Scheitern mit Ansage

Afghanistan 2021 könnten zwei Jahrzehnte westlicher Militärpräsenz zu Ende gehen – ein trauriges Lehrstück
Scheitern mit Ansage
Rucksäcke packen, Abmarsch! Wenn die USA ihre Truppen abziehen, werden die anderen Nato-Staaten folgen

Foto: John Moore/Getty Images

Es zählt zu den Phänomenen unserer Zeit, dass mit atemberaubender Geschwindigkeit vergessen oder verdrängt wird, was einst als eherne Gewissheit galt. Man zehrt in politischen Debatten vom Augenblick und will nicht damit behelligt werden, was dem voranging. Ausgeprägt ist dieser Hang zur Amnesie nicht zuletzt dann, wenn es um Konfliktherde und deren Ursachen geht – in Libyen und Syrien, in der Ukraine oder im Jemen. Gegenwart scheint sich im zeitgeschichtlichen Niemandsland zu ereignen. Nicht allein die Zukunft, mittlerweile ist auch die Vergangenheit schwer vorherzusagen. Will heißen, wie etwas wirklich war, hat nur noch wenig damit zu tun, wie es gewesen sein soll und gesehen werden will. Zum Beispiel das westliche Engagement in Afghanistan seit inzwischen fast zwei Jahrzehnten.

Wenn die Zeichen nicht trügen, naht 2021 der Moment, da es dort mit der Präsenz fremden Militärs weitgehend vorbei sein könnte. Womöglich werden verbleibende Kontingente auf symbolisch relevante, aber strategisch verzichtbare Restbestände beschränkt. Sollte Joe Biden den von seinem Vorgänger eingeschlagenen Weg nehmen, dürften die USA von den derzeit 5.000 stationierten Soldaten das Gros abziehen. Donald Trump hat wissen lassen, er wolle bis zum 15. Januar auf 2.500 Militärs herunter. Die Verbände anderer NATO-Staaten, darunter Deutschlands, dürften folgen. Ohne die Amerikaner, vorrangig deren Lufthoheit, stehen sie auf verlorenem Posten. Die nach dem NATO-Rückzug Ende 2014 aufgelegte Mission „Resolute Support“, offiziell mit einem Ausbildungsmandat für die Afghanische Nationalarmee (ANA) versehen, doch zugleich auf Kampfeinsätze geeicht, hätte sich erledigt.

Stigma Salon-Pazifist

Worin bestehen die Konsequenzen einer solchen Demission? Werden in Afghanistan Zustände auferstehen, mit denen einst begründet wurde, dass interveniert werden musste und es zeitweise eine 140.000 Soldaten umfassende, von der NATO rekrutierte Militärpräsenz gab? Für das Doppelte an Zeit, verglichen mit der sowjetischen Besatzung zwischen Dezember 1979 und Februar 1989.

Als die US-Armee am 7. Oktober 2001 mit Luftschlägen begann und das Regime der Taliban innerhalb weniger Tage zum Abgang zwang, sollte eine Basis des internationalen Terrorismus ausgeschaltet werden. Diese habe es dem Al-Qaida-Netzwerk erlaubt – so die Lesart damals –, am 11. September 2001 New York und Washington anzugreifen. Es gelte die Wurzeln einer fundamentalistischen Taliban-Diktatur zu kappen, die ein Land in Geiselhaft genommen habe, den Normen der Scharia folge, Frauen und Mädchen Rechte und Bildung verwehre. Ein von außen erzwungener Regime Change wurde zum Akt amerikanischer Selbstverteidigung und humanitärer Notwehr nach 9/11 erklärt. Er sollte den Weg zu Liberalität, Demokratie und Marktwirtschaft in Afghanistan bahnen, getragen von Ideologie- und Wertetransfer. Wer den Erfolg einer Katharsis unter Besatzungsbedingungen bezweifelte, riskierte im Deutschland der „uneingeschränkten Solidarität mit den USA“ (Kanzler Schröder) die politische Salonfähigkeit. Der Hinweis, Afghanistans tradierte soziale Kultur, seine ethnische Zerklüftung und inbrünstige Religiosität seien resistent gegen Fremdbestimmung, hatte das Zeug zum Sakrileg.

Wer nicht als „Salon-Pazifist“ stigmatisiert sein wollte, musste daran glauben: Die beabsichtigte Transformation verdient das Prädikat realistisch. Für oder gegen das Eingreifen am Hindukusch zu sein, für oder gegen eine Beteiligung der Bundeswehr, wurde zum Lackmustest. Er ließ die Geister scheiden und einteilen in die Zurechnungsfähigen und Unzuverlässigen in Zeiten des Antiterrorkampfes. Wie schon während des Bosnien- und Kosovo-Krieges 1995 bzw. 1999 diente der moralisierende Angriff auf Andersdenkende dazu, die Kontroverse zu beeinflussen und möglichst zu entscheiden, bevor sie begonnen hatte. Jetzt nicht handeln, heißt Schuld auf sich laden, so das Verdikt. Dann bleibt Afghanistan Rückschritt, Willkür und Barbarei überlassen. Deutschland wird am Hindukusch gegen den Terrorismus verteidigt. Ein Argument, an dem besonders absurd war, dass es anfangs mit der Weigerung korrespondierte, wegen der Kämpfe gegen einen bewaffneten afghanischen Widerstand von „Krieg“ zu sprechen.

All das ist mehr als eine Erinnerung wert, sollte es 2021 den finalen Rückzug geben. Wie der gerechtfertigt wird, dürfte Aufschluss darüber geben, ob und wie der längste und opferreichste Auslandseinsatz einer westlichen Militärkoalition nach 1945 aufgearbeitet wird. Darauf Anspruch haben all jene, die von Anfang an Zweifel hegten, rufschädigend verleumdet wurden und rehabilitiert gehören. Zu klären sind Grundfragen: Wozu wird in Kriege gezogen, von denen man nicht wirklich weiß, wohin sie führen, dauern sie länger als erwartet? Warum konnte man der Illusion erliegen, in Ländern wie Afghanistan lasse sich das historische Trägheitsmoment außer Kraft setzen, sobald ihnen die Verwestlichung winkt? Inwieweit ist dieser Irrtum (aus Ignoranz?) einer politischen Kultur zu danken, die in Deutschland dazu führt, dass sich die interventionistische Versuchung zur Staatsräson aufschaukelt? Schließlich: Ist das Unternehmen Afghanistan auch deshalb gescheitert, weil statt der humanitären ganz andere Ziele maßgebend waren? Weil die NATO als Militärpakt um den Nachweis bemüht war, einen asymmetrischen Krieg gewinnen zu können? In der disparaten Welt des 21. Jahrhunderts ließ sich damit Weltordnungsmacht demonstrieren. Eine, die nicht nur dem von Staaten geprägten Konflikttyp gerecht wird, wie er noch 1999 beim NATO-Luftkrieg gegen Serbien und Montenegro bestimmend war, sondern neuen Kriegen gewachsen ist.

War es so – und vieles spricht dafür –, wirft das schon wegen laufender und künftiger Auslandseinsätze der Bundeswehr die Frage auf: Warum wurde die strategische Falle übersehen, in die man sich am Hindukusch locken ließ? Ein unterlegener Gegner profitierte davon, dass der Konflikt auf seinem Terrain zum Austrag kam. Die Taliban begünstigte neben der lokalen Expertise eine bereits gegen die Sowjetarmee erprobte Guerillataktik, die Verwurzelung in einer Clan-Gesellschaft sowie der Wunsch einer paschtunischen Mehrheitsbevölkerung nach Selbstbestimmung. Die Besatzungstruppen taten ein Übriges, wenn ihr militärisches Kalkül die humanitäre Mission konterkarierte. Erinnert sei an den 4. September 2009, als auf Befehl eines deutschen Kommandeurs zwei von den Taliban gekaperte Tanklastzüge im Raum Kunduz bombardiert wurden. 146 Menschen, darunter viele Kinder, starben in einem Feuerball. Ein angeblich auf Zivilisationsschutz ausgerichtetes Engagement ging zum Zivilisationsbruch über.

Der Vorfall deutete auf eine zweite, größere Falle, in die der Westen als Staatenbündnis und auf Selbstvergewisserung bedachte Ideologiefabrik geraten kann, will er seine Interessen gegen Gesellschaften durchsetzen, die als System nur eigenen Normen und Werten vertrauen. Darauf mit Massenmord wie in Kunduz zu antworten, sollte Anlass sein, vor sich selbst zu erschrecken und zu begreifen, was der Ruf nach mehr deutscher Verantwortung in der Welt unter anderem meint.

Die Anhänger der Maxime – mit unseren Waffen andere Länder befrieden – müssen es sich gefallen lassen, dass im Fall Afghanistan auf kollektive Schuld erkannt wird. Ein solches Fazit berührt nicht nur Vergangenheit. Es warnt vor einer Zukunft, deren Devise lautet: Dann eben mit besseren Waffen Befriedung schaffen. Die mit denunziatorischen Vorwürfen aufgeladene Diskussion, ob die Bundeswehr mit modernen Kampfdrohnen aufgerüstet werden soll, ist Beleg genug. Der jüngste Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan hat vorgeführt, wie sehr dieser Waffentyp dem Angriffsvermögen von Streitkräften zugutekommt. Sagt das nicht genug?

Zu konstatieren bleibt, wer in Afghanistan 2001 gegen die Autokratie der Taliban geschützt werden sollte, könnte 2021 weiterhin auf Schutz angewiesen sein. Was hat sich geändert? Noch verhandeln die Taliban in Katar mit der Regierung aus Kabul. Bisher zeichnet sich ab, dass die 2011 von Barack Obamas Außenministerin Clinton zur „roten Linie“ erklärten Essentials – Gewaltverzicht, keine radikalislamische Agenda, Anerkennung der afghanischen Verfassung von 2004 – nicht gesetzt, sondern verhandelbar sind.

Auch wenn die Taliban eine Rückkehr zum Kalifat von 2001 ausschließen, werden sie die absehbare Machtbeteiligung nutzen, um ihrem Weltbild und Gesellschaftsentwurf zu dienen. Wer sollte sie daran hindern? Die mutmaßlichen Schutzmächte wollen nicht einen – sie wollen ihren Schlussstrich ziehen. Ein Lehrstück in Selbstüberschätzung, Anmaßung und Vertrauensbruch. Auf die Idee, ein solches Paradigma der Zeitgeschichte zu verscharren, käme nicht einmal Sisyphos. Und das will etwas heißen.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 10.01.2021
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 02/2021

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