Schwarzer Despot?

SIMBABWE UND MUGABE Die Ikone von einst wird heute als Fossil verschrieen

Die tradierte Wahrnehmung der Vorgänge in Simbabwe (Stichwort Farmbesetzungen) durch hiesige Medien garantiert beim Blick auf die anstehenden Wahlen die folgenden Fragen: Was vermag die Opposition - verkörpert besonders durch die MDC (Movement for Democratic Change) - gegen die regierende Simbabwe African National Union - Patriotic Front (ZANU-PF) Robert Mugabes? Wenn sie etwas vermag, wie wird sich das im Ergebnis niederschlagen? Oder: Inwieweit kann internationale Wahlbeobachtung Wahlmanipulation verhindern? Wie angeschlagen oder wie konsolidiert wird das Präsidialregime des Robert Mugabe aus dieser Abstimmung hervorgehen? Hat es sich gelohnt, die Frage der Landreform und der Besetzung weißer Farmen ins Zentrum des Wahlkampfes zu stellen?

Und die Antwort auf alle diese Fragen wird vor allem um eines wissen lassen: Robert Mugabe und sein System haben - erwartungsgemäß - eine weitere Schlacht im Krieg gegen ihr Negativ-Image verloren. Daran können weder eine überzeugend gewonnene, noch eine überzeugend verlorene Wahl etwas ändern. Mugabe bleibt auf Lebenszeit der autoritäre, machtversessene Despot, was in Westeuropa - nicht zuletzt in Deutschland - mindestens soviel mit dem Bedarf an Selbstgewissheit und Überlegenheitsgefühl zu tun hat wie mit dem Betreffenden selbst. Die Zustände in der Republik Simbabwe werden nur allzu bereitwillig mit dem Chaos und der Anarchie Sierra Leones oder Kongo-Zaires verglichen. Unterschwellig wabert die Frage: Ist es in Simbabwe nicht weitaus schlimmer? Wird nicht dort der weiße Mann vom Rachedurst schwarzer Horden gerade so verfolgt, als sollte eine Orgie entfesselter Wildheit der finalen Entkolonisierung zum Durchbruch verhelfen? Die Mau-Mau-Bewegung des 21. Jahrhunderts in der Schreckensgestalt amoklaufender Landbesetzer? Diesmal nicht in Kenia, sondern in Simbabwe? Der weiße Farmer als Sündenbock für das Unvermögen einer schwarzen Unabhängigkeit? Und ein schwarzer Fra Diavolo zieht mit mutmaßlichem Wohlbehagen die Fäden. Erinnert Robert Mugabe an Adolf Hitler?, fragen Zeitungen im Land der einstigen Kolonialmacht mit zynischem Wohlbehagen. Drapiert sich nicht tatsächlich einer seiner Paladine namens Chenjerai Hunzvi, der Führer des schwarzen Veteranen-Verbandes, mit dem "Kampfnamen" Hitler?

Sind diese Stigmen erst einmal an den Mann gebracht, hat die schwarze Landnahme nur noch wenig mit gerechter Landverteilung zu tun - mit dem Umstand, dass über 20 Jahre nach der Unabhängigkeit 4.000 weiße Farmer elf Millionen Hektar fruchtbares Land besitzen, während 800.000 schwarze Subsistenz-Landwirte auf 22 Millionen Hektar überbeanspruchten Böden ein armseliges Dasein fristen. Sind die Landbesetzungen ein Schurkenstreich - der Überlebenskampf einer von Dekadenz und Korruption zerfressenen Clique? Mugabe inszeniert seinen Tanz ums Goldene Kalb, Hand in Hand mit den seligen Idi Amin und Bokassa - relativiert das nicht wohltuend den Vergleich mit Hitler, ohne ihn vergessen zu lassen?

Der zivilgesellschaftlich geläuterte Blick auf Afrika produziert nun einmal viel Ikonen-Schrott. Robert Mugabe - für viele westeuropäische Linke in den siebziger Jahren das Traumbild eines Revolutionärs der Dritten Welt - gehört unwiderruflich dazu. Sein Slogan vom "Vertrauen in die eigenen Kräfte" klang einmal nach afrikanischem Sozialismus und war doch eine leicht verderbliche Ware. So sind aus den Anhängern von einst inzwischen Ankläger geworden, die das Idol von einst als Fossil verachten. Derartiges rühmt eigene Lernfähigkeit. Sie verargt es Mugabe, dass ihm der Boden seiner schwarzen Heimat noch immer oder jetzt erst recht als soziale Ressource gilt - und nicht als ausschließlich ökonomische. Gibt er damit vielleicht auch zu verstehen, wie sehr ihn der Traum von einer wahren Unabhängigkeit Simbabwes noch immer verfolgt? Könnte auch davon das Wahlergebnis beeinflusst werden?

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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