Scherben als Glücksfall

Weltwirtschaft Es fiel Donald Trump nicht weiter schwer, den G7-Gipfel zu torpedieren. Überlebt haben sich die Treffen nicht erst seit dieser neuerlichen Posse
Scherben als Glücksfall
Auf und davon

Foto: Leon Neal / Getty Images

Das war ein erster Wirkungstreffer von Kim Jong-un noch vor dem Singapur-Treffen, für den er gar nicht selbst sorgen musste, der aber trotzdem platziert ausfiel. Denn soviel steht fest, seit seinem schwungvollen Gipfel-Ausstieg im kanadischen La Malbaie hat sich Donald Trump für seine Sondierungen mit Nordkorea am 12. Juni unter Druck gesetzt. Er kann keinen Eklat mit dem nordkoreanischen Staatschef provozieren und womöglich dessen Abreise riskieren – er braucht ein Ergebnis, das sich als Erfolg deklarieren und von dem sich sagen lässt, dazu sei außer ihm niemand fähig gewesen wäre.

Ansonsten gilt: Auch wenn es die G7, wie man sie kannte, vorerst nicht mehr geben dürfte, bleibt die Welt, wie sie ist, ob nun der US-Präsident ein solches Meeting vorzeitig und mit großem Knall verlässt – oder nicht. Es werden weiter Menschen im Mittelmeer ertrinken, fortgesetzt Palästinenser an der Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen erschossen, Jemeniten sterben, weil über ihren Köpfen saudische Bomben ausgeklinkt werden, in Kabul Menschen unter zusammenbrechenden Häusern ersticken, wenn der Bürgerkrieg ihre Hauptstadt abgrast. Niemand erwartet, dass ein G7- oder demnächst G6-Treffen dieses Unheil umgehend aufhält. Das Problem besteht eher darin, dass sich mit solchen Gremien zuletzt auch nicht die geringste Aussicht verband, den Zivilisationsbrüchen eines Zeitalters irgendwann wirkungsvoll Einhalt zu bieten. Längst war der Glaube verloren, dass die beteiligten Mächte das wollen und auch können.

Wäre es dazu gekommen, hätte es ein Zeichen gegeben, wie sich internationaler Verantwortung entsprechen lässt. Doch die wird von den USA, von Kanada, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Italien und Japan zwar beansprucht, aber nicht wahrgenommen. Wer darauf hofft, täuscht sich selbst.

Kurzerhand geschlossen

Insofern ist es kein Verdienst von Donald Trump, wenn G7-Gipfel nach seinem Auftritt und Abgang von La Malbaie mehr denn je als anachronistisches Fossil der Anmaßung und des Selbstbetrugs erscheinen. Sie wirken lange schon überlebt, dass es nicht sonderlich überrascht, wenn die G7-Teilnehmer in Kanada vorgeführt wurden und sich selbst vorgeführt haben.

Möglich wurde das, weil der US-Präsidenten einmal mehr vorexerziert hat, welche Kraft und welches Durchsetzungsvermögen der Populismus aufzubringen vermag, um eine Filiale des westlichen Bündnissystems aus den Angeln zu heben – wenn man so will: kurzerhand zu schließen. Wenn die in den zurückliegenden Jahrzehnten in der Regel für zwei oder drei Tage geöffnet war, geschah das unter Ausschluss der Öffentlichkeit, als seien die Betreiber auf der Flucht, mindestens aber auf strikte Abschottung und Abgeschiedenheit bedacht.

Man denke nur an das von See her, aus der Luft und zu Lande abgeriegelte Ostseebad Heiligendamm Anfang Juni 2007 oder die Hermetik des Schlosses Elmau in Bayern etwa um die gleiche Zeit acht Jahre später. Und wann haben sich Regierungschefs der G7 oder bis 2013 der G8 je der Mühe unterzogen, Rechenschaft abzulegen vor eigenen Parlamenten, was denn von all den Gipfelerklärungen tatsächlich zur politischen Tat wurde. Da musste es Donald Trump notgedrungen leicht fallen, sich jetzt in Kanada gegen die Arroganz der Etablierten zu inszenieren. Er tat das nicht als Überzeugungstäter oder gar Revolutionär, sondern um seinem Selbstverständnis und seinen Sympathisanten in den USA einen Gefallen zu tun. Vor den im November anstehenden Kongresswahlen erscheint das ratsam. Zudem wird der Ruf des einsamen Wolfs bedient, der sich von Frau Merkel nicht mit einem Glas Milch abspeisen lässt.

Protektionismus en marche

Wenn in der Vergangenheit die Karte der nationalistischen Obsession erst einmal ausgespielt war, ließ sich die nie abrupt oder leicht zurückziehen. Regierungen haben damit Völker in Weltkriege manövriert, aus denen es kein Entkommen mehr gab. Wenn die westliche Staatenallianz heute Konkurrenz, Hader und Diffamierung verfällt, können daraus unversehens Gegnerschaft, Hass und Gewalt werden. Wer das für überzogen hält, sollte des 20. Jahrhunderts gedenken und nach den Gründen fragen, die jenseits aller propagandistischen Nebelwerferei auf den Kriegspfad führten. In der Regel wurde der nicht über Nacht beschritten, sondern mit schlafwandlerischer Sicherheit dem Abgrund entgegengestrebt, wie das der britische Historiker Christopher Clark für den Vorabend des Ersten Weltkriegs beschrieben hat.

Es ist im Übrigen ein Irrtum zu glauben, dass Handelsbarrieren mit der Präsidentschaft Donald Trumps in die Welt kamen. Sie waren lange vor ihm an der Tagesordnung, denn über 7.000 protektionistische Maßnahmen wurden allein durch die Welthandelsorganisation WTO seit der Weltfinanzkrise gezählt, die 2008 begann und weiter schwelt. Dies passte zu einer globalen Stimmung, die nationales Handeln über multilaterale Zusammenarbeit stellte. Trumps „America First“-Doktrin hat dies nur auf die Spitze getrieben und dem Ansatz dank amerikanischer Macht weltweit Geltung verschafft.

11:50 11.06.2018
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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