Späte Einsicht eines Warlords

McNamara Der einstige US-Verteidigungsminister Robert McNamara ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Sein Name bleibt untrennbar mit dem Vietnam-Krieg verbunden

Als sich das politische Establishment der USA in den achtziger Jahren von der Niederlage in Südvietnam langsam erholte, durfte wieder mehr nach den Ursachen der Schmach gefragt werden. Besonders nach dem Beginn des Fiaskos, dem ersten Schritt ins gewagte Abenteuer. Schnell war klar, dass John F. Kennedy das militärische Engagement geschickt soweit getrieben hatte, dass es bald kein Zurück mehr gab. Zwei seiner engsten Vertrauten hatten ihn darin bestärkt, in Indochina die Weltmachtrolle der USA in die Waagschale zu werfen: Außenminister Dean Rusk und sein Verteidigungsminister Robert McNamara. Der vor allem war der Meinung, dass sich mit Flammenwerfern der Kommunismus aufhalten ließe. Es war die Zeit der Domino-Theorie. Wenn wir heute Südvietnam verlieren, dann morgen Kambodscha und Laos und übermorgen Thailand, hieß das US-Credo.

Feuerkraft ist alles

40 Jahr später, im hohem Alter, kannte McNamara keine Scheu, um einzugestehen, wie sehr er sich damals geirrt habe. In seinen letzten Lebensjahren teilte er in Büchern, bei Interviews und Vorträgen immer wieder mit: Kriege müssen kurz sein, wenn man sie schon riskiert. Amerikanische Soldaten dürfen nicht in Bodybags zurückkehren. Wie damals aus Vietnam. Den Strategen des Irak- und Afghanistan-Krieges sollte das nicht nur bekannt sein, sondern in den Ohren dröhnen. Auch Barack Obama, der mit seinen bald 100.000 Mann in Afghanistan und in Pakistan allen neuen Strategien zum Trotz auf Overkill setzt und doch nie wird befrieden können, was sich fremder Beherrschung seit Jahrhunderten entzieht.

Robert McNamara hatte als Verteidigungsminister seinem zweiten Dienstherren nach Kennedy, dem demokratischen Präsident Lyndon B. Johnson, suggeriert, dass in Südvietnam über 600.000 Mann stationiert sein müssten, um die eigene Überlegenheit ausspielen zu können. Feuerkraft ist alles, hieß die Parole. Und wenn die nicht reicht, verlässt man sich auf die Luftwaffe, auf Napalm und Bombenteppiche. Auf der Gipfelkonferenz von Manila versammelten die Amerikaner im Herbst 1966 ihre Alliierten, um sie zur letzten Anstrengung zu vergattern, die einem Sieg über den Kommunismus in Indochina vorausgehen müsse – McNamara gehörte zu denen, die sich für eine intensivierte Kriegführung aussprachen. Das sei ein Fehler gewesen, meinte er Jahrzehnte später, auch wenn es keine Fehler bei den Werten und Ziele gegeben habe.

Ohren auf der Wäscheleine

Doch die gab es. Allein mit dem 1966 unter Verantwortung der Regierung und der CIA aufgelegten Phoenix-Programm. Nach dessen Vorgaben haben die Amerikaner und ihre südvietnamesischen Assistenten Zehntausende Vietnamesen gefoltert und getötet. Die Vernehmer trieben den Gefangenen Bleistifte in den Gehörgang oder stürzten sie aus Hubschraubern in den Dschungel, erinnert sich der damalige CIA-Berater Barton Osborn. Im Wohnhaus von CIA-Agenten und anderen Gemeindienstlern in Da Nang hätten die Bewohner Ohren von Phoenix-Opfern zum Trocknen auf Wäscheleinen gehängt. Daran wollte sich McNamara nicht erinnern – oder konnte es nicht. An anderes schon. Etwa den Fehler von Kennedy, Johnson und später Nixon, einen global eher zweitrangigen Konflikt zum alles dominierenden Hauptkonflikt zu machen. Bill Clinton vermied das beim US-Engagement auf dem Balkan in den neunziger Jahren. Barack Obama wird das in Afghanistan vermeiden müssen. "Was wir tun, ist einfach falsch. Es ist moralisch falsch, politisch falsch, wirtschaftlich falsch", hatte McNamara im Jahr 2003 Bushs Irak-Krieg kritisiert. Da standen die Amerikaner schon mit mehr als 40.000 Mann am Hindukusch.

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Ihre Freitag-Redaktion

17:20 07.07.2009
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 39/2020

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