macht korrumpiert und absolute Macht – das können wir heute sehen – korrumpiert absolut.“ Es sei nicht mehr der Stalinsche Sozialismus gefragt, sondern „der richtige, den wir endlich erbauen wollen zu unserem Nutzen und zum Nutzen von ganz Deutschland.“ Das wird mit viel Beifall quittiert. Als ließe sich mit der DDR Staat machen im Westen.

Fünf Tage später wird eine überhastete Öffnung der DDR-Staatsgrenze in Berlin einen erneuerten Sozialismus von der Tagesordnung absetzen und das unwiderruflich. Aus der gerade erstrittenen Selbstbestimmung wird Fremdbestimmung. Die offene Grenze weist den Weg zum 3. Oktober 1990 und ermöglicht eine Restauration des Kapitalismus, eines teils archaischen im Osten Deutschlands.

Um es mit Friedrich Schorlemmer zu sagen – Regierende und Regierte werden viel von dem aus der Hand geben, was ihnen in vier Jahrzehnten wahrlich nicht geschenkt worden ist. Denn die neuen Herren dulden keine Halbheiten, sie wollen das Ganze ganz, was soviel heißt, wie ganz und gar abwickeln, wenn sie nach dem 3. Oktober 1990 dazu befugt sein werden.

Im Einheitsgeschirr

Im Rückblick wirkt die Jungfernfahrt der Demokratie auf dem Alexanderplatz mit ihrem idealistischen Schmelz und ihrer jakobinischen Integrität zeitlos und anachronistisch zugleich. Der Hang zum großen Wort und Wurf beim gesellschaftlichen Umbruch braucht Selbstverführung, sitzt doch allen schon der historische Schalk im Nacken, Dürrenmatts rachsüchtige Claire Zachanassian. Nur zu, tötet euren Alfred Ill, damit die DM munter klimpert. Der Witwe rotes Haar ist gesalbt von Dr. Oetkers Roter Grütze. Mehr habt ihr nicht verdient.

Schon bald nach dem 4. November wird von Sozialismus keine Rede mehr sein. Ins Einheitsgeschirr gespannt, trabt der zweite deutsche Staat seinem Untergang entgegen. Stefan Heym wird am Abend der Volkskammerwahl vom 18. März 1990 angesichts der 48 Prozent für die von der Ost-CDU geführte und der West-CDU alimentierte „Allianz für Deutschland“ nach seinen Utopien vom Alexanderplatz von prophetischem Realismus übermannt: Von der DDR werde fortan nicht mehr bleiben als „eine Fußnote der Geschichte“, sagt er im Interview vor dem „Palast der Republik“.

Am 4. November 1989 will davon kein Redner etwas wissen. Es gehört niemand zur Vaterländischen Front und redet von Wiedervereinigung. Aber Berlin ist nicht Leipzig, wo der DDR das Lebenslicht wilder vor Augen flackert als im Rest des Republik, und der Ruf „Wir sind das Volk“ bald der Parole „Wir sind ein Volk“ weichen muss.

Heiner Müller weiß mehr

Und doch gibt es wenigstens einen auf dem Alexanderplatz, der sich keine Illusionen macht. Der Dramatiker Heiner Müller sieht soziale Kämpfe voraus, die unausweichlich sein werden, deshalb: „Wir müssen uns selbst organisieren. Die nächsten Jahre werden für uns kein Zuckerschlecken. Die Daumenschrauben sollen angezogen werden. Die Preise werden steigen und die Löhne kaum. Wenn Subventionen wegfallen, trifft das vor allem uns. … Wir sollen die Karre aus dem Dreck ziehen. Wenn der Lebensstandard für die meisten von uns nicht erheblich sinken soll, brauchen wir eigene Interessenvertretungen. Gründet unabhängige Gewerkschaften!“

Dem Moderator in der „Aktuellen Kamera“, der Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, geht das am Abend gegen den Strich. „Bedenklich jedoch stimmt mich“, sinniert er, „wenn sich der von mir geschätzte Heiner Müller zum Sprecher unabhängiger Gewerkschaften macht und wenn nicht nur in seinem Beitrag der Ruf aufkommt nach sehr fragwürdigen Süppchen, die am Feuer der Erneuerung mit gekocht werden sollen.“

Wer und was damit gemein ist, bleibt unausgesprochen. Jens Reich, Mitbegründer des Neuen Forums, käme in Betracht, der sich nicht beschwichtigen lassen will: „Der Dialog ist nicht das Hauptgericht, sondern die Vorspeise. Es geht nämlich nicht um artiges Gerede, sondern darum, dass die Konflikte in unserer Gesellschaft und mit den Regierenden ohne Umschweife ausgetragen werden.“

Doch bleiben wir bei Heiner Müllers Schwarzmalerei. Auch der Dokumentarfilm-Regisseur Joachim Tschirner kommt an diesem 4. November zu Wort, bezweifelt, dass eine wirkliche Wende möglich sei, solange die noch in den Chefetagen der Medien säßen, die lediglich ihre Sessel um 180 Grad gedreht hätten, und schöpft moralische Autorität aus seinem Werk. Bis dahin hat Tschirner u. a. vier Filme über das Leben im Schatten der Hochöfen des Stahl- und Walzwerkes Maxhütte im thürinngischen Unterwellenborn gedreht.

Als er nach 1992 noch einmal dorthin zurückkehrt, erfasst die Kamera wie nach und nach die Hochöfen gesprengt werden. Die Treuhand hat die Stilllegung des Werkes verfügt. Mehr als ein Jahrhundert Industriegeschichte verfliegen im Rauch der Detonationswolken, mit ihnen Arbeitsplätze und Lebensleistung, Heimat und Zukunft.

Die FAZ schreibt 1998, als der Film fertig ist: „Mit grimmiger Lust schaut die Kamera den über die letzten fünf Jahre verteilten Sprengungen des verrotteten Stahlwerks im südthüringischen Unterwellenborn zu, und die aufgeschreckte Seele hat erst Ruhe, als auch der Schlot mit der Inschrift 'VEB' zur Erde sinkt.“

Genau! Darum geht es, VEB war in der DDR die Kurzbezeichnung für „Volkseigener Betrieb“. Nicht "nur so eine Idee", sondern der Wunsch, dass wenigstens ein Teil der deutschen Geschichte einmal anders verlaufen könnte als gewohnt. Nun ist sie auch in Unterwellenborn wieder in den ererbten Gleisen.

Und der 4. November? Der ist Geschichte, die sich bekanntlich nicht wiederholt.

12:03 04.11.2014
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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