Schild oder Schwert

Polen/Russland Mit dem Besuch von Dmitri Medwedjew in Warschau begeben sich zwei Staaten auf einen „langen Marsch“, um ihre Beziehungen von einer Passion zur Provokation zu befreien

Wladimir Putin hat im April eine Schneise in all das Misstrauen und die Antipathien geschlagen, die für das Verhältnis zwischen Polen und Russland über Jahre hinweg unverzichtbar schienen. Er half Premier Donald Tusk, als der bei Smolensk – am Absturzort der Präsidentenmaschine Lech Kaczynskis – vor Trauer zusammenbrach. Seither wirkt der Umgang beider Regierungen und Öffentlichkeiten weniger verkrampft, aber nicht wirklich gelöst. Der Warschau-Besuch von Präsident Dmitri Medwedjew bringt mehr Annäherung an eine gebotene Normalität als den spektakulären Durchbruch.

Es bleibt mancher Dissens, der nicht auf die allseits stabile Partnerschaft schließen lässt. Vielmehr gilt das Prinzip mehr Koexistenz, weniger Dissens. Polen hat sich bisher nicht entschließen wollen, seine Parteinahme für Tiflis im georgisch-russischen Konflikt abzublasen. Auch scheint Warschau nur mäßig entzückt, wenn Moskau dank der Präsidentschaft von Viktor Janukowitsch in Kiew wieder Fuß fassen darf. Unter dem Staatschef Lech Kaczynski wäre eine NATO- oder EU-Aufnahme des östlichen Nachbarn nie mit einem Veto bedacht, stattdessen als erwünschte Heimsuchung des großen Antipoden quittiert worden. Polen hat nach 1990 eine beschleunigte Westdrift, die sich besonders als hingebungsvolle, manchmal ergebene Amerika-Treue empfahl, mit der Gefahr aus dem Osten erklärt, aber selten durch Tatsachen begründet. Als die Bush-Administration auf polnischem Gebiet eine Raketenabwehr dislozieren wollte, hatte man nichts einzuwenden, obwohl die anti-russische Pointe des Vorhabens schwer zu übertreffen war. Der Kreml protestierte, ersparte sich aber den Vorwurf: Aus einem Schild könne auch ein Schwert werden.

Nachbarschaft mit dem steten Hang zur Kollision lässt aus Fremdheit schnell Feindschaft werden. Auch der starre Blick auf die Geschichte, auf den Lech Kaczynski bestand, und das Verlangen nach dem Eingeständnis historischer Schuld wirken in diese Richtung. Was die Sowjetunion unter Stalin zu verantworten hat, kann Russland nicht auf ewig stigmatisieren. Aus einer Passion der Erinnerung wird irgendwann eine Passion der Provokation, die heute weder dem Polen des Präsidenten Komorowski noch dem Russland Medwedjews und Putins gerecht wird.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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