Seele um Seele

Israel Angriffe aus Gaza und auf Gaza zeigen, wie heftig das Pendel von Gewalt und Gegengewalt derzeit wieder hin und her schlägt. Offenbar kann es niemand aufhalten
Ausgabe 28/2014
Palästinenser liefern sich nahe Ramallah Gefechte mit der israelischen Armee
Palästinenser liefern sich nahe Ramallah Gefechte mit der israelischen Armee

Foto: Abbas Momani/ AFP/ Getty Images

Die medialen Reflexionen über Gaza, die Westbank und Israel bedienen eine Suggestion, gegen die sich zunächst kaum etwas einwenden lässt. Man habe es mit einer Spirale der Vergeltung zu tun, wird souffliert, die sich nicht aufhalten lasse. Israelis und Palästinenser handelten nach dem Prinzip Auge um Auge, Zahn und Zahn, wie es im 2. Buch Mose steht. Nachdem man die drei vermissten Talmud-Schüler erschossen auffand, wurde ein 16-jähriger Palästinenser bei lebendigem Leibe verbrannt. Nach diesem Mord waren wieder die Palästinenser am Zug und so weiter.

Doch beim Beschuss israelischer Städte mit Raketen aus Gaza und Luftschlägen der Israelis auf Gaza erfahren Aktion und Reaktion noch einen anderen Schub. Ein zerstörerischer Luftkrieg ist die logische Konsequenz eines zerstörten Friedensprozesses und einer blamablen Kapitulation der US-Diplomatie vor diesem Desaster. Jetzt müssen Israelis und Palästinenser gleichermaßen dafür büßen, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Eine Million Menschen in Gaza sind den Angriff schutzlos ausgeliefert und werden kollektiv bestraft, nach den Operationen Gegossenes Blei (2008) und Wolkensäule (2012) zum dritten Mal in kurzer Zeit. Was werden sie noch aus der Asche klauben, sollten sie das Glück haben zu überleben?

Das Pendel aus Gewalt und Gegengewalt schlägt seit Jahrzehnten hin und her, als könnte es nie mehr stillstehen. Als hätten sich zwei Völker durch tödlichem Hass ineinander verkeilt, weil sie glauben, anders nicht existieren zu können. Einer Macht des Schicksals gehorchend, vor der es kein Entrinnen gibt?

Sehr her, wir tun, was wir können ...

Dabei zeigt alles, was gerade geschieht, nur eines: Wie verzweifelt beide Seiten einen Frieden brauchen, der sie vor sich selbst schützt. Und wie unerlässlich es ist, statt alttestamentarische Mythen zu bemühen, auf jene zu weisen, die genau das verhindern. Wenn es Premier Benjamin Netanjahu für unzumutbar hält, dass Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas eine Regierung führt, die von Hamas toleriert wird, ohne dass die nur einen einzigen Minister stellt – wenn das so schrecklich ist, warum wurde dann mit Abbas nicht ein Vertrag nach dem anderen geschlossen, als sich Fatah und Hamas in inniger Feindschaft gegenüberstanden? Es dauerte immerhin sieben Jahre, bis es zur Versöhnung kam. Abbas hätte sich vor Zuspruch unter den Palästinensern kaum retten können und der Hamas das Wasser abgegraben, wären ihm israelische Regierung entgegen gekommen, anstatt die Landnahme der Siedler voranzutreiben und auf die stupide Botschaft bedacht zu sein: Sehr her, wir tun, was wir können, euren Staat zu verhindern. Abbas war kompromissbereit bis zur Selbstaufgabe. Er machte Zugeständnisse beim Rückkehrrecht der Flüchtlinge oder beim Gebietsaustausch zugunsten der Siedlungen.

Warum durfte es nicht sein, dass seine Mäßigung Erfolg hat, die Maßlosigkeit der Hamas aber nicht? Weil keine Partner will, wer Feinde braucht? Das ist der notorische Reflex von Regierungen wie der von Benjamin Netanjahu israelischen, die sich durch eine Politik des permanenten Rechtsbruchs in einen permanenten Verteidigungszustand manövrieren und das eigene Volk gleich mit. Das sich loyal verhält, weil es aus der Erfahrung jahrhundertelanger Verfolgung der Überzeugung folgt: Juden müssen gegen Nicht-Juden zusammenstehen oder werden untergehen.

Also bleibt es nicht nur beim Auge um Auge, Zahn um Zahn, auch beim Hand um Hand, Fuß um Fuß, Wunde um Wunde, wie es im 2. Buch Mose weiter heißt? Das „Seele um Seele“ nicht zu vergessen.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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